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StartseiteKommentare und Themen der WocheDeutlicher kann eine Niederlage nicht sein15.08.2021

Die Taliban vor KabulDeutlicher kann eine Niederlage nicht sein

Fassungslos verfolgt der Westen den raschen Vormarsch der Taliban in Afghanistan. Die Lage ist dramatisch. Deutsche Staatsbürger und schutzbedürftige Ortskräfte müssen nun sofort in Sicherheit gebracht werden, so Klaus Remme. Die Bundesregierung habe viel zu spät reagiert.

Ein Kommentar von Klaus Remme

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Afghanische Sicherheitskräfte in Kabul (picture alliance / AA | Haroon Sabawoon)
In Kabul herrschen herrschen chaotische Verhältnisse (picture alliance / AA | Haroon Sabawoon)
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Kurz vor dem 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September steht der Westen vor den Trümmern seiner Antwort auf den Terror in New York und Washington. Die Fassungslosigkeit, mit der wir alle die Implosion der afghanischen Sicherheitskräfte und den gleichzeitigen Vormarsch der Taliban verfolgen, wird nur größer, wenn man merkt, dass die politisch Verantwortlichen in Berlin und Washington ähnlich überrascht agieren.

In diesen Stunden ist die Lage dramatisch. Nachdem am späten Nachmittag der afghanische Präsident Ghani das Land verlassen hat und Berichten zufolge mehrere Ministerien in Kabul ohne Führung sind, herrschen chaotische Verhältnisse. "Rette sich wer kann", diesen Eindruck vermitteln die laufenden adhoc Evakuierungsmissionen.

Taliban-Kämpfer in der afghanischen Stadt Kandahar am 13. August 2021  (picture alliance / dpa / Xinhua News Agency | Stringer) (picture alliance / dpa / Xinhua News Agency | Stringer)Afghanistan - Diese Strategie verfolgen die Taliban
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Noch sind Hunderte von Mitarbeitern westlicher Botschaften im Land. Aus Sicht der Regierungszentralen in Washington, Berlin, Paris und London hat ihre Sicherheit oberste Priorität. 20 Jahre lang hat der Westen in Afghanistan gekämpft, beraten, ausgebildet und investiert. Und noch während die letzten ausländischen Soldaten dabei sind, das Land zu verlassen, heißt es nun: Alle raus, jetzt! Der Feind hat die Oberhand. Deutlicher kann eine Niederlage nicht sein.

Ein amerikanischer Präsident, der Bilder wie in Saigon mit US-Hubschraubern auf dem Dach der Botschaft, ausgeschlossen hat und genau damit jetzt konfrontiert wird, ein deutscher Außenminister, der die Wahrscheinlichkeit einer Taliban-Machtübernahme in Kabul noch vor Wochen im Bundestag bestreitet, ein Oppositionsantrag vom Juni, der mit Blick auf die aktuelle Lage im Land ein schnelleres Verfahren für den Schutz von afghanischen Ortskräften forderte und mit den Stimmen von Union und SPD abgelehnt wurde, vieles deutet darauf hin, dass man sich über Jahre Hoffnungen hingegeben hat, die Illusionen waren.

Hoffnungen waren nur Illusionen

Was tun? Für die nächsten Stunden und Tage gilt: Deutsche Staatsbürger und schutzbedürftige Ortskräfte müssen sofort in Sicherheit gebracht werden. Ob die Zeit dafür noch reicht, ist fraglich. Der Flughafen in Kabul scheint momentan durch den Schutz der Amerikaner der einzig sichere Abflugsort für Evakuierungen. Schon die Zufahrten Schutzbedürftiger innerhalb der afghanischen Hauptstadt zum Flughafen sind riskant. Doch viele ehemalige Helfer sind Hunderte von Kilometern entfernt, etwa in Masar-i-Sharif, das gestern in die Hände der Taliban fiel.

Die Bundesregierung hat viel zu spät reagiert

Darüber hinaus gibt es immer noch Afghanen, die für deutsche Nichtregierungsorganisationen und deutsche Medien gearbeitet haben, die aber vonseiten der Bundesregierung gar nicht als klassische "Ortskräfte" zählen. Für den von Union und SPD immer hochgehaltenen "vernetzten Ansatz" ziviler und militärischer Unterstützung waren diese Helfer aber ebenso wichtig wie Dolmetscher, Fahrer und Köche, die für die Bundeswehr gearbeitet haben.

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Die Bundesregierung hat hier viel zu spät reagiert und war nicht ausreichend vorbereitet. Sicher, auf das timing des Abzugs der Amerikaner hatte man wenig Einfluss. Doch schon und gerade während der Trump-Präsidentschaft wurde klar, dass der Afghanistan-Abzug mit all seinen Folgen plötzlich und ohne Ansage erfolgen konnte.

Westen hat sein Versprechen gebrochen

Und wäre all das nicht genug, bleibt der Teil der afghanischen Gesellschaft, die auf das Versprechen des Westens gebaut hat, die Menschen, die in den letzten Jahren vom Wert einer offenen Gesellschaft überzeugt wurden, Frauen und Mädchen an erster Stelle. Sie müssen diese Stunden als fundamentale Enttäuschung erfahren. Auch wenn in diesen Minuten offenbar über eine friedliche Machtübernahme der Taliban verhandelt wird, schon in den letzten Wochen ist die Zahl der Binnenflüchtlinge in Afghanistan sprunghaft angestiegen.

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Klaus Remme  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme, geboren in Cloppenburg. Studium der Politischen Wissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Freiburg und Wien. Berufliche Stationen: Institute for Defense & Disarmament Studies, Boston, BBC World Service, London, Norddeutscher Rundfunk. Seit 1996 beim Deutschlandfunk. Von 2007 bis 2012 Korrespondent von Deutschlandradio in Washington. Seitdem Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. 

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