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StartseiteTag für TagDie Wahrheit Gottes stellt keine Vernunftwahrheit dar23.08.2012

Die Wahrheit Gottes stellt keine Vernunftwahrheit dar

Sören Kierkegaard und das Paradox des Glaubens

Der Däne Sören Kierkegaard gilt als Begründer der Existenzphilosophie und als Kritiker einer bürgerlichen Kirchlichkeit, für die das Christentum auf Sitte und Gewohnheit reduziert wurde. Mit seinen Schriften beeinflusste er zahlreiche Philosophen, Theologen und Schriftsteller von Martin Heidegger über Karl Barth bis zu Albert Camus.

Von Astrid Nettling

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (Royal Library of Denmark - Kierkegaard Manuskripte)
Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (Royal Library of Denmark - Kierkegaard Manuskripte)

In der Stadt H... lebte vor einigen Jahren ein junger Student namens Johannes Climacus. Diejenigen, die ihn etwas näher kannten, versuchten, sich sein verschlossenes Wesen dahin zu erklären, dass er entweder melancholisch oder verliebt sei. Diejenigen, die das Letztere vermuteten, hatten in gewisser Weise nicht unrecht. Verliebt war er, schwärmerisch verliebt - in den Gedanken oder richtiger in das Denken. Es war seine Lust, mit einem einzelnen Gedanken zu beginnen, von ihm aus auf dem Weg der Gedankenfolge Stufe um Stufe zu steigen zu einem höheren; denn die Gedanken waren ihm eine Himmelsleiter, und seine Seligkeit erschien ihm noch herrlicher als die der Engel

Dreißig Jahre alt ist Kierkegaard, als er dieses erzählerische Selbstporträt verfasst. Nicht zufällig hatte er als Pseudonym den Namen des griechischen Mönchs und Schriftstellers aus dem 6. nachchristlichen Jahrhundert gewählt, Johannes Klimakos, der seinen Beinamen seiner Hauptschrift "Klimax tou Paradeisou", "Leiter zum Paradies", verdankt, worin er in Anspielung auf den Traum des Jakob von der Himmelsleiter aus der "Genesis" den Weg zu christlicher Vollkommenheit aufzeigt. Mit Bedacht, aber vor allem mit ironischem Hintersinn hatte Kierkegaard zu diesem Namen gegriffen, muss sein schwärmerischer Johannes von der Himmelsleiter doch bald erfahren, dass alle Versuche, durch bloßes Denken zur Vollkommenheit aufzusteigen, oder anders gesagt, durch ausgefeilte Begriffsdialektik zum Absoluten zu gelangen, einer zwar verführerischen, jedoch haltlosen Gedankenakrobatik gleichkommt.

Wenn man einen Menschen eine Menge zerbrechlicher Dinge tragen sieht, die eins über das andere getürmt sind, so wundert man sich nicht, dass er unsicher geht und jeden Augenblick nach dem Gleichgewicht tastet; sieht man den Stapel nicht, so lächelt man, so wie denn auch viele über Johannes Climacus lächelten ohne zu ahnen, dass seine Seele einen Stapel trug, weit höher als alles, was sonst man bestaunt, und dass seine Seele davor bangte, es möchte auch nur eine Schlussfolge herausfallen; denn dann ging das Ganze in Stücke.

Gerade dies aber wird der junge Climacus lernen müssen, das Ganze ruhig in Stücke gehen zu lassen. Anstatt die Gedanken begrifflich immer weiter hochzutürmen, heißt wirklich und wahrhaftig zu denken, von unten und mit nichts zu beginnen. "Johannes Climacus oder De omnibus dubitandum est" - "An allem muss gezweifelt werden", lautet denn auch der vollständige Titel der Schrift. Wohl hatte schon René Descartes als der Vater der neuzeitlichen Philosophie mit dem Zweifel begonnen. Doch seinen bloß methodischen Zweifel, der im "ego cogito, ergo sum", im "ich denke, also bin ich", sein "fundamentum inconcussum", sein "unerschütterliches Fundament", findet, meint Kierkegaard nicht. Echtes Zweifeln gründet in der unabschließbaren Fragwürdigkeit des je eigenen Existierens, was keinerlei Boden bietet für philosophische Systemkonstruktionen, wie sie vor allem die idealistischen Systemdenker seiner Zeit, in erster Linie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, durchgeführt hatten. Ein System des Denkens, so Kierkegaard, lasse sich zwar aufstellen, aber:

(...) ein System des Daseins kann nicht gegeben werden. System und Abgeschlossenheit entsprechen einander, aber Dasein ist gerade das Entgegengesetzte.

Hermann Deuser, Professor em. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie und Leiter der Kierkegaard-Forschungsstelle am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt:

"Das führt ihn dazu, den Vorrang des Existierens vor dem Denken zu behaupten. Existieren ist Selbstbeziehung, selbst nach sich fragen und zwar in einem so radikalen Sinn, dass alle anderen Denksysteme auch die Wissenschaften danach kommen, sodass ihm Begriffe wichtig werden, die philosophischen Rang zu seiner Zeit eigentlich nicht hatten. Beispielsweise Ernst des Lebens, Interesse, Wahl, Angst, Verzweiflung und solche Begriffe, die man seither existenzielle Begriffe nennt."

Denn tiefer als der radikalste Zweifel im Denken reicht der Abgrund existenzieller Verzweiflung.

"Kierkegaard ist eigentlich der Entdecker der negativen Existenzerfahrung als Basis der Philosophie. Das haben die existenzialistischen Autoren wie Sartre oder Camus später aufgenommen, also, dass man über Ekel, über Langeweile und dergleichen, über den Ernst sprechen muss, um einen philosophischen Einstieg zu haben. Man könnte von negativen Selbstbeziehungen sprechen, in denen man zu sich selbst kommt in negativer Erfahrung."

Ein Vorbild für einen solchen Einstieg in die Philosophie hatte Kierkegaard in der Gestalt des Sokrates gefunden und seinem berühmten "Ich weiß, dass ich nicht weiß". Denn nur wenn ich mir des eigenen Nicht-Wissens bewusst werde, erst dieser negative Einstieg in den Selbsterkenntnis- beziehungsweise Selbstwerdungsprozess kann überhaupt zur tieferen Einsichtnahme darin führen, wer ich in Wahrheit bin. Ein Prozess, den allerdings ein jeder für sich selbst, "unter eigenen Auspizien", wie Kierkegaard sagt, zu vollbringen hat.

Die Aufgabe besteht darin, sich selbst in Existenz zu verstehen.

Doch nichts ist schwieriger als das, nichts schwieriger, als mit der Fragwürdigkeit des eigenen Existierens zu beginnen, wo alles Wissen und alle Gewissheiten zu nichts geworden sind. Im Falle Kierkegaards ist es die Gewissheit des Glaubens, dessen Fraglosigkeit er früh verliert. 1813 als das jüngste Kind des streng puritanischen, zeitweise herrnhutisch orientierten Wollwarenhändlers Michael Pedersen Kierkegaard geboren und von ihm mit "Strenge und Ernst" im christlichen Glauben erzogen, verspürt Kierkegaard schon als Kind, dass der fromme und gottesfürchtige, aber zugleich freudlos verschlossene Vater von einer tiefen Schwermut geplagt ist. "Stille Verzweiflung", nennt er es später, die nicht nur das Leben des Vaters verschattet, sondern ebenso das ursprüngliche Gottvertrauen des Sohnes irreparabel erschüttert. In einer späteren Tagebuchaufzeichnung Kierkegaards heißt es:

Das Gefährlichste ist nicht, dass der Vater oder der Erzieher ein Freidenker ist; nicht einmal, dass er ein Heuchler ist. Nein, das Gefährlichste ist, dass er ein frommer und gottesfürchtiger Mann ist, dass das Kind innig und tief davon überzeugt ist, und dass es dennoch merkt, wie sich tief eine Unruhe in seiner Seele verbirgt, der Gottesfurcht und Frömmigkeit also noch keinen Frieden zu schenken vermochten.

So wird aus dem Sohn, wird aus Sören Kierkegaard, selbst ein Verzweifelter. Keiner, der an Gott und an der Wahrheit des Christentums zweifelt, aber einer, der aus dem tiefen Nichts der Verzweiflung heraus sein Leben lang danach fragen wird, was es überhaupt heißt, Christ zu sein, und sein Leben lang danach suchen wird, Christ zu werden.

Ich, Johannes Climacus, ein Mensch schlecht und recht wie die Leute meist sind, habe davon gehört, dass es ein höchstes Gut zu erwarten gebe, das eine ewige Seligkeit heiße, und dass einem das Christentum dieses Gut bedinge: Ich frage nun, wie werde ich ein Christ.

"Kierkegaard war sicherlich in einem Allgemeinverständnis durchweg immer ein Christ. Aber ein sehr schwieriger Christ. Kierkegaard kennt sehr genau die Verzweiflung und seine Analysen, seine Phänomenbeschreibungen von Verzweiflung sind auch immer Selbstanalysen. Insofern ist ein Christ immer auch ein Verzweifelter, sonst hätte er die höchste Kategorie des Glaubens noch gar nicht begriffen. Das ist der hohe Anspruch, den Kierkegaard stellt. So schwierig wie möglich machen, das hat er selbst so formuliert. In einem landläufigen Verstand einfach Christ zu sein, hätte er abgelehnt."

Menschen, die einzig und allein kraft ihres Taufattestes Christen sind, sich bei feierlichen Gelegenheiten à la Christen gebärden zu sehen, ist lächerlich; denn das Lächerlichste, was das Christentum jemals werden kann, ist, was man im trivialen Sinne Sitte und Brauch nennt. Verfolgt, verabscheut, verhöhnt, verspottet zu werden oder gesegnet, gepriesen zu werden: Das steht der gewaltigsten aller Mächte an, eine zahme hergebrachte Gewohnheit zu werden ist ihr absoluter Gegensatz.

"Kierkegaard geht wesentlich davon aus, dass Christsein persönlicher Glaube ist - in schwierigen Situationen, die sich nicht ohne Weiteres ergeben. Die ernsthafte, interessierte, leidenschaftliche Entscheidung gehört zum Christentum."

"Was Gott will, ist Ursprünglichkeit" - denn nicht durch Erziehung zu Gottesfurcht und Frömmigkeit, nicht durch Sitte und Brauch, aber ebenso wenig mit Hilfe eines lehr- und lernbaren Glaubenssystems lassen sich die ursprüngliche Wahrheit des Christentums und die ursprüngliche Herausforderung christlichen Glaubens vermitteln. Wahrheit und deren Beglaubigung ereignen sich unvermittelt und besitzen Evidenz nur für denjenigen, dem solches widerfährt, wie es bei einer jeden echten Wahrheitsoffenbarung der Fall ist. Bereits Platon, der Schüler des Sokrates, hatte in seinem berühmten "Siebten Brief" im Hinblick auf die Lehrbarkeit der höchsten Ideenwahrheit hervorgehoben:

Es lässt sich nicht in Worte fassen, sondern es tritt plötzlich in der Seele hervor wie ein durch einen abspringenden Funken entzündetes Licht und nährt sich dann durch sich selbst. Meines Erachtens bringt ein schriftlicher Versuch schwerlich einen Gewinn für die Menschen, höchstens für die wenigen, die auf einen kleinen Wink hin selbst imstande sind, es zu finden.

Nicht anders stellt es sich für den christlichen Wahrheitssuchenden dar, wenn er der Wahrheit Gottes, wie sie sich in Gestalt seines menschgewordenen Sohnes, Jesus Christus, offenbart hat, folgen will.

(Christo) nachzufolgen bedeutet, einsam und allein den Weg zu gehen, welcher der Lehrer gegangen ist: niemand Sichtbaren zu haben, den man um Rat fragen kann; selber wählen zu sollen; vergebens zu verzweifeln, denn niemand kann helfen. Ja, es gibt keinen Menschen, der dich im letzten und entscheidenden Sinn beraten kann in Bezug auf das einzig Wichtige, dir entscheidend raten kann in Sachen deiner Seligkeit.

Der Einzelne steht also allein und mit leeren Händen da - so wie auch der Student Johannes Climacus ohne eine Himmelsleiter, mit deren Hilfe er Stufe für Stufe zu Gott und seiner Wahrheit emporsteigen kann. "Der Verstand hat den Gott so nahe als es möglich ist, bekommen und doch ebenso fern", dies hatte Johannes Climacus schließlich einsehen müssen. Denn die Wahrheit Gottes stellt keine Vernunftwahrheit dar, der man sich durch intellektuelle Anschauung oder durch spekulative Dialektik nähern kann, ihre Offenbarung geschieht als etwas Unvordenkliches. Für ein solches Geschehen aber muss man bereit sein und sich diesem Unvordenklichen überlassen wollen - mit einem "Sprung".

Der Sprung ist die Kategorie der Entscheidung und ist gerade der entschiedene Protest gegen den Gang der Methode.

"Was man letztlich nicht unter Kontrolle bekommt, unter Selbstkontrolle der Begriffe jedenfalls nicht, das drückt der Sprung aus. Das heißt, von einer Situation in die nächste besteht kein Übergang der Ableitung, sondern ein überraschendes Moment der Spontaneität. Das heißt, man befindet sich plötzlich in der neuen Situation. Eine begriffliche Vorwegvermittlung, das ist der Sinn des Sprungs, wird ausgeschlossen. Es gibt keinen Sprung in den Glauben, wie man gerne sagt, das ist niemals von Kierkegaard so formuliert worden, sondern man findet sich in einer Wahlsituation vor, die vorher nicht berechenbar war, und dieser Übergang ist ein Sprung, insofern eine existenzielle Kategorie."

Ebenso bildet der "Sprung" die Antwort Kierkegaards auf das, was er als das "Paradox" des Christentums bezeichnet hat. Denn es sei paradox, "eine ewige Seligkeit" auf ein historisches Faktum gründen zu wollen. Schon Gotthold Ephraim Lessing hatte den Schluss von der Historizität Jesu auf die Göttlichkeit Jesu als unzulässig abgelehnt. "Zufällige Geschichtswahrheiten können nie der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten werden." Zwischen beiden, schreibt Lessing, liege ein "garstig breiter Graben", über den er, der aufgeklärte Denker, nicht kommen könne, "sooft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe". Dazu bemerkt Kierkegaard süffisant, den Sprung lediglich versucht zu haben und ganz nahe am Sprung gewesen zu sein, bedeute gar nichts, man müsse schon springen. Das heißt, das Paradox oder die Vernunftwidrigkeit des Ewigen in der Zeit, des Unendlichen im Endlichen, die Menschwerdung Gottes in Jesus lässt sich nicht durch Verstandestätigkeit vernunftkonform machen, sondern nur durch existenzielle Entscheidung beglaubigen.

Das Christentum ist gerade das Paradoxe. Alles Christentum liegt im Paradox, ob man es nun annimmt (das heißt ein Gläubiger ist), oder es verwirft (gerade weil es das Paradox ist).

Der Einzelne muss sich also entscheiden - so oder so. Zwar mag seine mögliche Glaubensentscheidung ebenso paradox und vernunftwidrig sein, unsinnig aber ist sie nicht. Denn mit dem Sprung hat er sich für das entschieden, was Kierkegaard "religiöse Existenz" nennt, worin er sich der Haltung des Glaubens überlässt, um auf andere Weise als durch Wissen und Vernunft Aufschluss über sich und sein Dasein zu erlangen, verbunden mit der Chance, vom abgrundtiefen Nichts der Verzweiflung geheilt zu werden. Denn, so Kierkegaard, "von dieser Krankheit geheilt zu sein, ist des Christen Seligkeit".

"Die Fülle von Möglichkeiten, die Fülle der Möglichkeiten Gottes, wie Kierkegaard auch sagt, ist das einzige Medium, in dem man mit der Verzweiflung umgehen kann, nämlich mit einer Alternativmöglichkeit. Und als solches definiert Kierkegaard den Glauben. Ist auch ganz ungewöhnlich und hat mit dem normalen kirchlichen Verständnis, das unsere Öffentlichkeit prägt von Glauben, eigentlich wenig zu tun. Die Fülle der Möglichkeit, das ist das Medium, in dem die Verzweiflung sich auflösen kann."

Denn Gott ist dies, dass alles möglich ist, oder dass alles möglich ist, ist Gott; und nur der, dessen Wesen solchermaßen erschüttert wurde, dass er verstanden hat, alles ist möglich, nur der hat sich eingelassen mit Gott.

Als ein bloßes "Ausweichen" und "philosophischen Selbstmord" hat Albert Camus den Sprung bezeichnet.

"Das ist ein Missverständnis, das heißt, Kierkegaards Absicht ist es immer, mit den Phänomenanalysen des existenziellen Daseins zu zeigen, dass um die religiöse Fragestellung eigentlich kein Mensch herumkommt. Wie das dann im Einzelnen aussieht, kann ja offenbleiben auf dieser Ebene der Frage jedenfalls. Wenn also Camus sagt, den Sprung in den Glauben würde er nicht wagen oder das wäre ein Selbstmord des Philosophen, so ist das ein deutliches Missverständnis. Von Kierkegaard aus müsste man sagen, wer verzweifelt, verzweifelt bleiben will, macht einen schweren Fehler, denn aus der Fülle der Möglichkeiten zu leben ist ja durchaus greifbar nah und nicht naheliegender als das Gegenteil, nämlich darin unterzugehen."

Zwar ist dem schwierigen Christen Kierkegaard "des Christen Seligkeit" nicht zuteilgeworden, vor der perspektivlosen Leere des Nihilismus ist er dennoch bewahrt worden. Als existenzieller Denker bleibt er sein Leben lang ein Fragender und Suchender, dem sich aber die Dimension der Möglichkeit trotzdem erschlossen hat - als die "schwerste aller Kategorien". Weder kausal begründbar wie alles Notwendige, noch empirisch erklärbar wie alles Wirkliche konfrontiert die Möglichkeit den Menschen mit Freiheit, mit einer grund- und erklärungslosen Freiheit, die "unendlich ist und aus dem Nichts entspringt". Eine solche Freiheit aber macht Angst. Doch für Kierkegaard ist diese Erfahrung für den Menschen unabdingbar, um überhaupt die Dimension der Möglichkeit, oder christlich gesprochen, die Fülle der Möglichkeiten Gottes, für sich zu entdecken.

Dies ist ein Abenteuer, das jeder Mensch zu bestehen hat: Sich ängstigen lernen, damit man nicht verloren ist.

"Angst ist ja auch ein negativer Begriff. Er macht darauf aufmerksam, dass ein Mensch, der sich zu sich selbst verhält, in diesem Selbstverhältnis auf Freiheit stößt, nämlich sich verhalten zu können. Dieses Können ist der entscheidende Punkt. Insofern ist das erste Auftreten der Freiheit ängstigend, weil man in einem gewissen Schwindel empfindet, dass es ein Können gibt, das einem verpflichtend ganz, ganz nahe kommt. Und sofern dieses Können noch nicht bestimmt ist, zum Beispiel tue dies oder tue das, kommt es zu dem, was Kierkegaard das Nichts der Angst nennt. Hätten Menschen keine Angst, würden sie nicht spüren, dass es Möglichkeiten gibt."

Die Angst ist die Möglichkeit der Freiheit, indem sie alle Endlichkeiten verzehrt und alle ihre Täuschungen aufdeckt. Wer durch die Angst gebildet wurde, der wurde durch die Möglichkeit gebildet, und erst der, der durch die Möglichkeit gebildet wurde, wurde gebildet nach seiner Unendlichkeit.

Auch deshalb braucht es also keine Himmelsleiter, weil ein jeder Einsicht darin gewinnen kann, dass er selbst als dieses Spannungsverhältnis existiert, dessen ungeheure Spannweite zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, zwischen Notwendigkeit und Freiheit einstmals jene "Leiter zum Paradies" hatte überbrücken sollen. In Wahrheit jedoch geht es nicht um einen tragfähigen Übergang auf ein bestimmtes Ziel hin, sondern darum, selbst als Mensch dieses Spannungsverhältnis zu tragen und auszutragen - als einen Prozess mit entscheidungsoffenem Verlauf. Aus diesem Grunde hatte sich Johannes Climacus strikt den "Beistand aller theozentrischen Helfer und Helfershelfer" verbeten, da sie ihm bloß erneut eine Steigleiter in den Glauben und des Christen Seligkeit anzubieten haben.

Lieber will ich bleiben, wo ich bin, bei meinem unendlichen Interesse, beim Problem, bei der Möglichkeit.

Anm. d. Red.: Dieser Beitrag wurde in zwei Teilen am 22. und 23.8.2012 ausgestrahlt.

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