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StartseiteFirmenporträtDie stillen Windmüller aus dem hohen Norden28.05.2010

Die stillen Windmüller aus dem hohen Norden

Der Bürgerwindpark Reußenköge

Im Norden ist der Himmel blauer, die Sicht klarer und der Strom - grüner. Eine kleine Gemeinde in Nordfriesland hat sich den Umweltschutz auf die wehenden Fahnen geschrieben und produziert für viele Tausend Haushalte Strom aus Windkraft.

Von Birgit Wetzel

Bürgerwindpark Reußenköge in Nordfriesland (Birgit Wetzel)
Bürgerwindpark Reußenköge in Nordfriesland (Birgit Wetzel)
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Eine kleine Gemeinde in Nordfriesland, ganz im Norden Deutschlands, liefert täglich Strom für viele Tausend Haushalte. Früher waren sie Landwirte, heute sind sie Windmüller und können gut davon leben, denn ihr Standort ist hervorragend und die Bezahlung auskömmlich.

Kuddel-Wind war der Erste, der eine Windmühle aufstellte. Seine Schwiegermutter hatte ihm Geld vererbt. Davon sollte Kuddel Bäume in Israel pflanzen oder eine Windmühle zur Energieerzeugung aufstellen. Nach Israel wollte Kuddel nicht. Also stellte er die erste Windmühle auf, die erste in der Gemeinde. Das war Ende der 80er-Jahre. Heute stehen dort fünf Windparks. Sie sorgen für einen Wohlstand, von dem keiner früher geträumt hätte. Landwirt Johannes Rabe steht auf einen Deich und erklärt:

"Hier sehen Sie eine Weidewirtschaft - Ochsen, Bullen oder Milchkühe, so war das hier, egal wohin Sie guckten."

Die Gemeinde Reußenköge zählt heute 120 Haushalte. Die meisten waren Landwirte, heute sind sie Windmüller. Geredet wird hoch im Norden nicht viel. Auch Kuddel erzählte wenig von seiner Windmühle. Doch nicht viel später gab es zwei weitere Mühlen in der Gemeinde. Auch ohne große Worte sprach es sich herum, dass man mit den Mühlen Geld verdienen konnte. Bürgermeister Ingwersen erinnert sich:

"Die ersten haben sich absolut in Schweigen gehüllt. Wenn heute einer im Lotto gewinnt, tut er ja auch gut daran, wenn er nicht drüber redet."

Der frische Wind in der Gemeinde sorgte für neue Besucher: Bankenvertreter und Investmentgesellschaften wollten Land kaufen oder pachten. Nun witterte Bürgermeister Ingwersen Morgenluft. Er rief den Gemeinderat zusammen:

"Wir hatten so eine Liste, der Reihe nach aufgeführt, wer denn bei uns eine Mühle bauen kann. Ganz oben drauf stand: Landwirte, die hier wohnen und wirtschaften."

1990 erließ der Gesetzgeber das Einspeisevergütungsgesetz. Damit gab er den Windbauern eine gewisse Planungssicherheit, aber, so der amtierende Bürgermeister und Geschäftsführer des Windparks Eins, Volquardsen:

"Trotzdem wussten wir nicht, wohin die Reise geht. Ich hab seitenweise gerechnet und gerechnet, fünf Jahre, zehn Jahre, 15 Jahre - es war ein großes Risiko, und wir mussten auch mit unserem Privatvermögen mit in die Haftung gehen."

Während der Planung für den ersten Windpark wurde eines klar: Der Weg dorthin musste ein gemeinsamer sein. Gemeinsam gründeten sie die Reusenköge GmbH und machten den Bürgermeister zum Geschäftsführer:

""Obwohl wir einzelne Baugrundstücke hatten, sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass wir nur gemeinsame eine Baugenehmigung erzielen konnten. Zum Beispiel, die gesamte Infrastruktur mussten wir gemeinsam machen."

1993 ging der damals größte private Windpark ans Netz, mit 28 Anlagen und insgesamt 12,4 MW Nennleistung. Das waren Anlagen mit 400 und 500 kW, Anlagen von Micron, Vestas und Enercon.

Über Erfolge redet man hier nicht, und so stellt der weiter amtierende Bürgermeister, Geschäftsführer Volquardsen, bescheiden fest:

"Ich frag mich heute auch manchmal, wie das zustande gekommen ist. Das war ein Puzzle - wer weiß was? -, und das haben wir zusammengetragen und haben es dann geschafft."

Nach zehn Jahren winkten bessere Renditen durch neue Technik: Mit 40 Prozent weniger Mühlen konnte man die dreifache Menge Strom erzeugen: Mit 17 statt 28 Anlagen kamen 90 statt 30 Kilowattstunden in die Leitung. Die Sache hatte nur einen Haken: Die Windmüller mussten ihre Unabhängigkeit aufgeben, und das war schwierig, berichtet der Bürgermeister:

"Es galt nämlich, die 28 Einzelbetreiber davon zu überzeugen, dass wir das Repowering nur gemeinsam machen konnten. Jeder hat seine Anlage reingegeben in eine GmbH und Co. Kg, die wir dann gegründet haben."

Auch die nächsten Klippen umschiffte die Mannschaft in erfolgreicher Teamarbeit.
Kabel mussten gelegt und ein Umspannwerk gebaut werden, damit der Strom von dem Mühlen ins öffentliche Netz gelangen konnte.

Kaum standen die neuen Mühlen, da erwachte das Interesse weiterer Anwohner. Also überplante der Gemeinderat von Neuem und gründete Windpark Drei, in dem nun schon 55 Gesellschafter aus der Gemeinde saßen. Mit demselben Konzept gründete man Windpark Vier mit weniger Anlagen, aber noch mehr Beteiligten, und als Letztes Windpark Fünf mit höheren Mühlen und einer sozialen Komponente: Die Anteile konnten zu einem so niedrigen Preis erworben werden, dass sich auch finanzschwache Gemeindemitglieder mit ins Boot konnten.

In der weiß gestrichenen, geräumigen Scheune von Dirk Ketelsen ziehen Schwalben munter ihre Kreise. Ein leuchtend roter, neuer Traktor schmückt die Halle. Ob er je auf ein Feld fahren wird, scheint fraglich, denn sein Besitzer beackert heute Windparks. Der ehemalige Landwirt ist zum Fachmann für Windenergie geworden. Das Wissen hat er sich selbst über Jahre angeeignet. Insgesamt 70 Anlangen stehen jetzt in den Reußenkögen. Für die Anlagen, die 2003 umgerüstet wurden, laufen im nächsten Jahr die hohen Vergütungen aus. Dirk Ketelsen überlegt:

""Wenn wir erneuern, dann haben wir statt 6,1 Cent dann wieder 9,34 Cent, also eine höhere Vergütung. Also insofern macht es Sinn. Statt zwei Megawatt könnten wir dann dreieinhalb Megawatt errichten, und jeder Meter Höhe hat noch ein Prozent mehr Ertrag, und das ist in Summe riesig für die Gemeinschaft."

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