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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Vaterrolle im sozialen Wandel19.10.2006

Die Vaterrolle im sozialen Wandel

Ein Forschungsprojekt des Frankfurter Instituts für Sozialforschung

<strong>Collage (Studenten in der Mensa):</strong>

Von Peter Leusch

Ein Vater wickelt seinen Sohn. (AP)
Ein Vater wickelt seinen Sohn. (AP)

"Ich bin aufgewachsen in einer großen Familie, mit Menschen umzugehen, und auch als Vater ein Kind heranwachsen zu sehen - das ist ein schönes Erlebnis, glaube ich."
"Ich bin Familienmensch und kann mir das sehr gut vorstellen, eine Familie zu gründen und Verantwortung zu übernehmen, jemandem mein Wissen weiter zu vermitteln."

"Da stellt sich die Frage, wie das mit der Versorgung der Kinder ist. Und Verantwortung sollt man schon zeigen in der Weise, dass man den Kindern eine gesicherte Zukunft bieten kann."

" Das Kind ernähren zu können, wenn einer von beiden genug Geld verdient, dann ist das sicher kein Problem. Also ich wäre sehr gern Hausmann, ich bin kein leidenschaftlicher Arbeiter, deswegen würde ich ganz gern auf Kinder aufpassen."

Kölner Studenten äußern sich in der Mensa zu der Frage, ob sie später Vater werden wollen und wie sie sich diese Rolle vorstellen. Da gibt es recht unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Auffassungen, ein Phänomen, das sich bis in die sozialwissenschaftliche Untersuchung der Vaterrolle fortsetzt. Einig sind sich die Forscher zwar in dem Punkt, dass der Vater für die Entwicklung des Kindes wichtig ist, uneins jedoch ob und in welche Richtung sich Vaterschaft heute wandelt.

Die einen diagnostizieren eine Entwicklung weg vom traditionellen Bild des Ernährers hin zum partnerschaftlichen Vater, der stärker im Familienleben präsent sei. Andere erklären dagegen, dass sich in der familialen Praxis wenig verändert habe. Nach wie vor kümmerten sich primär die Mütter um Haushalt und Kindererziehung, während die Väter erst bei älteren Kindern verstärkt in Erscheinung träten, wenn es um Freizeitaktivitäten oder Hausaufgabenbetreuung ginge.

Die Soziologen Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger vom Frankfurter Institut für Sozialforschung wollten mit einer empirischen Fallstudie den widersprüchlichen Sachverhalt aufklären und die theoretische Spekulation auf den Boden gesicherter Daten zurückführen. Ihre Väterstudie hat sich - in einem ersten Schritt - mit einem umfangreichen Fragebogen zum Thema Vaterschaft an die Männer gewandt. Andrea Bambey:

"Wir haben den Fragebogen an Grundschulväter verteilt, wir wollten dabei die Altersgruppe eingrenzen, acht bis zehnjährige Kinder in den Familien, vorfinden. Wir haben an 50 Grundschulen im Raum Frankfurt und in angrenzenden städtischen Kreisen Fragebögen verteilt, und wir hatten einen auswertbaren Rücklauf von 1500 Fragebögen."

165 Fragen decken verschiedene Aspekte des Themas ab, zum Beispiel wie Väter ihre Geschlechterrolle verstehen. Dabei wurden, erläutert Hans Walter Gumbinger, Fragen, wie die folgende gestellt:

Die Mutter sollte in der Familie mehr für die Zuwendung und Pflege der Kinder zuständig sein, der Vater mehr für die Durchsetzung von Regeln.

"Man konnte das in sieben Stufen beantworten, von Unentschieden bis volle Zustimmung, bis volle Ablehnung. Konnte damit also zeigen, ich bin eher dafür, dass der Vater für Disziplinierung zuständig ist, oder ich lehne das völlig ab, oder ich bin eher unsicher und habe da keine Einschätzung. - Das ist ein Beispiel für die Frage, ob jemand eher traditionelle Geschlechtsrollenvorstellungen hat oder die ablehnt oder hier unentschieden ist."

Bambey: "Ein weiterer Aspekt war die Frage zum Vater-Kind-Verhältnis: Was für ein Verhältnis hat der Vater in Bezug auf die emotionale Einfühlung oder aber auch in Bezug auf seine Geduld. Da haben wir ihn gefragt, in dem Sinne: " Manchmal wünsche ich mir Urlaub vom Kind. "Das haben erstaunlich viele Väter mit einem kräftigen Ja beantwortet, oder Fragen die den Alltag betreffen: " Ich muss zugeben, ich reagiere oft gereizt, wenn mich etwas stört, oder Fragen wie: Ich habe oft keine Lust, meinem Kind länger zuzuhören, wenn es mir etwas erzählen will. " Auch das hat sehr differenzierte Ergebnisse zur Folge gehabt. "

Weitere Aspekte der Befragung waren, wie Männer die Qualität der Partnerschaft beurteilen, welche Einstellung sie zu ihrer Herkunftsfamilie und zum eigenen Vater haben, und auch wie sicher oder unsicher sie sich selbst in ihrer Vaterrolle erleben.

Bei der Auswertung des Fragebogens haben sich sechs Gruppen von Vätern herauskristallisiert, das heißt das Antwortverhalten innerhalb einer solchen Gruppe war recht ähnlich, während es sich deutlich von dem anderer Gruppen unterschied. So gelangten die beiden Soziologen zur Unterscheidung von sechs Vätertypen.

In einem zweiten Schritt führten Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger sodann eine Reihe von persönlichen Interviews mit einzelnen Männern aus jeder Gruppe, um ihre Analyse zu überprüfen und zu vertiefen.

Einen Vätertypus haben sie ganz unspektakulär den durchschnittlichen Vater genannt, weil er keine Auffälligkeiten in seinem Profil aufweist: der durchschnittliche Vater ist nicht traditionell fixiert, vielmehr durchaus aufgeschlossen, er fühlt sich einigermaßen akzeptiert von seiner Partnerin und hat kein schlechtes, wenn auch ein leicht distanziertes Verhältnis zu seinem Kind.

Interessanter, und weit problematischer ist ein anderer Typus, den die beiden Soziologen den randständigen Vater getauft haben:

Bambey: " Der randständige Vater glaubt, dass die Mutter das Kind am liebsten allein erziehen möchte, und ihm in der Erziehung misstraut, oder zumindest in seiner erzieherischen Kompetenz nicht viel zutraut. Wir kamen auf diesen Titel, randständiger Vater, weil wir dachten, dass er am Rande der Familie steht, dass er von der Mutter in Bezug auf die Kinder tendenziell ausgeschlossen wird und dann eher eine traditionelle Rolle spielt. Man muss aber dazu sagen, dass die qualitative Studie hier etwas ganz anderes gezeigt hat - wir haben Elterninterviews geführt, wo die Mutter zugegen war, es war in gleicher Weise die Mutter gefragt, - und die Mütter waren viel eher der Auffassung, dass sich die Väter mehr beteiligen sollten an der Erziehung, dass sie eher enttäuscht seien über den Rückzug des Vaters, und dass sie eher die Haltung haben, dass das väterliche Engagement durchaus zu wünschen übrig lässt, also ein Ergebnis, was man aus der statistischen Analyse allein nicht hätte interpretieren können. "

Erst in den anschließenden Einzelinterviews mit allen Familienmitgliedern zeigte sich, dass Selbstbild und Fremdbild des randständigen Vaters in manchen Fällen weit auseinander liegen, ja sich sogar widersprechen. Während der Vater selbst sich von einer vermeintlich dominanten Partnerin an den Rand gedrängt fühlt, beklagt diese sich umkehrt über einen Rückzug, der von ihm ausging.

Zur Gruppe des randständigen Vaters zählten etwa zehn Prozent der Befragten. Knapp 13 Prozent gehörten zum Typus des gereizten und unsicheren Vaters.

Bambey: "Der unsichere und gereizte Vater, von uns so genannt, hat zwei hervorstechende Eigenschaften: das ist zum einen eine große Unsicherheit in der väterlichen Rolle, also die Fragestellung - so schildern es diese Väter oft selber von sich: " Wie mache ich es richtig? Was muss ich überhaupt tun als Vater? Bin ich ein guter Vater für meine Kinder? " Und der zweite Punkt, scheinbar nicht damit zusammen passend: eine sehr große Ungeduld, eine große Gereiztheit, wenn Dinge nicht so laufen, wie der Vater sie sich vorstellt, sei es der Tagesablauf, seien es kleinere situative Dinge, da kann er von sich selber sagen, dass er dann meistens sehr unduldsam wird und das sehr schlecht ertragen kann. Diese Väter schildern das sehr offen, leiden auch selber sehr darunter, können es aber nicht abstellen, können buchstäblich nicht aus ihrer Haut. Und wir haben in den Interviews festgestellt, dass in diesem Cluster das Vater-Kind-Verhältnis am negativsten ist, und auffällig ist eine Unsicherheit auch in kleinsten Alltagsfragen, also wer hat wann ins Bett zu gehen, wer muss wann wie aufräumen, diese Fragen können die Väter nicht lösen, ohne dass es zu massiven Konflikten in der Familie kommt. "

Die qualitativen Gespräche zeigten, dass bei diesem gereizt verunsicherten Typus der Kinderwunsch oft nicht ausgeprägt war, sondern ein Zugeständnis an die Frau darstellte. Manche äußerten, dass die Partnerschaft durch die Geburt des Kindes schwieriger geworden sei. Offensichtlich hatten sie keine tiefer gehend positive Vateridentität entwickelt. Recht eindeutig hingegen identifiziert sich der so genannte distanzierte Typus mit dem überkommenen Vaterbild des Ernährers und Familienoberhaupts:

Gumbinger: "Der distanzierte Typus hat eine stark traditionelle Ausprägung, er glaubt dass Frauen für die Erziehung geeigneter sind, Männer weniger, das die Frauen zuständig sein sollten, er hat tatsächlich ein eher negatives Vater-Kind-Verhältnis, was auch daher rührt, dass er eher auf Distanz zu den Kindern geht, und sich selber als jemand versteht, der hauptsächlich die Familie ernährt, der den Rahmen schafft, in dem er zwar für Disziplinierung zuständig ist, aber nicht für die Fürsorge der Kindern, für das Spielen, für die Pflege; nicht für die Betreuung der Kinder, das hält er nicht für seine Aufgabe, und er geht da auch emotional auf Distanz zu seinen Kindern. "

Bambey: " In diesem Cluster fanden wir Väter, die von sich sagen: "Ich habe eine gewisse Distanz zu meinen Kindern, ich bin jetzt nicht so der Vatertyp der stundenlang mit den Kindern spielt, und mit ihnen rumtobt, ich bin als Ansprechpartner da, ich mache gern mit ihnen Sport, ich helfe beim den Hausaufgaben, ich richte vielleicht auch mal den PC ein, aber diese Dinge - stundenlang auf dem Boden liegen und bauen, das kann ich einfach nicht.""

Einen weiteren Typus haben die Soziologen als partnerschaftlich traditionellen Vater charakterisiert. Aber man fragt sich, wie diese beiden gegensätzlichen Attribute überhaupt zusammen passen können. Weist partnerschaftlich doch in eine Richtung, wo sich der Vater Fürsorge und Erziehung mit der Mutter teilt, wo er seinem Kind auch emotional nahe ist, - ganz anders, als die Tradition es vorsah.

Bambey: "Wir haben bisher einige Hinweise, dass das mit einer eher männlich geprägten Geschlechtsidentität zu tun hat, weniger stark mit einer traditionellen Elternrolle, die diese Vater einnimmt, das sind durchaus hoch engagierte Väter, die durch die Geburt der Kinder ihre Vaterschaft geradezu entdeckt haben, und die emotionale Seite, die das Ganze hat, und die das für sich nutzen wollen, die das genießen und sich daran erfreuen. "

Gumbinger: "Wir haben sogar einen Vater, der nach vier Jahren, nachdem die Mutter wieder zurück in den Beruf wollte, die Erziehung der Kinder übernommen hat, zwar weiter seinen Beruf verfolgen konnte, aber es so einrichten konnte, dass er wesentlich präsenter war für die Kinder, im Grunde eine traditionelle Frauenrolle übernommen hat. Das war für ihn überhaupt kein Problem, aber in anderen Aspekten ging es ihm doch sehr stark darum, dass die Kinder eine gewisse Lebenstüchtigkeit, eine Robustheit, eine sportliche Rivalität zeigen können, und dass sie, was auch eher ein traditionelles männliches Verständnis ist, sich nicht so früh binden, ihre sexuelle Unabhängigkeit erst einmal ausleben, bevor sie eine Bindung eingehen. Elemente einer traditionellen Männlichkeit, aber gut verknüpft, mit dem Vater, der den Beruf zurückgestellt hatte und eindeutig für seine Kinder da sein wollte."

Bei den Vertretern dieses Typus gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Mann- und Vatersein, wobei eine traditionelle Vorstellung von Männlichkeit auf eine moderne Auffassung der Vaterrolle trifft. Hier wird deutlich, dass ein Wandel des Vaterbildes sich nicht isoliert vollzieht, sondern Fragen aufwirft, wie die Geschlechterrollen von Mann und Frau verstanden und ausgestaltet werden.

Das positivste Vatermodell in den Augen der Soziologen stellt der so genannte egalitäre Typus mit 29 Prozent der Befragten dar. Die Forscher charakterisieren ihn als engagiert und emotional kompetent, er sei dem Kind zugewandt und von der Mutter akzeptiert, er lehne Rollenklischees ab, reflektiere vielmehr selber sein Vatersein, ohne dabei in Unsicherheit zu verfallen.

Gumbinger: "Ich kann ergänzen, dass ein sehr wesentliches Merkmal diese Vatertyps ist, dass es in der Familie eine sehr starke Ausprägung von Aushandlungsprozessen gab, alles was an Erziehungsfragen sich stellte, wurde zwischen Vater, Mutter und Kind sehr ausgeprägt ausgehandelt, besprochen, reflektiert, in welche Richtung was gehen konnte, auch die Frage, ob der Vater Erziehungsurlaub nimmt, war nicht von vornherein klar, wie bei den anderen Typen, ... wir hatten viele Väter, die das für sich in Anspruch nehmen wollten, dass es dann doch traditionelle Lösungen gab, lag oft daran, dass die Männer tatsächlich viel mehr verdienen und vom Verdienst der Frau allein die Familie hätte nicht leben können, und die Familie diese Entscheidung dann getroffen hat, allerdings im ausgehandelten Einverständnis beider, dass das eben jetzt so sein muss, und nicht aus einer Selbstverständlichkeit heraus, dass man das so macht. "

Die beiden Soziologen betonen, dass das Antwortverhalten keineswegs im Sinne sozialer Erwünschtheit erfolgt sei, was man vielleicht befürchten konnte. Denn viele hätten die Probleme und auch das Misslingen der Vaterrolle in ihren Antworten nicht verhehlt. Die drei Typen - randständiger, distanzierter sowie unsicher gereizter Vater - umfassen immerhin 40 Prozent der Befragten. Insgesamt, so resümiert Andrea Bambey das Ergebnis der Studie, trifft man auf ein breites Spektrum. Der Wandel der Vaterrolle ist kein zielgerichteter absehbarer Prozess, vielmehr präsentiert er sich als schillernd mehrdeutiges Bild, als "Neue Unübersichtlichkeit", wie Jürgen Habermas das einmal nannte.

Bambey: "Es gibt natürlich neue Väter, die ihr Vaterschaft auf eine partnerschaftlich egalitäre engagierte Weise gestalten, und es gibt andrerseits ein breites Spektrum an Ausgestaltung von Vaterschaft heute, das kann man als Ergebnis der Forschung für unspektakulär halten es ist aber sozialwissenschaftlich interessant, als man sehen kann, wir haben es offensichtlich mit einem Spektrum zu tun, konnten eine breite Typologie bilden und die bildet offensichtlich eine komplexe soziale Realität ab, die wir uns vor uns haben. "

Den zweiten Teil der Leitfrage, Neue Väter - andere Kinder? haben die Autoren der Studie unbeantwortet lassen müssen. Zum einen weil sie nur mit 17 Kindern der befragten Väter im Einzelinterview sprechen konnten - das ist eine viel zu geringe empirische Basis, um allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen - zum anderen aber auch, weil hier nicht allein der Einfluss des Vaters auf das Kind, sondern auch der von Mutter, Peer-Group und schulischem Umfeld auszuloten wäre.

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