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StartseiteKultur heuteDie Stadt und der Krieg31.03.2003

Die Stadt und der Krieg

Wie reagiert die New Yorker Kulturszene auf den Irak-Krieg?

Der Schriftsteller Steffen Kopetzky im Gespräch

Lückert: Herr Kopetzky, Sting sang mal: 'I’m a legal alien', das bezog sich allerdings auf seinen Englishman in New York. Welche Erfahrungen machen Sie zur Zeit, als Abkömmling des Alten Europas - wie reagieren Künstler und Theaterleute auf Sie?

Kopetzky: Ich mache die allerbesten Erfahrungen, weil sich sozusagen eine ganz erstaunlich homogene und, egal wo man hinkommt, gleichbleibende Front gegen den Krieg entdecken lässt und die sich ungeheuer freut und froh ist, Kontakt zum alten Europa halten zu können.

Lückert: Gibt es denn Stücke, die sich wenn nicht mit der aktuellen Lage, dann mit dem Themenkreis Krieg und Terrorismus beschäftigen? Haben Sie so etwas sehen können?

Kopetzky: Soweit sind wir noch nicht. Wir sind gerade einmal dabei, den Afghanistan-Konflikt theatralisch aufzuarbeiten. Kuschnak ist ein ganz wichtiger Gegenwartsdramatiker, der wird jetzt gerade in zwei Wochen eine neue Premiere haben, und das heißt 'Cable Baby'. Das Stück geht ungefähr ein bis zwei Jahre zurück, denke ich mal.

Lückert: Der Afghanistan-Konflikt ist doch in gewisser Weise sozusagen erfolgreich abgelaufen, wenn man will. Also, es ist jedenfalls nicht so unsicher wie in der jetzigen Lage, wo man dann eben sehr kritisch sein könnte, wenn man es will. Wie wird das da bearbeitet?

Kopetzky: Die Theater- und die Kunstszene sehen das ganze militärische Engagement der USA im Augenblick als eine Einheit. Die unterscheiden jetzt nicht zwischen dem Engagement in Afghanistan oder zwischen dem Krieg im Irak. Man ist einfach für den Frieden. Man weiß ja auch, dass die jetzige Administration, zum Teil waren die Leute ja schon vor zehn Jahren an der Regierung, zum Teil gibt es ja die Pläne für diesen Krieg seit etwa 5 bis 6 Jahren, letztlich schon immer vorhatte, Krieg zu führen. Man kann deswegen jetzt auch nicht sehen, dass es etwas anderes wäre als andere militärische Aktionen in den letzten Jahren.

Lückert: In New York hat es ja auch große Friedensdemonstrationen gegeben. Glauben Sie, dass diese bei den meisten Künstlern Anklang finden?

Kopetzky: Viele vergleichen diese Situation im Augenblick mit der Situation zur Zeit des Vietnam-Krieges. Das bekommt man natürlich vor allem von Leuten zu hören, die damals schon gelebt haben und damals auch demonstriert haben. Es gibt auch das Anti-War-Theater-Project. Das ist eine aufgemachte, stehende Bühne, wo jeden Abend Autoren, Regisseure und Schauspieler Texte gegen den Krieg vorlesen, die damals schon gegen den Vietnam-Krieg gelesen worden waren, und damit gegen die augenblickliche Politik demonstrieren wollen. Diese Leute sehen Ähnlichkeiten darin, wie die Polizei eben ihre Kontrollen verschärft und wie die Repression im Inneren zunimmt. Viele vergleichen das eben mit der Zeit des Vietnam-Krieges. Sie haben auch Angst, dass das so weiter geht und dass die Repression zunimmt.

Lückert: Gibt es denn auch andere Stimmen, die sagen, sie hätten Angst vor Saddam oder sie wollten einen anderen Kurs?

Kopetzky: Zumindest in der Theaterszene ist es erstaunlich homogen.

Lückert: Macht Sie das misstrauisch? Homogenität ist ja eigentlich nicht besonders kreativ.

Kopetzky: Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig. Es ist so ungeheuer schwierig, sich ein Bild davon zu machen, was tatsächlich vorgeht. Die Leute, mit denen ich bis jetzt gesprochen haben, misstrauen den Berichten, ob das jetzt Zeitungen sind oder ob es das Fernsehen ist, einfach sehr. Sie fühlen sich letztlich nicht informiert. New York ist eine riesige Stadt und ich habe bisher vielleicht 25 oder 30 Leute, Gruppen und Institutionen getroffen, die aus den unterschiedlichsten Gründen gegen den Krieg sind. Das sind eben zum Teil altgestandene Liberale, die eben zu Zeiten des Vietnam-Krieges schon auf der Straße waren. Das sind ganz junge Leute, die in den letzten Jahren bemerkt haben, wie einfach die Lust auf einen Krieg von offizieller Seite immer mehr gewachsen ist. Wenn man sieht, wie überall die amerikanische Flagge in den Geschäften hängt und wie die Medien mehr oder weniger gleich geschaltet sind, dann ist die Reaktion, dagegen zu sein, auch sehr verständlich, weil die Front für den Krieg eben auch sehr dicht und sehr stark ist.

Lückert: Kommen wir zu einem anderen Thema. Es wurde am Broadway gestreikt, weil die Musiker am Theater wegrationalisiert werden sollten. Wie ist die Lage? Sind Musicals beispielsweise weniger begehrt in Kriegszeiten?

Kopetzky: Nein, ich war jetzt in fünf oder sechs Broadway Shows, seit ich hier bin, und die sind sehr voll, wie immer.

Lückert: Vielen Dank, Herr Kopetzky!

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