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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Staufer und Italien16.09.2010

Die Staufer und Italien

Eine Ausstellung in Mannheim über das bedeutendste Herrschergeschlecht des 12. und 13. Jahrhunderts

In der Epoche Friedrich Barbarossas und der Staufer ist das Mittelalter auf seinem Gipfelpunkt. Das Rittertum und seine höfische Kultur scheinen unerschütterlich. In einer großen Mittelalterschau zeigen die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen den neuesten Forschungsstand.

Von Peter Leusch

Auf der Kuppe des Kyffhäuser-Berges in Thüringen thront das gewaltige Barbarossa-Denkmal. Es zeigt, wie Kaiser Friedrich I., Barbarossa, aus Jahrhunderte langem Schlaf erwacht und in Gestalt Kaiser Wilhelms I. das deutsche Reich wiederherstellt und zu neuer Macht und Größe führt.

Immer wieder, von der Mittelalterverklärung der Romantik und der nationalen Bewegung im 19. Jahrhundert bis hin zu den Nazis, ist Friedrich Barbarossa ideologisch in Dienst genommen worden.
Diesen nationalistischen Mythos zu demontieren, damit beginnt die neue Staufer-Ausstellung in Mannheim.

"Dieses Kyffhäuser-Bild haben wir in einer modernen Inszenierung als Empfangsfigur: ein überlebensgroßer Herrscher, der im ersten Moment imposant wirkt, der aber dann beim näheren Hinsehen sich in seine Einzelbilder zerteilt. Man könnte sagen: So viele Bilder oder Täfelchen, die den Kaiser darstellen, so viele Bilder haben die Menschen auch von den Staufern."

Wir haben das Foto des Barbarossa-Denkmals buchstäblich in Facetten zerlegt, erklärt Alexander Schubert, Historiker und Mitglied im Kuratorenteam.

Die Ausstellung nimmt die gesamte Epoche der staufischen Herrscher von 1138 bis 1268, das Hochmittelalter, in den Blick - aber sie ändert die Perspektive. Es ist keine am späteren deutschen Nationalstaat orientierte, sondern eine europäische Sicht des Heiligen Römischen Reiches. Und im Fokus stehen auch nicht die Grundpfeiler mittelalterlicher Herrschaft, nicht die Statik interessiert, sondern die Veränderungen und Innovationen in drei ausgewählten Regionen.

Innovation - das scheint auf den ersten Blick ein Fremdwort, wenn vom Mittelalter die Rede ist. Und doch hätten schon die Zeitgenossen, so der Heidelberger Historiker Stefan Weinfurter, die Dynamik bestimmter Regionen wahrgenommen.

"Man kann in der Chronik des Otto von Freising, der Mitte des 12. Jahrhunderts schreibt, schon sehen, dass er bestimmte Räume hervorhebt. Er sagt zum Beispiel, dass der rheinische Raum von Basel bis Mainz die größte Kraft im Reich besitzt, dass man hier große Menschenmengen ernähren kann, eben für einen Königshof von allen Seiten hier die entsprechenden Grundlagen zusammenführen kann, dass es eine Stadtlandschaft ist mit einem hohen Kulturstand, und er macht auch klar, dass der Rhein so etwas wie die Hauptschlagader Europas ist, - der Rhein zieht von allen Seiten her die Impulse auf sich und ist ein Handelsweg allererster Güte. Auf dem Rhein fahren im Mittelalter meines Erachtens viel mehr Schiffe als in der heutigen Zeit: die Autobahn Europas schlechthin."

Der Raum Rhein-Main-Neckar entwickelt sich dynamischer als andere Regionen im Reich. Die staufischen Herrscher, ursprünglich ein schwäbisches Herzogsgeschlecht, verlagern ihr Machtzentrum an den nördlichen Oberrhein. Hier errichten sie neue prachtvolle Herrschaftssitze, die Königs- und Kaiserpfalzen in Gelnhausen, Hagenau und Kaiserlautern. Immer häufiger halten sie sich mit ihrem Gefolge aber auch in den prosperierenden Städten der Region auf, in Worms, Mainz und Speyer. Durch ihre Präsenz stärken und straffen die Staufer ihre Herrschaft, aber unter dieser Oberregie erweitern auch andere politische und gesellschaftliche Akteure ihren Handlungsspielraum: der Mainzer Erzbischof, der Pfalzgraf, die adligen Landherren. Und vor allem die Städte.

"Da sehen wir, dass in Städten wie in Worms, aber auch in Mainz und in Speyer schon um 1100 die Bürger sich organisieren, dass sie reich werden, und dass sie sich bereits in der frühstaufischen Zeit außerordentliche Sonderrechte aneignen können. Nämlich vor allem diejenigen, keine oder nur sehr geringe Erbschaftssteuern zahlen zu müssen - ein Thema bis heute - dann auf dem Sektor der Steuern insgesamt bekommen sie Befreiungen, wenn sie in bestimmte Städte kommen, sind sie vom Straßenzoll befreit, das fördert natürlich die wirtschaftliche Situation in diesen Städten ungemein, und das führt dazu, dass diese Landschaft auch vom Materiellen her unendlich reich wird."

"Garten der Wonne" nennt der staufische Chronist Otto von Freising die Lombardei. Die vom milden Klima gesegnete Landschaft am Po ist eine reiche Region, reich aber nicht nur wegen ihrer Fruchtbarkeit, sondern weil hier eine Stadtkultur entstanden ist, die Europa den Weg weist. Aus der Vielzahl der Kommunen ragt die Stadt Mailand heraus, schon im 12. Jahrhundert stellt sie eine Metropole mit circa 200.000 Einwohnern dar.

"Wir haben virtuelle Stadtmodelle konstruieren lassen am Computer da kann man an der Bildschirmpräsentation in die mittelalterliche Stadt gehen und sehen, wie stark sich dann Worms von Mailand oder Palermo unterscheidet, allein schon in der Ausdehnung, verglichen mit Mailand ist Worms ein Dorf, man erkennt zwar den Dom und wenige Zentralbauten, die man bis heute kennt, aber ansonsten ist es sehr klein, während Mailand selbst für den modernen Betrachter schon eine Monumentalität hat."

Oberitalien mit dem Zentrum Mailand ist die zweite Innovationsregion der Stauferausstellung, erklärt der Generaldirektor der Mannheimer Reis-Engelhorn-Museen, Alfried Wieczorek:

"Mailand ist die große riesige Metropole, die alles anzieht, und in der nicht die Landwirtschaft, sondern Handel und Wandel im Vordergrund stehen, es sind die Kaufleute, es sind die Handwerker, die Manufakturbetriebe, die das Wesen der Stadt bestimmen und eben nicht die bäuerliche Struktur des Umfeldes - was zu einem nicht unerheblichen Teil die Gestalt ausmacht."

Die oberitalienischen Städte erfanden in der Stauferzeit gleichsam das moderne Bankwesen, Begriffe wie Konto und Saldo, brutto und netto bezeugen das bis heute. Von hier trat die Geldwirtschaft ihren Siegeszug an und prägte die künftigen Verhältnisse auch in den Städten nördlich der Alpen.

Friedrich Barbarossa zog gen Mailand, nicht nur um seine Königshoheit durchzusetzen, sondern auch der reichen Steuereinnahmen wegen. Auf einem seiner Kriegszüge hat er zwar Mailand schwer zerstört, aber die Stadt hat sich im Bündnis mit anderen lombardischen Kommunen letztendlich behaupten können.

So formte und festigte sich in den oberitalienischen Städten ein historisch neues bürgerliches Selbstbewusstsein.
Alfried Wieczorek:

"Wenn wir schauen in die Region Oberitalien, die wir als eine der Referenzregionen darstellen, so ist es die Zeit, in der sich die oberitalienischen Städte frei machen von fürstlicher Gewalt, natürlich dann auch von kaiserlicher und königlicher Gewalt, das bedeutet Konflikt mit den Staufern, aber es wird eine städtische Gesellschaft, die sich hier in Ansätzen bildet, die auf dem Weg dazu ist, sich frei zu etablieren, das Bürgertum in den Vordergrund zu stellen, und die eigene Wirkungskraft gegen die fürstliche zu setzen, das ist etwas Bedeutsames, und das hat eine Auswirkung bis in die Gegenwart."

Heinrich VI, der Sohn Friedrich Barbarossas gewann durch Heirat das normannische Königreich Sizilien, wozu auch weite Teile Unteritaliens gehörten. Es war ein multikultureller Raum par excellence: in Sizilien lebten ungefähr 80 Prozent Araber, daneben Griechen in den Küstenstädten Messina und Agrigent. Und die Griechen wiederum dominierten auf dem südlichen Festland, weiter nördlich gab es aber auch latinisch geprägte Fürstentümer wie Capua und Salerno.
Stefan Weinfurter:

"Arabisch, Griechisch, Lateinisch, und es kommt auch noch Hebräisch dazu - diese vier Sprachen halten sich bis weit in die Zeit Friedrich II. hinein. Es gibt Grabsteine, die in drei bis vier Sprachen beschriftet sind, einen Toten, und an den vier Seiten eines Grabsteins wird nun der Tote in vier Sprachen dargestellt, das ist schon bemerkenswert."

Ein multikultureller Raum mit Menschen verschiedener Religion, Sprache und Tradition verlangt besonders klare Regeln und einen strengen Rahmen, damit ein friedliches Zusammenleben gelingen kann. Diese historische Lehre könnte man vielleicht aus dem Beispiel des mittelalterlichen Sizilien auf die Gegenwart übertragen. Allerdings lösten schon die normannischen Könige diese Aufgabe mit einem heute unannehmbaren diktatorischen Konzept, wo kein Widerspruch gegen die königliche Zentralgewalt geduldet wurde. Diese Politik entwickelten die Staufer Heinrich VI. und sein Sohn Friedrich II mit einer Konsequenz weiter, dass sich im Königreich Sizilien - in dieser dritten Innovationsregion - bereits der absolutistische Staat der frühen Neuzeit abzeichnete, aber auch, im Anschluss an die Antike, eine neue moderne Rechtssicherheit:

"Man hat gerade in der staufischen Zeit, besonders unter Friedrich II. hier die Gesetze neu gefasst, man hat sie zusammen ediert, das ist seit Justinian im Römischen Reich das erste Mal, dass wirklich so in einer Komplexität neu aufgegriffen und gefasst wird - das zeigen wir auch in unserer Ausstellung - wir müssen aber auch zeigen: Das ist ein stark hierarchisch strukturierter Staat, ein Herrschaftswesen, das letztlich alle Dinge von oben herab bis nach unten möglichst in allen Schattierungen zu lenken versucht und das in jener Zeit auch tatsächlich schafft."

"Es wird nicht nur der staatliche Bereich regelt, es werden nicht nur Gesetze für Beamte erlassen, für das Verhindern der Korruption - es wird alles geregelt, der ganze medizinische Bereich, es werden Höchstpreise für Arzneimittel aufgestellt, was uns ja auch heute beschäftigt, es werden auf dem wirtschaftlichen Gebiet Staatsmonopole eingerichtet, Musterhöfe, Musterunternehmen aufgebaut, und es wird auch darauf geachtet, dass sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen einigermaßen vertragen, und dass sie weitgehend dasselbe Recht vor dem Justitiar haben, dass das Recht für alle gilt, moderne Ansätze, die wir heute durchaus so unterschreiben können."

Die Welt des Mittelalters wandelte sich auch auf dem Feld des Wissens. Bislang war das Wissen ausschließlich in den Klöstern zu Hause. Erste Universitäten zum Beispiel in Bologna gab es schon, doch nun in der Stauferzeit forcierte Friedrich II. weitere Gründungen, die die neuen Erkenntnisse in der Medizin, in den Rechtswissenschaften, in der Theologie enzyklopädisch aufnehmen und vertiefen sollten. Er selber war auch ein Forschergeist, der die Natur nicht mehr im biblischen-mythologischen Sinne deuten, sondern naturwissenschaftlich begreifen wollte.
Alexander Schubert:

"Er schreibt selbst ein Buch über die Falknerei, in der er über 100 Vogelarten in ihren Eigenheiten beschreibt, bis heute ist es so, dass Vogelkundler sagen, das meiste was in diesem Buch steht, das stimmt, die Beobachtungen waren richtig, und er räumt darin mit ganz vielen Mythen auf."

Friedrich II, der deutsche Kaiser war in Italien groß geworden. Er beherrschte verschiedene Sprachen, darunter Deutsch wohl am schlechtesten. Friedrich II repräsentiert eine Entwicklung, in der das heilige Römische Reich - Deutscher Nation, hieß es wenig später - sein Machtzentrum nach Italien verlegt hatte. Hier regierten die Staufer, bis ihre Dynastie erlosch. Und hier in Italien zeigten sich auch die nachdrücklichsten Innovationen.

Wie aber fanden diese Neuerungen einen Weg über die Alpen nach Deutschland, wo sich Friedrich II nur selten aufhielt?

"Die staufischen Herrscher sind nicht allein in den Süden gereist, sondern häufig genug haben sie die Edlen des Reiches bei sich geführt, ganze Heeresteile reisen mit, und diese Menschen sehen natürlich diese Errungenschaften des Südens, sie werden mit der mediterranen Kultur vertraut, sie erleben dass es einen medizinisch besseren Standard hat, dass man einen freieren Austausch hat, sie erleben Stadtkultur, und dann ist es mehr als verständlich, dass man das eine oder andere mit sich nach Hause nehmen möchte. Und natürlich lernt man diese herrlichen Bauwerke kennen, das sind diese Beziehungen die dann weiter gehen, dass man versucht Bauleute aus Italien in den Norden zu bringen, es kommt ein großer Austausch zustande, der hätte es nicht die Bewegung in den Süden gegeben, in dieser Weise viel verspäteter stattgefunden hätte."

Friedrich Barbarossa hat das größte Fest des Mittelalters ausgerichtet, das Mainzer Hoffest von 1184. Eingeladen war alles, was adligen Rang und Namen hatte in Europa um dabei zu sein, wenn seine beiden Söhne zum Ritter geschlagen wurden. Die Welt des Mittelalters gelangte auf ihren Höhepunkt, sie inszenierte und feierte sich selbst in der sogenannten höfischen Kultur:

"Die höfische Kultur ist geprägt durch eine Prachtentfaltung, einzigartig, vorher nie dagewesen, man umgibt sich mit Farben, mit Tüchern, mit bunten Kleidern, die Pferde bekommen bunte Decken übergehängt, man hängt sich einen Wimpel an den Speer, - man inszeniert Rittertum, man inszeniert höfische Kultur, durch Turnier, durch festliche Gelage, durch Wettstreit der Sänger, die ritterliches Verhalten preisen, - die Frau spielt eine wichtige Rolle dabei, die man nun verherrlicht, für die man kämpft, etwas völlig Neues, der neue Stellenwert der Frau, ein großer Wandel - Diese Prachtentfaltung kostet Geld, - das Geld erwirtschaften die neuen Städte, die Handels - und Produktionsformen."

Mit der Geldwirtschaft, wo neben dem Adel, nun auch Bürger reich wurden, öffnete sich aber auch eine soziale Schere - Armut wurde schreiend deutlich. Da entstand eine spirituelle Gegenbewegung zur höfischen Kultur und ihrem Prunk, eine christliche Erneuerung, die die gewollte Besitzlosigkeit als gottgefälliges und friedliches Leben erachtete. Franz von Assisi, Sohn eines reichen umbrischen Tuchhändlers, rief zu einem bedürfnislosen Leben auf in der Nachfolge Christi und zur Fürsorge für Armen.

"Diese Franziskaner sind innerhalb von zehn Jahren in ganz Europa verbreitet, und sie finden überall Anhänger, die Leute laufen ihnen in Scharen, in Massen zu, und es ist eine Bewegung, die sehr beweglich ist, ein Orden, der nicht in festen Häusern verankert ist, eine Bewegung von Individuen, jeder Franziskanermönch ist für sich schon der Orden, es ist ein Orden ohne Haus, und diese Anhänger und Mitglieder sind ständig unterwegs und bringen deshalb auch viel Kommunikation in das ganze System, man sieht, dass solche Orden Kommunikationsträger werden für weite Bereiche Europas."

In Deutschland ist es Elisabeth von Thüringen, die sich dem Beispiel Franz von Assisis anschließt und all ihr Hab und Gut an die Armen verschenkt.
Ein Hochmittelalter, das in der höfischen Kultur und mit den staufischen Herrschern seinen Zenit erreicht, ist zugleich durchdrungen von Innovationen, von Kräften des Wandels: Geldwirtschaft und städtische Selbstbehauptung, neues Wissen neben antikem, nun wieder modernem Recht, christliche Reformbewegung - das alles führt die Mannheimer Stauferausstellung sinnfällig vor Augen.

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