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StartseiteForschung aktuellDie Vermessung des Glücks18.05.2011

Die Vermessung des Glücks

Was Blogs und soziale Netze über Glücksgefühle verraten

Fragt man Menschen, ob sie glücklich sind, erhält man nur selten wirklich ehrliche Antworten. Um herauszufinden, wie glücklich die Bevölkerung der USA ist, analysieren Forscher der University of Vermont in Burlington daher Textnachrichten und Beiträge in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook.

Von Ralf Krauter

Ein glücklicher Twitterer (picture alliance / dpa)
Ein glücklicher Twitterer (picture alliance / dpa)
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Der Physiker Peter Dodds ist Experte für Wortklaubereien. Seit Jahren durchforstet er mit Computern die riesigen Textdatenbanken von Internetforen und sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook. Das Ziel der automatisierten Textanalyse: eine Art emotionale Stichprobe der US-Bevölkerung. Der Professor von der University of Vermont in Burlington will messen, wie glücklich seine Landsleute sind. Dazu hat er in Blogs mehr als zehn Millionen Sätze untersucht, die mit dem englischen "I feel ..." oder "I'm feeling ..." beginnen. Auf Twitter nahm er schon Textbotschaften mit insgesamt über 100 Milliarden Wörtern ins Visier.

"Wenn man Menschen fragt, wie glücklich sie sind, geben sie oft aus Versehen oder absichtlich falsche Antworten. Um verlässlichere Ergebnisse als bei Umfragen zu bekommen, haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, die Gefühlslage möglichst vieler Menschen zu erfassen, ohne sie explizit danach fragen zu müssen. Die Äußerungen in Blogs, auf Twitter und Facebook sind dazu prima geeignet."

Mit Datenbanken, die verraten, wie Menschen bestimmte Schlüsselwörter emotional bewerten, haben die Forscher zunächst Tausende Wörter auf einer Glücksskala von eins bis neun angeordnet. Die Vokabeln "Paradies" und "Liebe" stehen ganz oben, neutrale Wörter wie "Straße" oder "Papier" in der Mitte, Vokabeln wie "Vergewaltigung" und "Selbstmord" ganz unten. Um den Glücksindex eines Textes zu ermitteln, berechnet der Computer den Durchschnittswert seiner Wort-Bausteine.

"Bei Songtexten zum Beispiel landen Gospel und Soul ganz oben auf der Glücksskala. Weiter unten folgen Pop und Rockmusik und ganz am Ende der Liste Heavy Metal, weil die Texte eher düster sind. Ganz ähnliche Ergebnisse bekommt man, wenn man in Twitter-Botschaften nach den Wörtern 'Dienstag' und 'Samstag' sucht. Nachrichten, in denen das Wort Samstag auftaucht, sind in der Regel viel positiver."

Daraus zu schließen, dass die Menschen am Wochenende glücklicher sind als an Dienstagen, wäre freilich voreilig. Die statistische Analyse verrät nur, dass ihre schriftlichen Äußerungen diesen Eindruck erwecken, weil sie mehr positiv belegte Vokabeln enthalten. Einen direkten Glücksmesswert kann das Hedonometer also nicht liefern. Wohl aber einen Indikator für den Seelenzustand einer Nation, der die klassischen Umfragen der Soziologen ergänzen könnte.

Peter Dodds Analysen zufolge schwankt das Glücksbarometer der Amerikaner seit fünf Jahren zwischen 5,8 und 6. Der letzte deutliche Anstieg war 2008 zu verzeichnen, bei Barack Obamas Wahl zum Präsidenten. Den markantesten Einbruch der letzen Jahre verzeichnete das Hedonometer im Juni 2009. Auslöser damals: der Tod Michael Jacksons.

"Viele der Ergebnisse sind nicht überraschend. Aber wir konnten zeigen, dass unsere Methode interessante Einblicke liefert. Etwa wie sich das Glücksempfinden von Bloggern mit dem Alter ändert. Bei Teenagern ist der Glücksindex am niedrigsten. Dann steigt er, erreicht mit 40 ein Plateau und sinkt ab 50 bis 60 wieder. Experten haben genau das erwartet: Teenager sind unzufrieden mit sich und der Welt, und alte Menschen leiden öfter unter Krankheit und Einsamkeit"

Der Soziologie-Professor Dirk Helbing von der ETH Zürich, der ein EU-Projekt zur Erforschung des sozialen Wohlergehens koordiniert, findet Peter Dodds Ansatz faszinierend. In einer E-Mail kommentiert er:

"Soziale Stimmungen im Zeitverlauf zu messen, bringt uns dem Ziel näher, so etwas wie soziales Klima räumlich und zeitlich zu erfassen."

Allerdings, gibt der Fachmann aus Zürich zu bedenken, sei noch nicht ganz klar, wie zuverlässig Peter Dodds Methode tatsächlich sei. Dazu müsste man die Ausschläge des Glücksbarometers mit anderen Forschungsergebnissen abgleichen. Der Physiker aus Vermont arbeitet daran.

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