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StartseiteKalenderblattDie Stimme der Vertriebenen01.01.2011

Die Stimme der Vertriebenen

Vor 60 Jahren nahm das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen seine Arbeit auf

1951 schuf die internationale Gemeinschaft ein Instrument, das einen Meilenstein für den Umgang mit Flüchtlingen darstellt: das UNHCR, das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge. Seine Aufgabe ist es, die Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention zu überwachen und humanitäre Hilfe zu leisten.

Von Monika Köpcke

Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin. (AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin. (AP Archiv/Henry Burroughs)

"Als ich im Jahre `44 von Hitlers Joch, das auf meinem Lande lastete, entkommen war, versuchte ich verzweifelt, über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien zu gelangen. Die Umstände hatten mich zu einem Flüchtling gemacht, zu einem Menschen, der nicht wusste, wohin er gehen sollte."

Der niederländische Jurist und Journalist Gerrit Jan van Heuven-Goedhart hätte sich zum Zeitpunkt dieser Erlebnisse gewiss nicht träumen lassen, dass er sieben Jahre später das neugegründete Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge – UNHCR – übernehmen wird.

"Tatsächlich landete ich schließlich in einem spanischen Gefängnis, wo ich zumindest die Gelegenheit hatte, reichlich nachdenken zu können. Es wurde mir bewusst, dass es nach dem Kriege viele Menschen in ähnlichen Umständen wie den meinen geben würde."

Als das UNHCR am 1. Januar 1951 seine Arbeit aufnahm, irrten in Europa noch immer über eine Million Flüchtlinge umher, die der Zweite Weltkrieg entwurzelt hatte. Das UN-Flüchtlingskommissariat bekam den Auftrag, für diese Menschen ein neues Zuhause zu finden. Die Aufgabe schien überschaubar: Nach drei Jahren, so der Plan, sollte das Büro wieder aufgelöst werden. UNHCR-Sprecher Christian Nowski:

"Damals war die Flüchtlingssituation natürlich sehr ernst, weil Europa zerstört war und auch paralysiert war. Damals ist natürlich der Eiserne Vorhang entstanden. Aber damals war unsere Arbeit sehr, sehr begrenzt. Wir haben hier in Genf nur 33 Mitarbeiter gehabt, wir haben ein sehr winzig kleines Budget gehabt, wir haben natürlich keine Vertretungen in verschiedenen Ländern gehabt."

Grundlage für die Arbeit war und ist heute noch die "Genfer Flüchtlingskonvention" von Juli 1951. Neben der humanitären Grundversorgung haben demnach Flüchtlinge das Recht, im Aufnahmeland Asyl zu beantragen und sie dürfen nicht in ihr Land zurückgeschickt werden, wenn ihnen dort politische Verfolgung droht. Die Flüchtlingskonvention und das UNHCR waren anfangs nur für jene geschaffen worden, die vor 1951 ihre Heimat verlassen mussten. Erst als die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands, als Frankreichs Algerienkrieg und bewaffnete Konflikte in China und Afrika neue Flüchtlingsströme auslösten, wurde diese Bestimmung 1967 aufgehoben. Das Mandat von UNHCR wurde seit 1954 immer wieder um fünf Jahre verlängert.

So wuchs, was einst als Provisorium geschaffen wurde, im Laufe der Jahrzehnte zu einer humanitären "Allround-Organisation" mit über 5000 Mitarbeitern in 120 Ländern an. Erst 2003 erhielt das UNHCR ein unbeschränktes Mandat.

"Es gibt keinen Grund, sein Land zu verlassen, solange es dort Arbeit gibt und keine Probleme, keinen Krieg. Wir verlassen Somalia wegen des Krieges und weil es dort keine Arbeit gibt. Bevor sie mich verschleppten, haben sie mich gefesselt. Meinen Vater führten sie hinter das Haus und brachten ihn dort um. Was mir fehlt, ist Seelenfrieden. Meine Eltern wurden vertrieben, ich wurde vertrieben, und nun auch meine Kinder. Wir können ihnen keine gute Ausbildung ermöglichen."

Nur drei von über 43 Millionen Flüchtlingsschicksalen weltweit. Wer in einem UNHCR-Lager unterkommt, hat Glück: Hier gibt es ein Zeltdach über dem Kopf, Essen, Trinken und medizinische Versorgung. Doch ein Lageraufenthalt kann viele Jahre dauern, die großen Konflikte in Afghanistan, Somalia oder der Demokratischen Republik Kongo sind noch lange nicht gelöst. Bis nach Europa schaffen es nur die Wenigsten, die Regelungen der Genfer Konvention werden immer restriktiver ausgelegt. Für die reichen Geberländer ist es deutlich günstiger, für die Krisenhilfe vor Ort zu zahlen als Flüchtlinge im eigenen Land aufzunehmen. So sieht sich das UNHCR mehr und mehr als Mahner vor einer zunehmenden Aushöhlung des Flüchtlingsschutzes. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan:

"Wenn es darum geht, welche Projekte finanziell unterstützt werden, dann werden die Geberländer häufig politisch voreingenommen. Da wird die humanitäre Arbeit des UNHCR dann benutzt oder sogar missbraucht, und zwar als Ersatz für politisches Handeln. Handeln, mit dem den Massenvertreibungen eigentlich begegnet werden müsste. Eine Politik, mit der die reichen Länder immer mehr versuchen, sich Probleme vom Hals zu halten."

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