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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Ursprünge der Nachhaltigkeit17.06.2013

Die Ursprünge der Nachhaltigkeit

Kursiv: H. C. von Carlowitz: "Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht"

Die Idee der Nachhaltigkeit scheint sich auf den ersten Blick erst in den vergangenen Jahren Gehör verschafft zu haben. Dabei ist der Begriff schon viel älter. Vor 300 Jahren wurde die Idee der Nachhaltigkeit erstmals niedergeschrieben. Dafür verantwortlich: Ein Beamter des sächsischen Kurfürsten.

Von Britta Fecke

Die Eckpfeiler der Nachhaltigkeit laut Carlowitz: ein ökonomisches Auskommen unter Wahrung des ökologischen Gleichgewichts (Michael Stang)
Die Eckpfeiler der Nachhaltigkeit laut Carlowitz: ein ökonomisches Auskommen unter Wahrung des ökologischen Gleichgewichts (Michael Stang)
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Kurz und kritisch

Dass dieses aktuelle Umweltkonzept aus dem barocken Sachsen kommt, ist überraschend. Und tatsächlich hat Hans Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann unter August dem Starken, dem von ihm geprägten Begriff der "nachhaltenden Nutzung” recht wenig Bedeutung zugemessen. Er hebt die Worte in seinem dickleibigen Lehrbuch - Sylvicultura Oeconomica - oder Naturgemäße Anweisung zur Wilden Baum-Zucht - nicht einmal hervor. Der forstwirtschaftliche Terminus scheint ihm nicht so wichtig, die Idee einer verantwortungsvollen Lebensweise dagegen sehr. Er ist mit seinem schriftlichen Vermächtnis klar der Vordenker des inzwischen geflügelten - ja inflationär - genutzten Begriffs der Nachhaltigkeit. Carlowitz zeigt den Zusammenhang zwischen der Nutzung einer Ressource (in seinem Fall Holz) und der Verantwortung gegenüber den nachkommenden Generationen. Denn im sächsischen Freiberg am Fuße des Erzgebirges herrscht vor 300 Jahren Holzmangel: Selbstverschuldet, wie Carlowitz klar erkennt:

Dann der gemeine Manne hauet das Holtz ohne Unterscheid darnieder / treibet es unnützlich ab / und dencket / weil es ihm auzubringen keine Unkosten noch Mühe kostet / also habe er auch nicht nöthig / viel Arbeit und Sorge vor dessen Erhaltung anzuwenden / gehet verschwenderisch damit um / meynet es könne nicht alle werden / biß er es denn endlich mit seinen grossen Schaden erfähret / da er selber Mangel daran leidet...

Und weil der Mensch erst aus "Mangel” klug wird und Krisen die Kreativität fördern (damals wie heute), überlegte Carlowitz, wie man das Holz für die Schmelzhütten des Erzgebirges erhalten kann. Dabei sorgte sich der adlige Oberberghauptmann zwar um die wirtschaftliche Grundlage der damaligen Montanregion, aber er schätzte auch die Wälder um ihrer selbst willen und empört sich als Naturliebhaber über das Verhalten seiner Zeitgenossen.

Verwundern muß man sich wohl / daß die meisten Vermögensten Leute auf grosse Häußer, Palläste, Schlösser und dergleichen Baue ihr meist Vermögen anwenden; wär aber vielleicht verträglicher / wenn sie ihren Grund und Boden anzubauen / und zu verbessern suchten / als welches ihnen so wohl / als denen Nachkommen und dem gemeinen Besten weit nutzbarer fallen dürffte.

In diesem kurzen Abschnitt nennt Carlowitz die wesentlichen Ideen der Nachhaltigkeit: den sorgfältigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, angefangen bei der Pflege der Grundlage - des Bodens. Er erwähnt die Nachkommen und das Allgemeinwohl, er mahnt zu vorausschauendem Handeln und definiert so die Eckpfeiler der Nachhaltigkeit: ein ökonomisches Auskommen unter Wahrung des ökologischen Gleichgewichts - all das beeinflusst auch die soziale Gerechtigkeit. Ein Gleichklang, der heute so aktuell klingt wie im sächsischen Barock zur der Zeit, als die berühmten Silbermann-Orgeln in Freiberg gebaut wurden. Musikalisch als auch sozioökologisch war Freiberg wohl die Ideenschmiede Sachsens: Der eine saß in seiner Werkstadt, der andere streifte durchs Unterholz und erkannte schon vor 300 Jahren, dass die Gesellschaft an die ökologischen Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums stieß. Es bleibt ein drängendes Problem, in dieser Zeit, in der die kapitalistische Gesellschaft ihre Werte immer häufiger hinterfragt - wo zwischen Burnout und Occupy die Hoffnung auf eine alternative Lebensweisen keimt.

Nun wird eine fortwirtschaftliche Anleitung zur Nachzucht gerodeter oder unsachgemäß bewirtschafteter Baumbestände nicht alle Antwort für die Sinnkrisen des 21. Jahrhunderts bereit halten, aber inspirierend sind die Betrachtungen allemal und sehr anschaulich zudem. Auch für Leser, die eine Buche nur schwer (oder gar nicht) von einer Esche unterscheiden können. Und wo der sächsische Wald nicht reicht, schweift der Autor auch gern in die fernen Fluren, schließlich ist er standesgemäß weit gereist und wurde auf seiner "Grand Tour” umfassend gebildet. So erklärt er unter der Überschrift:

Erzehlung etlicher Nationen in Europa bey denen das Holtz-Säen und Pflantzen üblich

...wie unsere europäischen Nachbarn ihren Wald vor drei Jahrhunderten vor dem Raubbau schützten

Wenn in Spanien / sonderlich in Biscaya, ein Baum gefället wird, müssen dagegen bey Vermeidung grosser Straffe drey andere wieder gepflanzet werden....

Nachhaltigkeit in absoluter Konsequenz: Wer dem System etwas entnimmt, ersetzte den Schaden zur Sicherheit gleich mehrfach. Vor drei Jahrhunderten erkannt, bis heute nicht umgesetzt, schon gar nicht in Spanien! Was aber an der Wahrhaftigkeit seiner Theorie nichts ändert.

Carlowitz‘ schriftliches Vermächtnis ist zudem unterhaltsam, ja geradezu sinnlich. So erfahren wir im Dritten "Capitel über die Naturgemäße Betrachtung der Hölzer":

Wie angenehm ist die grüne Farbe von denen Blättern derer Bäume sey/ ist nicht zu sagen. Die Sinnlichkeiten werden dadurch recht zärtlich gerühret / wunderlich gestärcket und erfrischet / die Augen in die gröste Anmuth gesetzet / gestalt man denn diese Farbe fast bey allen Bäumen findet.

An dieser Stelle sei gesagt, dass es für alle eiligen Leser, denen die barocke Syntax mühsam erscheint, die vorangestellte Zusammenfassung des Herausgebers Joachim Hamberger gibt Wirklich hilfreich ist diese für alle Leser, die des Lateinischen und Griechischen nicht ausreichend mächtig sind. Denn der gründlich gebildete Edelmann gefällt sich recht gut als Zitator römischer Feldherren und griechischer Philosophen - Cicero, Vergil oder Ovid. Die Übersetzungen und sorgsame fachliche Einordnung des Herausgebers ist da sehr hilfreich!

Fremde Sprachen und fremdländische Gewächse begeistern den adligen Dienstherrn im Übrigen gleichermaßen. So empfiehlt er die Einfuhr tropischer Gewächse, um Gottes Schöpfung zu preisen:

... wenn man desselben preisßwürdige Wercke und Geschöpffe / so in weit entlegenen Orten anzutreffen / auch in der Nähe sehen und erkennen kan.

Die Zucht fremder Pflanzen und Gehölze ist für den Autor kein Eingriff in die göttliche Ordnung. Das mag zwar sein, aber es stört doch - wie wir heute wissen – die heimischen Ökosysteme gewaltig, wenn sie von invasiven tropischen Pflanzen überwuchert werden. Stichwort: Riesenbeerenklau oder Ambrosia. Doch wer will Carlowitz seine mangelnden Kenntnisse in diesem Fall nicht nachsehen? Ist er doch sonst ganz besonnener Vordenker, ja Visionär, wenn es um den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen geht.
Hans Carl von Carlowitz macht diese praktische Anleitung zur Baumzucht durch seine umfassende Bildung zu einer anspruchsvollen Lektüre. In der neben philosophischen Ergänzungen auch noch Kapitel über die Schweinezucht in Buchenwäldern oder die Vorzüge des Cypressenholzes bei der Leichenbestattung Raum finden. Und wenn demnächst sächsische Forstbeamte Ovid zitierend durch die Tannenschonung streifen, dann wollen sie keine Rehe betören, sondern nur ihren berühmten Vorgänger rühmen.

Buchinfos:
Hans Carl von Carlowitz (Joachim Hamberger Hrsg.): "Sylvicultura oeconomica oder außwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht", Oekom Verlag, 640 Seiten, 49,95 Euro.

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