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StartseiteFeldpostbriefe aus StalingradDie Tücken des Winters23.11.2002

Die Tücken des Winters

Teil 6

Seit dem 1. November ist ein wunderbares, lauteres und mildes Frühjahrswetter, wie man es um diese Zeit zu Hause einen Tag mal erlebte. Trocken, sternenhell, windstill - selten in der Steppe.

Von Doris Bulau

Der Major Hugo Sigle Anfang November in einem Brief an seine Familie. Das Wetter in Stalingrad ist ungewöhnlich für die Jahreszeit. Die Soldaten ahnen, dass das nicht von Dauer sein wird. Tatsächlich: ein paar Tage später schlägt das Wetter um.

Inzwischen war draußen ein Landregen inszeniert worden, der (...) die Mondkrater und Kreidelandschaft in einen Morast zähesten Schlammes verwandelt hatte, wozu um 15 Uhr bereits die Dämmerung schon soweit fortgeschritten war, dass alles die Flucht in die Wagen antrat, um möglichst weit noch nach vorne zu kommen, bevor der Nebel und die strömenden Gießbäche in schwarze Nacht übergingen.

Hugo Sigle fällt Ende Januar 1943. - In diesem Dauerregen im November ist auch der Obergefreite Erwin Guhl als Kraftfahrer unterwegs. Er wird im Januar vermißt gemeldet. Zwei Monate vorher erlebt auch er, wie abrupt sich das Wetter ändert:

Nachts zwölf Uhr bin ich einmal aufgewacht und da hat es immer noch geregnet. Aber dazu war noch ein Sturm gekommen. (...) als ich um halb fünf hinauskam, war alles gefroren und wir hatten eine Kälte von mindestens 12 Grad. Der Sturm fegte über das Gelände, dass man meinte, es reißt einem das Gesicht auf. (...) So einen schnellen Temperaturwechsel habe ich tatsächlich noch nicht erlebt. Die Kälte wäre ja nicht so schlimm, aber der Wind, der eisige Wind.

Von einer Stunde zu anderen ist es hier plötzlich Winter geworden, und die Kälte ist gleich so groß, dass wir wie gelähmt sind - von +10 Grad auf -15 Grad gesunken - Oh Mami, ich bibbere nur noch, kein Haus, kein Ofen an dem man sich jedenfalls mal eine Stunde wärmen könnte. Der Kaffee friert beim Trinken, das Brot ist hart gefroren.

Der Funker Heinrich Becker in einem Brief an seine Familie. Er stirbt 1944 in Rostock an den Folgen einer Verwundung - Bis Mitte Dezember empfinden die deutschen Soldaten das Wetter noch nicht als Bedrohung. Manche können dem Winter in der Steppe sogar eine schöne Seite abgewinnen. Der Tierarzt Franz Schmitt am 12. Dezember, sechs Wochen vor seinem Tod:

Der russische Winter ist in seiner ganzen Härte, aber auch Schönheit da. Alles ist weiß und funkelt in der Sonne wie Millionen Edelsteine. Ich finde man empfindet hier die Kälte gar nicht so wie in Deutschland, nur der Wind schneidet wie ein Messer in die Haut.

Es ist ein schönes Winterwetter, nicht zu kalt, und ein mildtätiger Schnee überdeckt friedlich all das Elend, den Schmutz und das Unschöne. Ich hab heute ganz früh, als ich die Beobachtungsstelle der Batterie inspizierte, gleich einen Spaziergang gemacht, und die schöne Luft, richtige Sonntagsmorgenluft.

Der Hauptmann Friedrich Waldhausen. – Aber an Weihnachten ist der russische Winter mit aller Macht zurückgekehrt. Das bekommt auch der Gefreite Heinz Risse zu spüren:

Ja, nun haben wir Weihnachten und merken nur dem Wetter nach, dass es Weihnachten ist, schwere Schneestürme, empfindlich kalt, und haben heute wohl 40 Grad Kälte, dazu eisigen Wind..... Gestern mittag 13 Uhr, Heilig Abend, bin ich mit der Verpflegung im Schlitten nach der Front zu den Kameraden gefahren, immer gegen Osten und es war so kalt, dass der Atem fast erstarrte, die beiden Panjepferde blieben alle 500 m stehen vor Erschöpfung und Kälte, und mussten wir immer wieder schieben helfen, aber wir schafften es.

Auch der Gefreite Risse gehört später zu den Verschollenen dieses Krieges. - Zum Jahreswechsel lässt die extreme Kälte nach. Noch glauben viele der in Stalingrad eingeschlossenen Soldaten, dass sie dank ihrer Ausrüstung den Tücken des Winters gewachsen sein werden. Der Soldat Karl Dercks:

Das Wetter ist augenblicklich sehr milde und so wollen wir hoffen, dass auch die Monate Januar und Februar uns nicht allzu große Kälte bringen. Für den Fall eines Falles habe ich mir schon ein paar Überschuhe aus einer Steppdecke für über die Stiefel gemacht.

Die Hauptsache ist jetzt für uns, dass wir solange standhalten können, bis wir uns wieder in einer besseren Lage befinden. Wäre es Sommer so wäre dies alles nicht so schlimm. Bis jetzt haben wir aber auch insofern Glück, dass wir noch keine große Kälte hatten, kälter als bei Euch ist es natürlich, aber bis jetzt noch lange nicht so kalt wie im vergangenen Winter.

Der Hauptfeldwebel Reinhold Moog. Wenige Tage später verliert sich seine Spur in Stalingrad, wie auch die des Gefreiten Karl Bühler. Die Hoffnungen, dass dieser Winter nicht so extrem werden möge wie der vergangene, diese Hoffnungen sind in der ersten Januarwoche zerstoben. Das Wetter ist für die ausgemergelten und gesundheitlich angeschlagenen Soldaten zu einem weiteren erbitterten Gegner geworden.

Die Strenge des Winters steht zur Zeit dem letztjährigen kaum zurück. Es ist nicht zu glauben, in welch kurzer Zeit sich die Witterung hier ändert. Dabei bläst ein eisiger Sturmwind, der mit den Kältegraden noch anwuchs und einem buchstäblich alles erstarren lässt. Gegen den Wind zu laufen ist nur für wenige Sekunden möglich, da uns – trotz Schlauchmütze – unweigerlich das Gesicht erfrieren würden.

Auch in dieser Situation versuchen die Soldaten noch, ihre Angehörigen zu beruhigen. Wie zum Beispiel der Wachtmeister Alfred Just am 7. Januar, drei Wochen, bevor auch er vermisst gemeldet wird:

Der Winter ist hart, aber nach Aussage aller im vorigen Jahr Beteiligter lange nicht so streng. Klar, wenn der Wind aus Osten kommt, ist es kein Zuckerschlecken. (...) Die anderthalb bis zwei Monate werden genauso schnell vergehen wie das Überstandene. Und dann gibt es ein großes Aufbrechen und Aufräumen mitten in den Frühling hinein. Dann werden wir die Post und Verpflegung und alles andere nachholen, was uns jetzt abging, und dann wird durch das Wort etwas wahr werden: Die Krokusse blühen schon unterm Schnee!

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