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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Sterne lügen nicht, sie schweigen01.01.2008

Die Sterne lügen nicht, sie schweigen

Astrologischer Ratgeber für dieses Jahr und alle folgenden Jahre

Sterndeuter behaupten, die Stellung der Gestirne würde unser Leben beeinflussen. Doch dafür gibt es nicht den geringsten Beleg. Zum Jahresauftakt unternimmt Wissenschaft im Brennpunkt einen launigen Streifzug durch die Tiefen des Kosmos und die Untiefen eines weit verbreiteten Aberglaubens.

Von Dirk Lorenzen

Der Planet Mars ist selbst bei größter Erdnähe noch 56 Millionen Kilometer von uns entfernt. Viel zu weit, um unser Leben irgendwie zu beeinflussen. (ESA)
Der Planet Mars ist selbst bei größter Erdnähe noch 56 Millionen Kilometer von uns entfernt. Viel zu weit, um unser Leben irgendwie zu beeinflussen. (ESA)

Horoskop 1:
"Sie stehen in diesem Jahr vor sehr großen Herausforderungen - keine Angst, Saturn im 3. Sonnenhaus hilft Ihnen dabei."

Horoskop 2:
"Der Skorpion im Januar ist das Beste, was Ihnen passieren kann."

Horoskop 1:
"Neptun sorgt in diesem Jahr dafür, dass Sie Ihr Glück in klingende Münze verwandeln."

Horoskop 2:
"Wenn Sie versuchen, Merkur zu ignorieren, bekommen Sie Probleme."

Horoskop 1:
"Nehmen Sie sich mehr Zeit und horchen Sie mal in sich hinein: Was will der Mond mir sagen?"

Horoskop 2:
"Vorsicht! Eine Uranus-Mars-Konjunktion sorgt für Verletzungsgefahr."

"Prognosen sind schwierig, besonders dann, wenn sie die Zukunft betreffen" spottete schon Karl Valentin vor vielen Jahren. Doch das hält die Zunft der Sterndeuter nicht davon ab, uns vor allem rund um Neujahr in allerlei Horoskopen den Jahreslauf zu verkünden – mit stets durchaus überschaubarem Erfolg. Mars, Mond, Stier & Co. müssen dann wieder für vielfach düster-freundliche Vorhersagen herhalten. Von Scheidung bis Blitzheirat, vom Weiterleben bis zum plötzlichen Dahinscheiden, vom Millionen-Jackpot bis zum Spontanbankrott ist auch 2008 wieder alles drin, glaubt man den Damen und Herren Sterndeutern. Die müssen es schließlich wissen, oder? Von wegen... An die Macht der Sterne muss man schon glauben...

Sage mir Dein Geburtsdatum – und ich sag' Dir... nix

Angeblich hat die Stellung der Gestirne zum Zeitpunkt der Geburt großen Einfluss auf unser künftiges Leben. Kosmische Kräfte geleiteten uns gleichsam durch den Alltag. Vieles, wenn nicht alles, sei durch den Lauf der Gestirne geradezu programmiert. Allerdings halten sich die Astrologen immer ein Hintertürchen offen: Die Sterne machen geneigt, heißt es dann – sie zwingen nicht. Doch auch für geneigte Sterne gibt es nicht das geringste Indiz.


Horoskop 1:
"Sie haben heute dank Merkur im 7. Haus einen äußerst scharfen Verstand und ein glückliches Händchen, was Entscheidungen angeht."

Horoskop 2:
"Ferner wäre es eine günstige Zeit für Gehaltsverhandlungen. Denn durch Venus und Mars sind auch Ihre kommunikativen und rhetorischen Fähigkeiten gestärkt."

Wenn Venus und Mars wirklich die kommunikativen Fähigkeiten stärken, dann sind diese Himmelskörper wohl die Leitgestirne der Astrologen. Denn Horoskope leben vor allem von den rhetorischen Fähigkeiten ihrer Verfasser. Einen Zusammenhang zwischen den himmlischen Konstellationen zum Zeitpunkt unserer Entbindung und dem weiteren Lebensweg hat bis zum heutigen Tag noch niemand belegen können. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Denn die Gestirne sind weit weg – verdammt weit weg. Die bekannten physikalischen Kräfte dieser Himmelsobjekte haben so gut wie keine Wirkung auf uns Menschen. Die Anziehungskraft, die Gravitation, so lehrte schon der alte Newton, nimmt zwar mit der Masse des betreffenden Körpers zu. Also: Doppelt so dick bedeutet auch doppelt so starke Anziehungskraft. Allerdings nimmt sie auch mit dem Quadrat der Entfernung ab. Verdoppelt sich der Abstand zu einem bestimmten Körper, so ist dessen Anziehungskraft nur noch ein Viertel so groß.

Horoskop 1:
"Achtung! Jupiter in Quadratur mit Neptun macht Ihnen in dieser Zeit zu schaffen. Aber mit Geschick und der Hilfe von Venus im Löwen kommen Sie da schon durch!"

Horoskop 2:
"Überdenken Sie Ihre Entscheidungen. Mond und Pluto unterstützen Sie sehr in den nächsten Wochen."

Die große Entfernung der Gestirne hat Folgen: Ist bei der Geburt eine 70 Kilogramm schwere Hebamme einen halben Meter vom Baby entfernt, so ist allein ihre physikalische Anziehungskraft größer als die des Planeten Mars bei seiner erdnächsten Stellung. Und selbst diese extreme Erdnähe erreicht Mars nur alle 20 Jahre mal.

Dackel, Haufen, Sterne

Geht während der Entbindung der Klinikhausmeister mit seinem Dackel Waldi über den Rasen vor der Geburtsabteilung, dann ist selbst Waldis Gravitationswirkung mehr als fünfmal größer als die des nächsten Sterns Alpha Centauri. Dieser Stern ist zwar direkter Nachbar der Sonne, aber leider dennoch gut vier Lichtjahre von uns entfernt. Das sind schlappe 40 Billionen Kilometer, eine vier mit 13 Nullen... Hinzu kommt, dass Alpha Centauri, so "nah" er auch sein mag, am Himmel ein geradezu tragisches Schicksal erdulden muss: Er funzelt im astrologisch völlig bedeutungslosen Sternbild Zentaur sinnentleert vor sich hin. Die meisten Sterne im Steinbock, Löwen oder Krebs sind viel weiter entfernt als Alpha Centauri: Dutzende wenn nicht Hunderte von Lichtjahre. Selbst Waldis Geschäft vor dem Fenster zum Kreißsaal übt auf das soeben entbundene Kind eine größere Anziehungskraft aus als die fernen Sterne im Schützen.

Horoskop 1:
"Pluto im Sextil schenkt Ihnen die Gabe der Intuition und Hellsichtigkeit."

Horoskop 2:
"Merkur steht für Sie besonders günstig. Wo immer Sie gerade tätig sind. Man schließt gerne mit Ihnen Geschäfte ab."

Horoskop 1:
"Saturn öffnet Ihnen im ersten Halbjahr eine Tür in die Welt der Magie und Wunder."

Dass uns himmlische Hände in Lichtjahren Entfernung durchs Leben leiten, ist also nicht im geringsten zu beweisen. Allerdings lässt sich der Einfluss von Sternen und Planeten auch nicht widerlegen. Ebenso wenig kann man widerlegen, dass es Glück bringt, eine Münze in einen Brunnen zu werfen oder dass eine von links den Weg kreuzende schwarze Katze Pech verheißt. Das ist alles zwar extrem wenig plausibel, aber glauben kann man trotzdem daran. Die Sterndeuter gehen darüber allerdings noch hinaus. Sie behaupten nicht nur, dass uns die Gestirne beeinflussen - sie behaupten auch, diesen Einfluss im Voraus bestimmen zu können. Und da wird es interessant.

Horoskop 1:
"Wir Menschen werden auch vom Zustand des Sonnensystems zur Zeit unserer Geburt geprägt. Jeder Mensch besteht gleichsam aus Planeten. Sie werden als grundlegende Wesenskräfte aufgefasst."

Horoskop 2:
"Venus steht für Schönheitssinn, Lebenslust, ästhetisches Empfinden, Offenheit, Harmonie, Geselligkeit und Erotik."

Warum ausgerechnet die Geburt so entscheidend für den Einfluss der kolossalen kosmischen Kräfte sein soll und nicht etwa der Moment der Zeugung???... niemand weiß es. Oder die Astrologen verraten es uns nicht. Der Mensch bestehe jedenfalls kraft Geburt irgendwie aus Planeten und hat von ihnen grundlegende Wesensmerkmale. Aber woher kennen die Sterndeuter die?

Göttliche Venus – verbrannte Liebe

Noch hat keine Raumsonde einen Waschzettel auf irgend einem Planeten gefunden, der die ihm zugeschriebenen Eigenschaften und Nebenwirkungen benennt. Auch im Fernrohr vermittelt die Venus nicht den Eindruck des Amourösen und Geselligen. Vielmehr herrschen auf der Venusoberfläche Temperaturen von etwa 500 Grad Celsius - eine Affäre dort wäre ebenso heiß wie kurz.

Mars gilt seiner rötlichen Farbe wegen als Blutplanet, der für Stärke, Krieg und Aggression steht. Doch ist der Marssand keineswegs blutgetränkt, wie zahllose Aufnahmen von Raumsonden zeigen. Der alte Planet ist - salopp formuliert - etwas angerostet. Oxidiertes Eisen verleiht ihm den charakteristischen Farbton. Womöglich ist Mars aber auch vor Scham über die ihm nachgesagten Kräfte schlicht errötet.

Horoskop 1:
"Pluto prägt unseren Umgang mit persönlichen und überpersönlichen Kräften."

Horoskop 2:
"Sein Wesen bestimmt unser Verhältnis zum Dämonischen sowie unsere Fähigkeit zu ständiger Veränderung und Erneuerung: Stirb und werde."

Beim Planeten Pluto selbst, so erinnern wir uns, war's ja genau umgekehrt: erst geworden, dann gestorben. 2006 waren die Astronomen zur dämonischen Welttagung in Prag zusammengekommen. Plutos Horoskop für diese dramatischen zwei Wochen hätte wohl in etwa so gelautet: "Sie laufen einfach zu lahm um die Sonne. Andere sind besser als Sie. Achtung - Ihre Zukunft steht auf dem Spiel. Machen Sie das Beste daraus..." Auf der Tagung in Prag hat die schnöde Wissenschaft Pluto planetar entleibt - und zum Zwergplaneten degradiert. Der mickrige Eisklotz da draußen, viel kleiner als unser Erdmond, war nur durch Zufall im Jahr 1930 entdeckt und damals irrtümlich als Planet klassifiziert worden. Heute zeigen sich in den Teleskopen viele andere Körper am Rand des Sonnensystems. Manche sind sogar größer als Pluto. Also standen die Astronomen vor der Wahl: Sollte es zur Planeten-Inflation kommen, indem alle anderen größeren Objekte Planetenstatus erhalten? Oder stuft man Pluto zurück und zählt nur die acht großen Planeten im Sonnensystem?

Kosmische Zwei-Klassengesellschaft

Pluto wurde als Planet gelöscht. Doch die Astrologen deuten immer noch mit Pluto, so als Akt horoskopischen Ungehorsams. Eigentlich müssten ja nun alle Horoskope mit Pluto falsch sein. Alternativ müsste, wer Pluto weiter in der Sterndeutung berücksichtigen möchte, konsequenterweise auch so wohlklingende Himmelskörper wie Sedna, Quaoar und Varuna mit einbeziehen. Denn sie sind ähnlich groß und ähnlich weit entfernt wie Pluto. Und die systematische Suche nach den Himmelskörpern am Rand des Sonnensystems fängt gerade erst an: In einigen Jahren werden womöglich Hunderte solcher Objekte bekannt sein. Was dann? Gibt es dann ellenlange Horoskope, weil alle diese Eiskugeln da draußen irgendwie an unserem Schicksal mit drehen? Oder wird es Spezialplaneten mit astrologischer Wirkung geben und andere ohne? Fragen über Fragen...

Horoskop 1:
"Der Kleinplanet Chiron findet große Beachtung. Manche Kollegen berücksichtigen auch die Stellung der vier größten Asteroiden, Ceres, Pallas, Juno und Vesta."

Horoskop 2:
"Zusätzlich wird sogar von einer ganzen Reihe so genannter 'hypothetischer' Planeten geredet."

Hypothetische Planeten. Genial. Darauf muss man erst einmal kommen. Das könnte zur brillanten Exit-Strategie der Astrologen werden. Der Notausgang, um die zahllosen wieder mal knapp verfehlten Prognosen zu erklären. Wenn die himmlische Vorhersage zum wiederholten Male keine Neigung zum Eintreffen hat, dann sind einfach ein paar finstere Planeten schuld, die sich bisher hartnäckig der Entdeckung widersetzt hatten. Was können die Sterndeuter schließlich dafür, wenn die Astronomen es nicht schaffen, alle Erdgeschwister in ihren Teleskopen dingfest zu machen.

Doch halt – müsste es nicht genau andersherum gehen? Wenn Sterne und Planeten wirklich Vorhersagekraft haben, würde doch jedes misslungene Horoskop die Stellung bisher unentdeckter Planeten verraten. Nach dem Motto: Was, noch immer kein Lottogewinn? Das kann nur an so einem noch unbekannten Planeten irgendwo links im Steinbock liegen...

Horoskop 1:
"Die zwölf astrologischen Tierkreiszeichen bestimmen differenzierte Grundtypen. Sie bilden den Hintergrund, um den Stand der Planeten zu messen und zu deuten."

Horoskop 2:
"Der Widder steht für Willenskraft, Impulsivität, Mut, Energie und Tatendrang. Er geht häufig mit dem Kopf durch die Wand."

Horoskop 1:
"Dagegen ist der Krebs gefühlsbetont und eigenwillig. Er sucht Geborgenheit und Nähe."

Zu erkennen sind die SternBILDER am Himmel bekanntlich nicht. Ein paar schwache Sternchen sollen eine Waage darstellen. Lächerlich. Ein Dutzend etwas hellerer Sterne zeichnet angeblich eine Jungfrau. Wohl dem, dessen Fantasie all das am nächtlichen Himmel ausmachen kann.

Himmlische Lotterie: Zwölf aus 88

Unsere Tierkreiszeichen Widder, Stier, Zwillinge, Krebs und so weiter. entstammen zumeist der babylonischen und griechischen Mythologie. In der Antike wähnte man den Himmel voller Götter und hat spannende Geschichten der altertümlichen Royals ans Firmament gesetzt. Das Goldene Blatt war ja noch nicht erfunden.

Doch Chinesen, Indianer, Inkas und viele andere Völker haben am Himmel ganz andere Figuren gesehen. Auch am Stier steht nicht dran, dass er ein Stier ist. Wer hat also Recht?

Und noch eine Frage: 88 Sternbilder gibt es. In den Horoskopen zählen nur die, durch die die Sonne läuft. Aber warum sollte beispielsweise der Polarstern keinen Einfluss auf uns haben, oder Sirius, der hellste Stern am Nachthimmel? Die sind wohl zur falschen Zeit am falschen Ort. Denn beide Sterne leuchten nur im Kleinen Bären beziehungsweise im Großen Hund. Diese Sternbilder spielen am Horoskop-Himmel keine Rolle. Übrigens gilt für alle Sternbilder, ob nun astrologisch "wirksam" oder nicht: Die Sterne in einem Sternbild haben nichts miteinander zu tun. Sie sind räumlich weit voneinander entfernt und stehen nur von der Erde aus gesehen zufällig in derselben Himmelsgegend.

Horoskop 2:
"Der Löwe steht für Entschlussfreude, Machtstreben und Tatendrang. Er weiß sich durchzusetzen."

Horoskop 1:
"Dagegen ist die Waage eher gefühlsbetont und gesellig. Sie wägt ab und setzt auf Ausgleich."

Ein Sternbild bleibt aus den Horoskopen verbannt, obwohl die Sonne regelmäßig in ihm leuchtet. Anfang Dezember hält sich die Sonne drei Wochen lang im Schlangenträger auf. Wahrscheinlich besteht auch dieses Sternbild aus Spezialsternen, die keine Wirkung haben. Ohnehin müssen die Sterne am Horoskop-Himmel schon eine famose Wirkungsweise haben. Denn im Astrologen-Kosmos herrscht die perfekte Gleichmacherei. Die dreizehn, pardon zwölf Tierkreiszeichen sind alle exakt gleich groß. Dabei steht die Sonne im Sternbild Skorpion nur wenige Tage und in der Jungfrau sieben Wochen. Somit schrumpft die Wirkung der Jungfrausterne fast auf die Hälfte, während sich der nur gestreifte Skorpion mächtig aufbläht.

Am Himmel immer einen Schritt hinterher

Macht eigentlich auch gar nichts, denn seit die Griechen dieses System vor mehr als zwei Jahrtausenden eingeführt haben, haben sich die Tierkreiszeichen wegen der eiernden Drehung der Erdachse um gut ein Sternbild verschoben. Deswegen sprechen wir immer noch vom Wendekreis des Krebses und vom Wendekreis des Steinbocks. Vor mehr als zwei Jahrtausenden stand die Sonne zu Sommer- oder Winteranfang im Krebs und Steinbock. Heute steht sie dann in den Zwillingen und im Schützen. Keine Zauberei, sondern Folge der ganz langsam torkelnden Erde. Das hat auch Konsequenzen für alle Zwillinge-Geborenen. Bei ihrer Geburt stand die Sonne noch im Sternbild Stier. Und vermeintliche Skorpione sind Waagen oder Jungfrauen, Wassermänner in Wahrheit Steinböcke und Widder eigentlich Fische. In weiteren 2000 Jahren sind wir dann alle noch ein Sternbild weitergereicht. Aber Rettung naht: In gut 24000 Jahren ist die Erdachse so weit geeiert, dass Sternbilder und Tierkreiszeichen wieder so stimmen wie zur Zeit der alten Griechen. Also Geduld, einfach nur Geduld!

Horoskop 1:
"Der Stier steht für Sinnlichkeit, Genussfreude, Beharrlichkeit und Sicherheitsstreben."

Horoskop 2:
"Er wird von der Venus beherrscht. Er sieht nur rot, wenn man ihn wirklich lange reizt."

Dass ein gereizter Stier auch schon mal rot sieht, hätte einem jeder drittklassige Torero in Spanien sagen können. Dafür braucht man keinen himmlischen Hokuspokus. Rot könnte man allerdings sehen, wenn man bedenkt, wo überall die Sterne ihre nicht vorhandenen Hände mit im Spiel haben sollen. Ob Jobwechsel, Wohnungskauf, Firmengründung oder Aktienhandel: Stets bestimmen irgendwelche Kräfte der Planeten und Sternbilder unser Schicksal, behaupten Astrologen. Was ist denn das Geburtsdatum einer Wohnung? Die Grundsteinlegung? Das Richtfest? Die Unterzeichnung des Kaufvertrages? Der erste Schritt über die Schwelle? Am besten lässt man sich für alles ein Horoskop machen. Irgendetwas muss dann ja stimmen.

Horoskop 2:
"Mut zur Lücke! Sie brauchen eine Unsicherheit nicht zu überspielen. Aber der strenge Jupiter bringt Einschränkungen im Geschäftsleben."

Horoskop 1:
"Dank Venus und Neptun erkennen Sie, wie Sie das Problem lösen können!"

Hin und wieder räumen selbst Astrologen zähneknirschend ein, dass man den Einfluss der Gestirne nicht erklären könne. Das sei allerdings auch nicht notwendig. Man sehe ja, dass es funktioniere. Mehr Licht, möchte man da mit Goethe rufen – oder den zügigen Gang zum Augenarzt empfehlen. Die Wirkweise der Sterne, so heißt es, habe sich durch Jahrtausende währende Beobachtung offenbart. Das wäre erstaunlich. Es gibt Zigtausende Kombinationsmöglichkeiten, so dass man schon für sehr viele Menschen ein Horoskop erstellen und deren Lebensweg dann verfolgen müsste, um an Erfahrung zu gewinnen.

Sturmflut im Gartenteich

Bei Pluto, erst 1930 entdeckt, mithin den alten Griechen gänzlich unbekannt, kam dann wohl irgendwie Spontanerfahrung hinzu. Gleiches gilt für Uranus und Neptun, entdeckt im 18. bzw. 19. Jahrhundert – nach Christus... Diesen neu entdeckten Planeten hatte man fix besondere Eigenschaften zugedacht. Zwar verwenden wir bis heute die Namen von Planeten und Sternbildern, die aus der Antike überliefert wurden. Aber die astrologischen Deutungsregeln stammen zumeist aus dem Mittelalter oder sogar der Neuzeit. Wahre Willkür...

Horoskop 1:
"Der abnehmende Mond steht heute im Löwen. Ein perfekter Tag für eine Prachtfrisur. Der Mond persönlich überwacht das Schneiden, Färben und Legen."

Horoskop 2:
"Nicht nur der Mond versetzt sie in Hochstimmung. Sie haben dazu noch den Uranus in idealer Stellung: Beste Voraussetzungen, um einen neuen Liebesrekord aufzustellen."

Zur Hochform läuft die Astrologie immer dann auf, wenn es um das der Erde nächste Himmelsobjekt geht: um den Mond. Der ist offenbar eine Art Universalmotor, der kräftig durch unseren Alltag wirbelt. Von der gut sitzenden Frisur über den nicht wackelnden Zaunpfahl bis hin zur umfassenden Hormonausschüttung ist er offenbar für alles zuständig, was uns so passieren kann. Was ein lunar animierter Liebesrekord sein soll, will man ja gar nicht so genau wissen...

Der Mond müsse uns beeinflussen, sagt die Astrologie. Schließlich bewege er ja riesige Wassermassen. Das ist fein beobachtet und in der Tat sorgt das Kräftespiel von Erde und Mond für Ebbe und Flut an unseren Küsten. Aber hat irgendwer schon mal Gezeiten in einem Gartenteich beobachtet? In einer Pfütze? In einer Kaffeetasse? Selbst beim Mond bedarf es der Ozeane, um seine Anziehungskraft auf die Erde spüren zu lassen - in einem menschlichen Körper bleibt von der lunaren Zugkraft nicht viel übrig.

Horoskop 1:
"Der Mond verkündet einen Gesundheitstag. Gemeinsam mit Jupiter bringt er Sie in Schwung."

Horoskop 2:
"Für Sie heißt das: Halten Sie Ihr seelisches Gleichgewicht durch positives Denken stabil."

Denken kann bekanntlich nie schaden. Aber man sollte nicht denken, dass Sonne, Mond und Sterne das Leben beeinflussen. In der Antike war das naturgemäß anders: Damals hatte die Beschäftigung mit dem Sternenhimmel etwas Religiöses - die physikalische Natur der Himmelskörper war unbekannt. Im Lauf der Planeten wähnte man den Ausdruck göttlichen Willens. Astronomie und Astrologie waren gar nicht voneinander zu trennen. Heute wissen wir es besser: Planeten sind Kugeln aus Gestein, Metall und Gas. Sterne sind nicht göttliche Funken am Kristallfirmament, sondern brodelnde Riesenkugeln aus Wasserstoff und Helium. Sollte man da nicht den okkulten Wahn aus der Antike langsam aufgeben...? Wir lassen schließlich auch nicht mehr zur Ader und verordnen keine Paste von geriebenen Otternzungen bei Knochenbrüchen.

Horoskop 2:
"Merkur stellt den Verstand im Menschen dar: Die Vernunft und das Rationale."

Horoskop 1:
"Ebenso beeinflusst er Sprechen, Schreiben, Abwägen, Lernfreude und Geschicklichkeit."

Ob Merkur wirklich so geschickt ist, unser Leben zu beeinflussen? Ebenso gut kann man glauben, dass die Anordnung der Tassen im Küchenschrank Einfluss auf unser Leben hat. Absurd? Sicher. Aber nicht mehr und nicht weniger absurd, als wenn man meint, Jupiter in Quadratur mit Mars sei ein böses Omen. Das wirkt nur seriöser...

Und der Storch bringt sie doch!

Längst legendär sind Versuche, die Astrologie mit wissenschaftlichen Methoden zu belegen. Vor zehn Jahren hat ein alternder Playboy eine ganze Akte zur Astrologie verfasst. Der Autor – immerhin soll er mal Mathematik studiert haben – ließ die Daten von 10.000 Menschen durch den Computer jagen und hat nach statistischen Auffälligkeiten gesucht. Prompt meinte er herausgefunden zu haben, dass Waage-Männer etwas häufiger Waage-Frauen heiraten als Widder-Damen etc. Und das hatte er auch – in dieser einen Untersuchung. Aber was sagt das, wenn die statistischen Häufungen so gering sind wie die Zahl der Wirkstoffmoleküle in einer homöopathischen Verdünnung? Wer 600mal einen Würfel wirft, wird nicht exakt 100mal jede der sechs Zahlen würfeln. So ist Statistik. Es kann durchaus sein, dass der Würfel 120mal die sechs zeigt, aber nur 90mal drei und 1. Ein Beleg für magische Kräfte oder einen manipulierten Würfel ist das nicht. Wirft man den Würfel erneut 600mal, wird ein ganz anderes Ergebnis herauskommen. Aber je häufiger man würfelt, desto gleichmäßiger verteilen sich die Zahlen. Gleiches gilt für die Sterne: Untersucht man die Ehe von noch einmal 10.000 Paaren, kann sich plötzlich erweisen, dass in dieser Gruppe etwas mehr Stier-Männer Fische-Frauen heiraten als im Schnitt zu erwarten wäre.

Horoskop 1:
"Steinbock-Frau und Löwe-Mann ergänzen sich ideal. Das ist die 5-Sterne-Partnerschaft. Nichts wird sie auseinander bringen."

Horoskop 2:
"Schütze-Mann und Widder-Frau finden sich, um diese Welt zu verbessern. Doch wenn sie an der eigenen Welt arbeiten, haben sie gemeinsam eine Chance."

Aber selbst wenn es tatsächlich so wäre, dass Steinbock-Frauen häufiger Löwe-Männer heirateten, so wäre das noch kein Beweis, dass die Sterne unser Leben beeinflussen. Denn bloße statistische Auffälligkeiten belegen noch nicht, dass die beobachteten Phänomene auch kausal miteinander zu tun haben. Es gibt heute weniger Störche in Deutschland als vor 40 Jahren. Und es werden weniger Kinder geboren. Ist das der Beleg, dass doch der Storch die Kinder bringt? Eher nicht... Die Astrologie ist bisher bei allen statistischen Tests stets durchgefallen. Ein Zusammenhang von Sternzeichen und Lebensweg hat sich nie belegen lassen.

Ein Horoskop – tausend Treffer

Viele schöne funkelnde Sterne, helle Planeten, ein vermeintlich wissenschaftlicher Hintergrund und natürlich wollen auch fast alle wissen, was die Zukunft so bringt. Kein Wunder, dass der Astrologie-Aberglaube so verbreitet ist. Nach einer repräsentativen Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie lesen etwa 77 Prozent der Bevölkerung Pressehoroskope, davon 15 Prozent regelmäßig. Das ist übrigens unabhängig von Alter, Berufsgruppe, Schulbildung oder politischer Orientierung.

Die Greifswalder Germanistin Katja Furthmann hat für ihre Doktorarbeit kürzlich etwa 3000 Horoskope gelesen und sprachlich analysiert. Der Grund, warum Horoskoptexte fast immer zuträfen, sei ihre perfekte und kalkulierte Wahl stereotyper Muster und deren geschickte sprachliche Formulierung, erklärt sie. Sprachlich seien Pressehoroskope von Vagheit, Mehrdeutigkeit und Allgemeinheit gekennzeichnet. Zentrales Prinzip von Pressehoroskopen sei die "Pseudo-Individualisierung". Der Leser werde direkt in der 2. Person mit "Sie" oder "Du" angesprochen: Damit werde eine persönliche Bindung bewusst inszeniert, betont Katja Furthmann.

Horoskop 1:
"Sie strotzen förmlich vor Energie, neigen aber zum Übertreiben. Weniger ist oft mehr! Bei der ganzen Hektik des Alltags ist es kein Wunder, wenn Sie derzeit völlig verspannt sind."

Horoskop 2:
"Ein lang gehegter Traum schlummert in Ihnen und möchte wach geküsst werden. Suchen Sie das Gespräch mit Menschen in Ihrer Nähe!"

Fühlen auch Sie sich angesprochen? Finden Sie sich in diesen Zeilen irgendwie wieder? Klar. Wer nicht? Horoskope haben eben nichts mit dem Himmel zu tun, sondern allein mit der ganz irdischen Sprache. Dazu passt ein legendäres Experiment: Man hatte einige hundert Probanden nach ihrem Geburtstermin gefragt und ihnen dann ein Horoskop vorgelegt. Alle sahen sich nahezu perfekt getroffen. Dabei hatten alle den gleichen Text zu lesen bekommen. Es lebe das Einheitsschicksal!

Aber weil wir offenbar doch alle ein klein wenig an den Himmel und seine extrem schwachen Kräfte glauben wollen, hier zum Schluss das ultimative Horoskop für das neue Jahr und alle kommenden: "Nutzen Sie 2008 Ihre Chancen im Beruf, aber seien Sie nicht zu ehrgeizig. Sie könnten andere vor den Kopf stoßen. Finanziell sollten Sie im Sommer auf der Hut sein - aber gönnen Sie sich auch mal etwas. In ihrer Umgebung wünscht jemand in der zweiten Jahreshälfte eine Entscheidung - lassen Sie sich und anderen ihre Freiräume. Auch wenn Sie im Herbst nicht vom Glück verfolgt sind, so werden Sie die Angelegenheiten schon zu Ihrem Vorteil meistern! Sie schaffen das!"

Dieses Universal-Horoskop gilt für Sie und alle anderen. Immer und überall. Sogar für Spatzen, Berge und Bügeleisen.

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