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StartseiteKultur heuteTäter aus dem Reich der Untoten08.12.2019

"Die Verdammten" am Schauspiel KölnTäter aus dem Reich der Untoten

Sehr bereitwillig machten deutsche Industrielle mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache. Davon erzählt Luchino Viscontis Film "Die Verdammten". In der Theateradaption von Regisseur Ersan Mondtag am Schauspiel Köln bleiben die politischen Hinter- und Abgründe des Geschehens jedoch erstaunlich fern.

Von Michael Laages

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Die Verdammten (La Caduta Degli Dei) nach dem gleichnamigen Film von Luchino Visconti. Auf dem Bild sehen Sie: hinten: Nicolas Lehni und Elias Reichert; Masken: Dennis Bodenbinder, Antonia Bockelmann, Campbell Caspary, David Kösters und Paul Langemann; vorne: Benjamin (Schauspiel Köln / Birgit Hupfeld)
"Die Verdammten" von Ersan Mondtag am Schauspiel Köln (Schauspiel Köln / Birgit Hupfeld)
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Geht das? Von Industriellen wie Hugo Stinnes und den Krupps erzählen, als seien sie nicht von dieser Welt? Der Visconti-Abend von Ersan Mondtag in Köln sieht ein bisschen so aus. Der Regisseur ist hier auch wieder als Bühnenbildner in Dienst - und lässt in den überdimensionalen Breitwand-Raum der Kölner Schauspiel-Baustelle die Villa Krupp als Grusel-Ruine bauen, in der die Untoten wohnen. Es schneit ohne Pause, und an die Hauswände lehnen von draußen schon mächtig hohe Wehen.

Lange bleibt’s still zu Beginn, nur Wind und Wölfe und Käuzchen heulen, bevor das erste, ganz fahl-grüne Gespenst einen der umgestürzten Stühle aufstellt und sich an die leere Tafel setzt: "In den letzten Jahren hatte mein Handeln bekanntlich nur ein einziges Ziel – die Einheit und das Ansehen unserer Firma zu gewährleisten ..."

Einziges Requisit im schwarzen, toten Raum: ein großes Bild von - erklärt das Programmheft - Adolf Hitler als Baby; später wird es kurzzeitig durch ein riesiges Porträt des - mittlerweile toten - Herrschers im Hause Essenbeck ersetzt.

Eine Killer-Familie, die sich selbst umbringt

Aus dem Schnee vorn an der überbreiten Rampe erheben sich all die vielen Toten der Familie Essenbeck, die jetzt im Laufe von etwas mehr als zwei Stunden noch einmal sterben werden: neben dem Patriarchen Joachim dessen Nichte - und auch Schwiegertochter, so kompliziert ist das hier - Sophie von Essenbeck sowie deren pädophiler Sohn Martin; auch der Patriarchen-Sohn - und SA-Mann - Konstantin samt ungeratenem Künstler-Sohn Günther sowie Sophies Cousin Aschenbach, der schon Obersturmbannführer ist. Nur einer aus der Geschäftsführung, Herbert, wird widersprechen:

"Deinen einzigen Sohn hast Du sogar auf die Schlachtbank geführt ..." - "Herbert ..." - "...um der Welt zu beweisen, dass wir Essenbecks für unser Vaterland alle Zeit Kanonen wie Kinder und Kindeskinder zu opfern bereit sind!"-/ "Herbert!"

Kern der Fabel ist Herberts Chef, der Wirtschaftsführer und Karrierist Bruckmann, Geliebter der mächtigen Firmen-Erbin Sophie und sehr bald Mörder des alten Essenbeck. Mit der Zeit bringen die Mitglieder dieser Killer-Familie einander beinahe alle gegenseitig um, am Schluss tötet die Kinder-Generation die der Eltern. Und ausgerechnet der extrem aus der Art gefallene Martin wird Erbe von allem, fest in der Hand der Nazi-Strategen - deren tödlicher Wahn hat alle, jeden und jede durchseucht, auch die, die keine braune oder schwarze Uniform trugen und einfach nur Mitläufer waren und Opportunisten.

Mondtag setzt den Tätern die Totenmaske auf

All das Politik - aber wo bleibt die auf der Bühne? Visconti lässt den Film vor fünfzig Jahren sehr symbolträchtig mit einem Familien-Rat in der Nacht des Berliner Reichstagsbrandes beginnen, am Tag der Entscheidung also:

"Heute Nacht werden die Weichen unserer aller Zukunft gestellt. Und wer jetzt untätig zögert, wird für immer das Nachsehen haben." - "Sieg Heil!"

Weil nun aber Regisseur Mondtag das politische Geschehen ins Reich der Untoten verlegt, bleiben all diese Monstren und Grusel-Lemuren merkwürdig fern. Spuren deutscher Kriegs- und Wirtschaftsgeschichte, die womöglich noch bis in die Gegenwart reichen, finden sich nicht in dieser Grundbehauptung der Inszenierung.

Auch Mondtags wichtigste Mitstreiterin an diesem Kölner Abend trägt stark zur Entfremdung bei - die Kostümbildnerin Teresa Vergho, zu deren außergewöhnlichen Handwerklichkeiten die vollständige Umgestaltung von Körper und Profil gehört. Schauspielerinnen und Schauspielern sind bei ihr zuweilen nicht wieder zu erkennen. Da ist es fast schon egal, ob Männer oder - wie in zwei Fällen - Frauen die Männerrollen spielen, ein Knautschmasken-Chor kommt hinzu.

Das sind lauter starke Bild-Effekte. Doch politische Hinter- und Abgründe sind ausgerechnet bei diesem Material erstaunlich fern. Ersan Mondtag begräbt die elende, fundamental zerstörerische Verstrickung von deutscher Wirtschaft und deutschem Faschismus, er setzt den Tätern sozusagen die Totenmaske auf. "File closed", Deckel drauf - aber ist der Fall denn wirklich erledigt?

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