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StartseiteHintergrundDie Wahl des neuen Bundespräsidenten23.05.2004

Die Wahl des neuen Bundespräsidenten

Horst Köhler im Porträt

Er wird sich wahrscheinlich selbst gewählt haben. Horst Köhler, der neue Bundespräsident, war zugleich auch Mitglied der Wahlversammlung.

Von Sandra Pfister

Horst Köhler und seine Ehefrau Eva  (AP)
Horst Köhler und seine Ehefrau Eva (AP)
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"Horst Wer?" So fragte die BILD-Zeitung die Nation am 4. März. Damals erfuhr die Öffentlichkeit, dass Horst Köhler, im Ausland wohl bekannter als in Deutschland selbst, um das höchste Amt im Staate ringen wird. Köhler tauchte kurz im Fernsehen auf, wurde von Angela Merkel und Edmund Stoiber bei einer Pressekonferenz mit Vorschusslorbeeren bedacht. Ein Fernsehauftritt hier, eine Vorstellungsrunde dort, und zwar nur bei den Fraktionen, die ihn wählen sollten - dann war der Kandidat wie vom Erdboden verschluckt.

Bei einem der raren Auftritte vor Studenten in Tübingen vor zwei Wochen unterlief Köhler in der Anspannung ein Versprecher, der zu Freud’schen Interpretationen einlädt: Er bezeichnete sich als Kandidaten für das "BundesPRESSEamt". Da hätte ihn so mancher Kommentator wohl auch am liebsten gesehen. Seit Wochen spielen alle, die ihn auf keinen Fall als Bundespräsidenten sehen wollten, auf derselben Klaviatur: Was soll ein ehemaliger Sparkassenpräsident im Schloss Bellevue? Der erste Volkswirt als Bundespräsident - kann der sonst noch was außer Wirtschaft?

Vielleicht hat sich der Kandidat bereits vorab zu viel präsidiale Zurückhaltung auferlegt. Sein erstes und bislang letztes Fernsehinterview als Kandidat gab er Mitte März bei Johannes B. Kerner im ZDF.

Seine öffentlichen Auftritte waren rar gesäht, Tonmitschnitte unerwünscht. Aus Angst, er könne etwas Falsches sagen?

Gut möglich, denn zwei Mal schon ist Köhler parteipolitisch angeeckt. Zum ungünstigsten Zeitpunkt kam der sonst so Unauffällige aus der Defensive. Seine launige Vorfreude auf eine Kanzlerin Angela Merkel vergrätzte die CSU.

Und jetzt sage ich mal was, das niemand ärgern soll. Ich mache das in einer Phase, wo ich davon ausgehen muss, dass noch ein Sozialdemokrat Bundeskanzler ist, und ich werde im Prinzip den gleichen Ansatz haben, wenn dann hoffentlich jemand von der CDU, Frau Merkel, Bundeskanzlerin ist.

Als er die Amerikaner hinter verschlossenen Türen als arrogant bezeichnete, brachte er die CDU-Chefin dann selbst in Schwierigkeiten, denn sie hatte sich mit ihrer Unterstützung des US-Feldzuges im Irak weit aus dem Fenster gelehnt.

Vor dem Amtsantritt also vornehme Zurückhaltung, ja nichts falsch machen. Für die Zeit danach, also für seine Präsidentschaft, kokettiert Köhler mit dem Gedanken, auch mal unbequem sein zu können. Das allerdings muss er wohl deshalb so betonen, weil er bislang eher als Wasserträger hinter seinen politischen Ziehvätern zurückstand.

Ehemalige Kollegen aus dem IWF in Washington haben ihn als konfliktfreudig in Erinnerung. Manch einer redet gar von einem Choleriker.

Ja, da gibt’s ja nun fürchterliche Stories, dass ich so aufbrausend bin, irgendjemand hat ja sogar geschrieben, dass ich mit dem Briefbeschwerer um mich geworfen hab, das ist natürlich Blödsinn. Was dann hinterher rausgekommen ist: Ich bin ein reiner Choleriker. Das ist nicht der Fall. Wahr ist aber, dass, wenn ich denke, wir haben ein Problem, dass ich mich nicht mit lauen Ansätzen zur Lösung zufrieden gebe, dass ich ehrgeizig bin, ich will die Probleme einer Lösung zuführen. Nicht bloß immer Kulissen schieben und so tun, als würden wir was lösen, wir müssen’s wirklich lösen.

Zu ungeduldig sei er, und das möge er an sich gar nicht, verriet er dem Focus. Nur deshalb werde er manchmal laut, nie aber, um jemanden abzubürsten. Die Legende besagt, darauf spielte er eben an, im Bonner Finanzministerium habe er einem Mitarbeiter mal einen Briefbeschwerer hinterher geworfen. Das zugespachtelte Loch in der Wand soll dort immer noch zu besichtigen sein. Quatsch, sagt Köhler dazu. Richtig ist: Köhler ist keineswegs nur ein Mann der leisen Töne. "He is a shouter", er sei ein Schreier, das sage man in Washington beim IWF über ihn, will ein deutsches Magazin herausgefunden haben.

So richtig pflegeleicht scheint er schon als Kind nicht gewesen zu sein. Im schwäbischen Flüchtlingslager fiel der "Horscht" auf als Rabauke, der im Unterricht übte, wie man auf zwei Fingern pfiff.

Ich glaube, ich hatte den Ruf, ein ziemlicher Raubautz zu sein. Also ständig in Konflikt zu sein mit anderen. Wahrscheinlich hatte das auch einen Grund in der Unruhe des Lebensweges.

Die Unruhe des Lebensweges - vielleicht hat gerade die ihn davon abgehalten, Revoluzzer zu werden. Obwohl 68er, ging er nie auf die Barrikaden. Nur mitdiskutiert habe er, das ja, damals an der Uni Tübingen. 1969 machte Köhler sein Examen, schob die Dissertation nach - eine sehr gute übrigens. Andere bauten im Kopf die ganze Welt um. Doch Köhler wollte Praxis statt Theorie. Ein ehemaliger Forscherkollege vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung erinnert sich: Schwungvoll und lustig sei Köhler gewesen, aber man habe sicher sein können, dass er kein Professor wird.


Was man so über ihn sagt: Exzellent, strebsam, etwas hölzern. Köhler gilt als Macher mit technokratischen Zügen. Herzen gewinnt er damit wohl kaum. Schon eher mit seiner Lebensgeschichte, einer Abfolge von Vertreibung, Flucht und Wurzeln-Schlagen.

Meine Kindheit war immer auch geprägt von Neuanfang. Meine Eltern haben praktisch drei Mal alles verloren und drei Mal immer wieder neu angefangen. Hat mich auch ein Stück geprägt, nie aufzugeben.

Köhlers Eltern waren Bauern. Deutschstämmige Bauern im rumänischen Bessarabien. Sechs seiner sieben Geschwister kamen dort zur Welt. 1940 fiel das Gebiet der Sowjetunion zu, das hatte Hitler mit Stalin so ausgehandelt. Die "Volksdeutschen" wurden "heim ins Reich" geholt, mit ihnen die Köhlers. Sie wurden in Ostpolen angesiedelt. Hier kam Horst Köhler drei Monate später auf die Welt; seine Geburtsurkunde wurde von der SS unterzeichnet.

Ein Jahr später wendet sich das Blatt, die Rote Armee rückte vor: Die Familie flieht, erneut. Sie landet in einem so genannten Neudorf, heute ein Ortsteil von Markkleeberg bei Leipzig. Hier ist Horst Köhler in den Kindergarten gegangen und in die Schule, bis zur nächsten Flucht 1953, und das lässt sich heute ganz gut als Verwurzelung in Ostdeutschland verkaufen.

1953 machen die Köhlers rüber in den Westen - mit Hilfe eines Schleusers, der sie um das ganze Ersparte betrügt. Im schwäbischen Flüchtlingslager in Ludwigsburg finden sie eine Bleibe für vier Jahre. Die einheimischen Kinder hänseln die Flüchtlingskinder.

Und dann gab es wieder ne Flucht, nämlich über Westberlin in die Bundesrepublik Deutschland. Denn meine Mutter, vor allen Dingen, konnte es mit den Kommunisten nicht aushalten. So sind wir dann 53 zu Ostern geflohen, haben von 53 bis 57 in Flüchtlingslagern gewohnt und haben 1957 zum ersten Mal für damals eine fünfköpfige Familie eine Wohnung in Ludwigsburg bekommen. Damit begann sozusagen meine Stationierung in Ludwigsburg. Das betrachte ich als meine Heimat. Mein Lebenslauf, meine Biographie spiegelt deutsche Geschichte.

Die Köhlers wurden aufgenommen in die Welt schwäbischer Gutbürgerlichkeit. Sein Bruder Otto, Mechaniker, lebt dort noch immer, heute ist er Sozialhilfeempfänger. Horst schaffte es aufs Mörike-Gymnasium, der einzige Gymnasiast in der Familie, ein Fleißiger, total aus der Art geschlagen, sagt sein Bruder. Dennoch: Ein guter Schüler war er nicht. Das wissen wir von zwei Schülerzeitungsredakteuren. Die fragten, Jahre später, den damaligen IWF-Chef: Wie sah sein Abitur aus? "Oh, lauter Vierer, so viel ich weiß", bekannte der Weltökonom. Außerdem plauderte Köhler seine Leidenschaft für Kartoffelpuffer aus - viel mehr Privates war nicht über ihn bekannt, als er Kandidat wurde für das höchste Amt im Staat.

Das Studium packte Köhler, der einzige "Studierte" in seiner Familie, dafür umso schneller: Neun Semester VWL in Tübingen. Und das, obwohl er für seinen Unterhalt weitgehend selbst sorgen musste. Sein Vater, der die Familie als Zimmermann über Wasser gehalten hatte, starb kurz nach Studienbeginn. Köhler jobbte auf der Kegelbahn, stellte die umgefallen Kegel wieder auf, steckte Setzlinge in einer Gärtnerei.

Für mich war das Studium keine gemachte Sache. Ich musste in jeden Semesterferien arbeiten: auf dem Bau, bei der Post, und mein Vater gab mir damals monatlich zu meinen 240 Mark Bafög 100 Mark. Ich habe nicht gedacht, dass ich mein Studium beende, aber wir haben’s gut überstanden.

Überhaupt: Wir. Er und seine Frau Eva.

Wir sind durch Zufall im gleichen Kinofilm gelandet, Ingmar Bergmann-Film, "Das siebente Siegel", glaube ich. Und als wir rauskamen, hat’s geregnet. Und ich dachte, was machst du jetzt. Und da sah ich sie, die für mich damals eigentlich zu jung war. Und die hatte einen Schirm, und da bin ich unter den Schirm gegangen, und von da an hat’s gefunkt.

Die Köhlers sind seit 34 Jahren verheiratet, und Horst Köhler sagt: Wir lieben uns immer noch. Sie Hausfrau, Mutter, wenig glamourös, könnte man denken. Doch ausgerechnet diese zarte Frau bringt einen Hauch von Rebellion in das auf Zurückhaltung gekämmte Köhler-Leben. Sie ist es, die an der Seite ihres CDU-Gatten jahrelang auf ihrem SPD-Parteibuch besteht, sogar für die Sozialdemokraten im Ortsrat sitzt. Ohne sie hätte er das alles nicht geschafft, sagt er. Erst Beamter, dann Banker, nun Bundespräsident.

Als 33-Jähriger fing Köhler an in der Grundsatzabteilung des Wirtschaftsministeriums, da hatte er die Promotion eben hinter sich. Seinem Abteilungsleiter fiel Köhler als Arbeitsbiene auf: In Köhlers Büro brannte auch spätabends noch Licht. 1981 wechselte Köhler nach Kiel in die Staatskanzlei von Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg. Der nahm seinen Redenschreiber mit nach Bonn, als er selbst Finanzminister wurde.

Ich war vorher Herrn Stoltenberg mal in einer Diskussion begegnet, und da war ich ziemlich frech, habe auch widersprochen. Aber er wollte mich haben nach Kiel zu kommen, um ihn dort zu beraten. Und damit begann auch mein beruflicher Weg mit Politik und in Politik.

Dennoch: Seine steile Karriere verdankt der promovierte Volkswirt seinem Spezialwissen als Wirtschaftsfachmann. Er hat ein CDU-Parteibuch, reiste aber nicht auf Parteiticket. Ein ehemaliger Forscherkollege aus Tübingen attestiert Köhler ein "linkes Herz". Nie habe er es früher für möglich gehalten, "dass der mal in die CDU eintritt".

1989 bis 1993, in den Wendejahren, war er Staatssekretär unter dem damaligen Finanzminister Theo Waigel. Er war es, der das Konzept entwarf für die deutsch-deutsche Währungsunion.

1993 dann die Familienkrise, die Tochter drohte zu erblinden. Deshalb wechselt Köhler an die Spitze des Sparkassen- und Giroverbandes. Eine wenig glamouröse Karrierestation, aber ein Job, bei dem er weniger reisen muss - und mehr verdient. Mehr Geld und mehr Zeit, beides braucht Köhler für seine kranke Tochter. "Er ist ein echter Familienmensch", sagt seine Schwester Ursula über ihren Bruder Horst. Und als solcher wird er wohl auch als Bundespräsident ein Ritual beibehalten, das er über all die Jahre gepflegt hat: das gemeinsame Frühstück. "Dafür habe ich früher in Bonn sogar Termine mit Kanzler Kohl sausen lassen", sagt Köhler. "Das Frühstück war und ist heilig".

Vor fünf Jahren dann ein entscheidender Anruf aus Deutschland, Köhler ist gerade im Skiurlaub. Seit etwa einem Jahr arbeitet er auf neuem Posten als Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Am Apparat Gerhard Schröder, nach den politischen Spielregeln ein Mann aus der falschen Partei. Schröder schlägt ihn vor als Chef des Internationalen Währungsfond. Er setzt ihn durch. Ähnlich wie bei der Bundespräsidentenwahl ist Köhler auch diesmal ein Kompromisskandidat: Die USA hatten Schröders Favoriten durchfallen lassen.

Köhler, der Ökonom, hat nun die längste Zeit seines Lebens in der zweiten Reihe gestanden, als hoher Beamter, als Staatssekretär. Erst als IWF-Direktor - seine Berufung liegt vier Jahre zurück - arbeitete er nicht mehr im Auftrag anderer.

Der IWF, eine äußerst umstrittene Finanzfeuerwehr. Umstritten ist vor allem, dass der Fonds Milliardenkredite in Länder pumpt, um dort den Banken und privaten Kapitalanlegern zu helfen. Mit dieser Politik brach auch Köhler nicht. Er bewilligte Milliardenkredite für Brasilien, die Türkei bewahrte er mit einem 16-Milliarden-Dollar-Kredit vor dem Staatsbankrott. Im Gegenzug verordnet der Fond seit den 80er Jahren die immer gleiche Politik: Sparen, kürzen, privatisieren. Dieser ökonomische Dreiklang würgt in vielen armen Ländern die Wirtschaft erst richtig ab, darin geben auch Studien der UNO vielen Kritikern des Währungsfonds Recht.

Doch eins hat Köhler als IWF-Direktor mit Sicherheit erreicht: Die Arbeit des IWF ist transparenter geworden. Und als erster IWF-Präsident legte Köhler Wert darauf, bei seinen Reisen auch tatsächlich mit Leuten aus dem einfachen Volk zu reden.

Insgesamt denke ich schon, dass man begriffen hat, dass die Zeit, als man dem Fonds vorgeworfen hat, er sein ein Handlanger der Multis, das ist einfach der Schnee von gestern.

Er sah sich als ehrlichen Makler zwischen erster und dritter Welt. Seit seiner ersten Afrikareise ist Köhler einer, der mit funkelnden Augen für die Rechte des schwarzen Kontinents eintritt. Köhler hat auch wie kaum ein anderer Staatsmann darüber nachgedacht, wie die Länder der Dritten Welt aus ihrer Schuldenfalle herauskommen könnten. Dabei sparte er auch nicht mit Kritik am Westen.

Mit den Gegnern der Globalisierung konnte ihn das dennoch nicht versöhnen. Sie kritisieren ihn als Süßholzraspler. Bei der Organisation Attac beispielsweise findet man, gegen die knallharten neoliberalen Amerikaner habe sich Köhler als "besserer Frühstücksdirektor" nie durchsetzen können. Peter Wahl, Vorstandsmitglied von Attac:

Herr Köhler ist so wie Cristo ein ganz großartiger Verpackungskünstler, er ist ein großer Kommunikator, er ist als Person mit Ausstrahlung, er hat Kommunikationstalent, aber das große Problem ist, dass hinter dieser schönen Rhetorik von Herrn Köhler die Praxis im IWF die gleiche war, nämlich die Durchsetzung eines knallharten neoliberalen Kurses. Und damit haben wir natürlich Probleme.

Ein Mann, der sich in der zweiten Reihe nicht unwohl fühlt, aber ohne Minderwertigkeitskomplex und Speichelleckerei, das attestieren ihm Parteifreunde. Nach außen hin war er stets loyal, das schon. Doch intern bekamen Kohl und Waigel seine deutliche Kritik zu hören an der ausufernden Staatsverschuldung. Der CDU-Wirtschaftspolitiker Matthias Wissmann sagt: Er sei einer der wenigen Beamten gewesen, "die Kohl nicht zu Füßen lagen".

Der Kanzler nämlich hatte ihn zu seinem Sherpa gemacht bei den Weltwirtschaftsgipfeln.

Vieles, was Kohl sich nachher stolz an die Brust heften konnte, hatte Köhler im Hintergrund eingefädelt. Er handelte mit den Sowjets die Verträge aus, wie und wann deren Soldaten aus Deutschland abgezogen werden sollten - ein wichtiger Baustein der Wiedervereinigung. Köhler war auch Kohls wichtigster Unterhändler beim Maastricht-Vertrag.

Die Vorbehalte, gleichwohl, bleiben: Kann ein Mann, der sich vor allem in der Wirtschaft auskennt, wirklich einen guten Bundespräsidenten abgeben? Ja, findet Köhler.

Unter’m Strich glaube ich, dass jeder Bundespräsident jeweils seine Zeit hat. Die Zeit, wie wir sie jetzt haben am Anfang des 21. Jahrhunderts mit der Situation der Befindlichkeit der Deutschen, mit der weltwirtschaftlichen Situation, habe ich das Gefühl, ich könnte sogar ganz gut in diesen Abschnitt der deutschen Geschichte passen.


Das trifft sich mit dem Kalkül der CDU. Die CDU-Vorsitzende Merkel erhofft sich vom CDU-Mitglied Köhler Unterstützung für die Reformen, die sie nach der nächsten Wahl in Angriff nehmen will - vorausgesetzt, der Machtwechsel 2006 klappt.


Wirklich über den Tellerrand schauen musste Köhler zwangsläufig als IWF-Chef. Der Blick auf die Weltmärkte hat den auf Deutschland geschärft: Deutschland sei ökonomisch in vieler Hinsicht schon zweite Liga, dümpele vor sich hin.

Es ist klar, dass wir ein Problem haben mit Deutschland, mit der Verfestigung bestimmter Strukturprobleme. Ich würde aber umgekehrt mich überhaupt nicht einreihen wollen in diejenigen, die Deutschland sozusagen runterschreiben, runterreden, alles ist schlecht. Deutschland hat jetzt Konditionsschwächen - sage ich mal vorsichtig - es lebt von der Substanz. Aber die deutschen Fähigkeiten sind nicht über Nacht verschwunden. Ich würde mein Interesse darin legen, den Deutschen eher Mut zuzusprechen, sie brauchen nicht den Kopf hängen zu lassen, denn sie haben bewiesen in der Geschichte, wenn Probleme da sind, können sie was draus machen.

Wer so oft "Deutschland" sage wie Köhler, schreibt die "Financial Times Deutschland", der wirke noch ein wenig unsicher, wie ein Gast im eigenen Land. Dass er sich hier noch nicht wieder richtig auskennt, versucht er umzumünzen in eine Stärke, in den fremden, schärferen Blick, den der Heimkehrer auf die Heimat wirft.

Na ich sag mal, sechs Jahre sind sechs Jahre im Ausland. Und ich will es mal so sagen, diese sechs Jahre draußen haben zwei Effekte. Das Erste: Sie gucken viel interessierter nach Hause. Wir empfinden Deutschland als ein tolles Land, von der Landschaft, von der Stadtkultur. Das Zweite aber ist, wenn Sie von draußen nach Deutschland gucken, dann haben Sie den Vergleich mit anderen Ländern. Und dann gucke ich natürlich auch mit einem sorgenvollen Blick nach Deutschland, weil die Probleme dann schärfer herauskommen, wo Deutschland eben nachhinkt. Und diese Kombination war letztlich auch einer der Gründe, warum ich gesagt habe, ja, wenn ich gefragt werde, dann gehe ich dahin, weil ich glaube, ich kann dem Land einiges zurückgeben.

Dieser Satz hat sich schnell zum Renner in all seinen Kandidatenreden entwickelt. Köhler kommt rüber als ein Patriot, aber nie pathetisch. Er sagt häufig schlichte Sätze, die sich bei anderen nach Schwarz-Rot-Goldenem Hurra-Patriotismus anhören würden, nicht aber beim zurückhaltenden Köhler: "Ich liebe Deutschland", ganz lapidar sagt er das.

Und was genau daran? Die vielfältigen Landschaften, die Dialekte, dass die Menschen sich zu ihren Regionen bekennen, ja, das auch. Vor allem aber: Die Tugenden: Fleiß, Disziplin, Verantwortung. Und es ist, als spräche Horst Köhler über sich selbst.

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