Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Donnerstag, 15.11.2018
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteHintergrundDie verfehlte Mission20.02.2009

Die verfehlte Mission

Die EU und ihr Militäreinsatz im Tschad

3700 Soldaten aus 19 Mitgliedsländern der Europäischen Union sind zurzeit im östlichen Tschad stationiert. Im Grenzgebiet zu Darfur sollen die EUFOR-Truppen einen sogenannten humanitären Korridor garantieren. Nach Angaben ihrer Kommandeure hat sich die Sicherheitslage seit der Stationierung verbessert. Einheimische und Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen erzählen aber eine andere Geschichte.

Von Martin Durm

Sudanesen in einem Flüchtlingslager in der Region Darfur (AP)
Sudanesen in einem Flüchtlingslager in der Region Darfur (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Seit Sonnenaufgang wühlt sich der schwer bewaffnete Konvoi durch das Land. Braun und ockerfarben und gelb sind die Fahrzeuge, über die Ladeflächen sind gefleckte Netze gezogen.

Alles in dieser Gegend ist braun und ockerfarben und gelb: die Steinhaufen, die sich am Horizont zu hingewürfelten Hügelformationen auftürmen, die runden Lehmhütten in den Dörfern und auch die Uniformen des 1. französische Husaren-Fallschirmjäger-Bataillons, das da im Osten des Tschad nahe Darfur unterwegs ist. EUFOR im Einsatz; die Soldaten sollen sich möglichst ihrer Umgebung anpassen. Aber so gut die Tarnung auch sein mag, immer zieht der Militärkonvoi eine riesige Staubfahne hinter sich her: über ausgetrocknete Flusstäler, Sandpisten, dorniges Buschland:

Gerade hat der Konvoi eines der vielen überfüllten Flüchtlingslager passiert. Frauen mit leeren Wasserkanistern schauen ihm hinterher und halbnackte Kinder, die die Hände ausstrecken und "cadeaux" rufen, "cadeaux" - Geschenk. Die militärische Vorschrift besagt, dass es verboten ist, anzuhalten und Bonbons zu verteilen. Bonbons sind laut militärischer Vorschrift ausschließlich nur von fahrenden oder abfahrenden Fahrzeugen abzuwerfen. Andernfalls könnte es zu bedrohlichen Menschenansammlungen kommen. Der Konvoi fährt Richtung Westen, in eine abgelegene Siedlung, die in den vergangenen Monaten immer wieder von Djandjawid heimgesucht wurde.

Wir schauen zuerst mal bei den lokalen Autoritäten vorbei, sagt der Patrouillenführer, hängt sich Wasserflasche und Maschinenpistole über die Schultern und stapft Richtung Dorfplatz: Es gibt einen Grundsatz für solche Missionen, der heißt: Wichtiger als alle Satellitenaufklärung ist der enge Kontakt zu den Einheimischen, die geben dir die entscheidenden Informationen. Die lokalen Autoritäten sind aber gerade nicht da. Und weil es Mittag ist und 45 Grad Hitze und weil die Dorfbewohner auch nicht sonderlich kooperationsbereit wirken, gerät die Patrouille erstmal ins Stocken.

3700 Soldaten aus 19 Mitgliedsländern der Europäischen Union sind zurzeit im östlichen Tschad stationiert. Im Grenzgebiet zu Darfur sollen sie einen so genannten humanitären Korridor garantieren. Ihr Auftrag: Schutz der Dörfer und Lager, der Flüchtlinge und der Vertriebenen. Außerdem Schutz der Hilfsorganisationen und des UN-Personals.

EUFOR soll so etwas sein wie Europas Beitrag im Kampf gegen die Darfur-Katastrophe. Aber was es auch sein mag: Es erscheint zunächst einmal als ein außerordentlich ehrgeiziges militärisches Unternehmen zu sein, wenn man bedenkt, was für ein Gebiet da eigentlich kontrolliert werden soll: Eine Region so groß wie Frankreich, viel Wüste, wenig Wasser, Dornen, Banditen, Wegelagerer und so viele zersplitterte Rebellengruppen, dass es sich gar nicht erst lohnt, sich die Namen alle zu merken.

Es gibt die Tschad-Rebellen, die versuchen, Diktator Idriss Dèby zu stürzen. Und es gibt die Darfur-Rebellen, die versuchen, Sudans Diktator Omar Hassan al Bashir zu stürzen. Und es gibt Darfur-Rebellen, die die Seiten gewechselt haben und nun gemeinsame Sache machen mit der sudanesischen Regierungsarmee. Und es gibt die Djandjawid - die Reitermilizen, die diesseits und jenseits der Grenze brennen und morden. In diesem gewalttätigen afrikanischen Landfetzen versuchen zurzeit etwa 300.000 Flüchtlinge aus Darfur und 200.000 im Tschad Vertriebene zu überleben.

Die Flüchtlingslager gleichen sich: Überall Plastikplanen, Zeltbahnen, an Holzstöcke geknotete Lumpen. Ein Labyrinth aus brüchigen Unterständen, die Schutz geben sollen vor der Sonne und vor dem heißen staubigen Wind. Die Menschen gleichen sich: Tiefschwarze Gesichter, ausgezehrt von Malaria, Hunger und endlosen Märschen. Und die Geschichten gleichen sich auch:

"Die Djandjeweed haben das Dorf niedergebrannt, in dem ich geboren bin. Sie kamen um zu töten. Wir sind noch rechtzeitig geflüchtet. Was hätten wir tun sollen? Wie sollen wir uns wehren? Wir haben doch nur unsre Messer und die Stöcke, mit denen wir unser Vieh hüten. Was sollen wir tun gegen Männer mit Maschinengewehren."

Wenn man solche Sätze immer und immer wieder zu hören bekommt, stellt sich irgendwann das Gefühl ein, als gebe es auf der Welt keinen anderen Ort mehr als dieses Lager. Ein Ort ohne Trost, wo nichts geschieht und wo sich die vergehende Zeit nur an den früh gealterten Kindergesichtern ablesen lässt:

Was ist in deinem Dorf passiert? Ich bin weggelaufen als sie kamen, sagt der Junge. Seinen Vater haben sie umgebracht. Was aus seiner Mutter wurde, weiß er nicht.

2004/2005 - das waren die ersten, die blutigsten Kriegsjahre in Darfur. Die meisten der etwa 300.000 Opfer starben in dieser Zeit, und auch die meisten der 300.000 Flüchtlinge flohen damals in die Lager des benachbarten Tschad. Derweil waren europäische und amerikanische Diplomaten damit beschäftigt, das sich abzeichnende Friedensabkommen im Südsudan zu begrüßen. Darfur war da eher störend; weshalb Machthaber Bashir in aller Ruhe die Djandjaweed, die arabischen Reitermilizen, aufrüsten konnte, um im Westsudan die schwarzafrikanischen Aufständischen zu massakrieren. Erst als das große gezielte Massenmorden vorbei war und einem anarchischen Bürgerkrieg Platz machte, erst da wurde der Westen aktiv - und schickte im Namen Europas eine Armee zu den Flüchtlingen. Seit vergangenem Sommer ist sie im Einsatz:

Das ist Colonel Francois Villaumey, einer der führenden Kommandeure der Europäer. Er sitzt gegen Abend vor seinem Zelt im EUFOR-Sützpunkt Farchana, umringt von einem Bataillon französischer Fallschirmjäger, mehreren leichten Panzern und einem drei Meter hoch aufgeworfenen Erdwall. Darüber spannt sich ein Licht versprühender Sternenhimmel, dahinter liegt dunkel der Busch.

"Also - was das Ergebnis angeht, da wissen wir, dass unsere Präsenz die Sicherheitslage insgesamt deutlich stabilisiert hat. Wir wissen von den Hilfsorganisationen, die genau Statistik führen, dass die Zahl der Übergriffe auf ihre Mitarbeiter seitdem wir hier sind stark zurück gegangen ist, und zwar um das drei- bis vierfache. Was die Einheimischen angeht, da haben wir weniger statistische Werte, aber soviel ist sicher: Bevor EUFOR hier stationiert wurde, war die Sicherheitslage sehr schlecht."

Die Sicherheitslage ist genau genommen noch immer sehr schlecht. Aber das kann Colonel Villeaumey so natürlich nicht sagen. Er würde dann nämlich den Sinn einer europäischen Militärmission hinterfragen, die in nur zwölf Monaten ein paar hundert Millionen Euro verschlingt. Offiziell zahlt Brüssel 120 Millionen, dazu kommen noch die Kosten der teilnehmenden Mitgliedsstaaten wie Frankreich, Österreich, Polen, Spanien. Selbst Deutschland, das keine eigenen Soldaten entsendet, beteiligt sich mit 20 Millionen an EUFOR.

Die EUFOR-Patrouille im Dorf ist bei der Suche nach den lokalen Autoritäten durch menschenleere Gassen gelaufen und schließlich in einem Wadi am Dorfrand auf einen alten Ziegenhirten gestoßen. Der Alte sagt, er heiße Amin und Gott sei barmherzig. Amin hat vor einer Woche den bislang letzten Raubzug der Djandjaweed miterlebt:

"Sie kamen gegen Abend auf Pferden und Kamelen. Sie hatten Maschinengewehre und Panzerfäuste dabei. Was sollten wir machen? Sie haben unser Vieh gestohlen und sind wieder abgezogen."

Wer, wann, wie viele es waren, fragt der Patrouillenführer. Der Alte kann oder will es nicht sagen. Was nicht weiter schlimm ist, denn kurze Zeit später findet der EUFOR-Trupp doch noch eine lokale Autorität; einen schläfrigen, mürrischen Provinzgendarm, der im Schatten seiner Zementbaracke sitzt und nicht so recht weiß, was die Soldaten aus Frankreich eigentlich von ihm wollen.

"Wie geht's, fragen die, hat's hier einen Überfall gegeben. Nein, sagt der Beamte, es war nichts."

Die Lage ist verwirrend im Osten des Tschad. EUFOR-Kommandeure und Provinzpolizisten erklären, die Sicherheitslage habe sich verbessert. Einheimische und die Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen erzählen dagegen eine andere Geschichte:

"Wir werden regelmäßig ausgeraubt. Im Schnitt alle zwei Wochen: Sie nehmen unsere Autos, unser Geld, unsere Satelliten-Telefone. Sie legen Leitern an die Mauer, drängen unsere Wachen in einen Raum, holen unsere Mitarbeiter raus, halten ihnen Kalaschnikows an den Kopf und zwingen sie, Geld rauszurücken."

Meistens ist nicht einmal klar, wer die Überfälle organisiert, sagt Karleine Kleijer von Ärzte ohne Grenzen. Sudanesische Rebellen, Aufständische im Tschad, kriminelle Banden, korrupte Soldaten der tschadischen Regierungsarmee - alle könnten es sein, alle tragen das landestypische Räuberzivil und sind auf Pickup-Trucks mit Kalaschnikows unterwegs. EUFOR hat bislang kaum etwas gegen sie ausrichten können. Und noch immer werden die Dörfer nahe der sudanesischen Grenze von den Djandjaweed heimgesucht. Mit ihren Pferden und Kamelen dringen die von Khartum munitionierten Banden bis zu 40 Kilometer tief hinein in den Tschad:

"Erst vor einer Woche haben die Milizen in der Region Biraq 227 Häuser niedergebrannt. Es hat bei dem Überfall 37 Tote gegeben und acht Verletzte. Das sind die Zahlen, die uns auch EUFOR bestätigt hat. Es geht einfach weiter, es hört nicht auf."

Idriss Oyonechidi - Unterpräfekt des Provinzstädtchens Farchana.

"Wir haben EUFOR gefragt, was macht ihr dagegen? Was könnt ihr unternehmen, wenn die Djandjaweed über die Grenze kommen und unsre Dörfer terrorisieren. Sie haben uns geantwortet: Wir können nichts tun, uns sind die Hände gebunden. Wir dürfen ein Dorf, das angegriffen wird, höchstens einkreisen. Aber in Kämpfe eingreifen, das Feuer gegen die Milizen eröffnen - das dürfen wir nicht."

Nur wenn Dorfbewohner bei einem Überfall der Djandjaweed keinen Widerstand leisten, also wenn sie bereit sind, sich ohne Gegenwehr niedermachen zu lassen, nur dann wäre laut EUFOR-Mandat der Einsatz von Waffengewalt gegen die Angreifer legitim. Ein solches Mandat scheint die Milizen und Banden nicht sehr zu schrecken.

Goz Beida - 40.000 Menschen; eines der großen Flüchtlingslager im Osten des Tschad. Noch so eine vergessene Kolonie aus Lumpen und Lehmbauten, die sich von einem baumlosen Hügel bis hinunter ins Tal zieht. Wenn sie der Wüstenwind nicht zerrissen hat, sind auf einigen Zeltbahnen noch die Namen der Spender zu lesen: from the american people oder: UNHCR - UN-Flüchtlingshilfswerk. Womöglich wurden die Plastikplanen schon über die humanitären Katastrophen in Ruanda gespannt, oder im Südsudan oder im Kongo - nun sind sie hier in Goz Beida, und der 50-jährige Zacharija hat Obdach darunter gefunden. Bevor er zum Flüchtling wurde, lebte in der Siedlung Farida in West-Darfur:

"Wir hatten gehört, dass unser Nachbardorf von den Reitermilizen angegriffen und niedergebrannt wurde. Also sind wir hin, um Überlebende zu suchen und um die Toten zu begraben. Wir haben ein paar Verwundete gefunden. Die haben uns gesagt: die Djandjaweed sind weitergezogen, jetzt wollen sie euer Dorf angreifen. In unserem Dorf hatten wir die Kinder in die Berge geschickt und nur die Alten und Kranken zurück gelassen. Sie wurden alle umgebracht."

Fünf Tagessmärsche waren es bis Goz Beida. Jetzt ist er hier und lebt von dem, was er von den internationalen Hilfsorganisationen bekommt: Essen, Wasser, medizinische Grundversorgung. Sogar eine Schule gibt es mittlerweile im Lager:

"Nach allem, was wir durchgemacht haben, können wir nicht mehr zurück. Wir wissen, dass die Leute, die uns vertrieben haben, immer noch da sind. Wenn wir zurückgehen, kommen sie und bringen uns um. Hier haben wir wenigstens noch was zu essen und zu trinken. Hier kümmern sich wenigstens die Hilfsorganisationen um uns."

Aber wie lässt sich in dieser Gegend das Elend der Flüchtlinge von der Not der Einheimischen unterscheiden? Die Armut hat ein Ausmaß erreicht, das sich an Äußerlichkeiten kaum mehr festmachen lässt. Wer ein Paar Sandalen und einen ausgemergelten Esel besitzt, zählt schon zu den Privilegierten. Soliman Moriene, einer der Dorfoberen von Goz Beida, besitzt ein Paar Sandalen und einen Esel:

"Die ganze Gegend hier ist ruiniert. Wir müssen mittlerweile viele Kilometer weit laufen, um noch irgendwo Brennholz zu finden. Das hat das Verhältnis zwischen den Flüchtlingen und den Leuten in den Dörfern vergiftet. Die Flüchtlinge werden von den internationalen Hilfsorganisationen versorgt. Sie bekommen alles, was sie brauchen: Lebensmittel, Medizin. Sogar Schulen wurden für die Flüchtlinge gebaut. Das hat es bei uns im Dorf nie gegeben. Wir haben nichts, keinen Arzt, keine Schule, nichts. Da muss was geschehen."

In den Dörfern haben sich Wut und Neid aufgestaut, ein gefährliches Gemisch, das sich oft an den Schwächsten entlädt. Es gibt viele Berichte darüber, dass einheimische Männer Flüchtlingsfrauen vergewaltigen, wenn sie die Lager verlassen um draußen Brennholz zu sammeln. Darüber wird nicht offen geredet, aber die Angst der jungen Frauen und Mädchen ist spürbar:

"Da wo ich herkomme, haben uns die Djandjaweed nicht mehr leben lassen. Aber hier ist es auch nicht gut. Hier ist es auch nicht gut. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft, mich zu wehren."

Sie verschließt ihr Gesicht mit einem Tuch, so wie sie vor einem Fremden auch ihre Gedanken und Erinnerungen verschließt: an ihre Kindheit, an ihr Dorf, an ihre Familie. Die missbrauchten Frauen und Mädchen schämen sich für das, was ihnen angetan wurde. Und schweigen darüber.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk