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StartseiteForschung aktuellDie Wege ins Schlaraffenland07.08.2007

Die Wege ins Schlaraffenland

See-Elefanten verraten Meeresbiologen ihre besten Futtergründe

Meeresbiologie. - Jahr für Jahr treten einige See-Elefanten in den Dienst der Wissenschaft, und sie versorgen Ozeanographen und Biologen mit Informationen, von denen sie früher nur träumen konnten. Die Riesenrobben, deren Leben sich auf dem offenen Meer abspielt und von denen wir bislang nur wenig wussten, enthüllen als Messknechte der Wissenschaft ein Geheimnis nach dem anderen. In den neuen Abhandlungen der US-Amerikanischen Akademie der Wissenschaften steht so einiges darüber zu lesen.

Von Dagmar Röhrlich

Mit aufgeklebten Sendern schwimmen Seeelefanten durch die Meere und versorgen Wissenschaftler mit Daten. (Martin Biuw)
Mit aufgeklebten Sendern schwimmen Seeelefanten durch die Meere und versorgen Wissenschaftler mit Daten. (Martin Biuw)

Das hätten sich die See-Elefanten auch nicht träumen lassen, dass sie eines Tages als unbezahlte Messgehilfen für Biologen und Ozeanographen arbeiten müssten. Da liegen sie einmal im Jahr für ein paar Wochen nichts ahnend an Land, um das Fell zu wechseln und die Jungen groß zu ziehen, und schon kommen ein paar Forscher vorbei, die einem ein kleines Paket voller Elektronik auf den Kopf kleben.

"”Das ist recht einfach, denn die See-Elefanten sind recht friedliche Tiere, so dass ein leichtes Beruhigungsmittel reicht, um ihnen Kästchen aufzukleben","

erklärt Martin Biuw von der University of St Andrews in Schottland. Nach 15 Minuten ist es überstanden, und die Tiere sammeln bis zum nächsten Fellwechsel Daten – und das alles nur, weil See-Elefanten die Meere rund um die Antarktis durchstreifen. Biuw:

"Seit drei Jahren kleben wir den Robben Päckchen mit Sensoren für Druck, Temperatur und Salzgehalt auf die Köpfe und messen, wie tief sie tauchen und wo sie ihre Beute finden."

In dem Kästchen stecken neben Sensoren ein Sender, Batterien und ein Computer. See-Elefanten schwimmen bis zu 2000 Meter tief hinab und bleiben bis zu zwei Stunden unten. Sobald der Rechner aufgrund der einlaufenden Daten "annimmt", dass das Tier taucht, speichert er alle vier Sekunden Messwerte ab. Wieder an der Oberfläche, streckt der See-Elefant erst einmal seinen Kopf aus dem Wasser und schaut sich um. Bei dieser Gelegenheit sendet der Computer seine Informationen, so oft er nur kann – in der Hoffnung, dass die Nachricht den nächsten Satelliten erreicht. Biuw:

"”Die See-Elefanten versorgen uns mit ozeanographischen Informationen in einer ungeahnten zeitlichen und räumlichen Auflösung. Wir können verfolgen, wie sich das Meer von Monat zu Monat oder von Woche zu Woche verändert.""

Die Messwerte zeigen auch, was die Tiere gerade machen, ob sie schnell tauchen oder unbeweglich schlafen:

"Diese Messungen verraten uns etwa, wie fett die Tiere sind, also wie gut es ihnen geht. See-Elefanten schlafen in 400, 500 Metern Wassertiefe, und wenn sie hungern und dünn sind, sinken sie während des Schlafs ab. Finden sie reichlich Beute und sind fett, treiben sie hingegen langsam auf. Dank der See-Elefanten können wir erstmals eine Karte des Schlaraffenlandes zeichnen, also räumliche Informationen über gute Jagdgründe mit ozeanographischen Parametern verknüpfen."

Mike Fedak von der University of St Andrews. Vier Populationen haben die Forscher untersucht: Die erste Gruppe ist die der See-Elefanten, die ihre Jungen auf der Antarktischen Halbinsel großziehen. Eine zweite Gruppe sucht dafür eine Insel im Südatlantik auf, eine dritte eine im Süden des Indischen Ozeans und die vierte wählte eine Insel im Südpazifik. Die Messwerte von Temperatur, Druck und Salzgehalt zeigen, dass See-Elefanten zum Fressen Gebiete ansteuern, in denen unterschiedliche Wassermassen aufeinander prallen. Fedak:

"”In diesen Zonen schaffen aufwallende Meeresströmungen die Bedingungen, wo die Beute der See-Elefanten – also Tintenfische und Fische – gerne lebt.""

Um fett zu werden, müssen die See-Elefanten aus dem Süden des Pazifiks und des Indischen Ozeans Tausende Kilometer bis zur Antarktis schwimmen und unter dem Packeis tauchen. Diese lange Reise ist aufreibend, weshalb ihre Überlebenschancen schlechter sind als die ihrer Artgenossen im Südatlantik. Die legen nahe ihrer Kolonien im offenen Meer an Gewicht zu. Die See-Elefanten suchen unter anderem das "zirkumpolare Tiefenwasser" auf. Biuw:

"”Das ist höchst interessant, denn dieses zirkumpolare Tiefenwasser steht als Teil des globalen Strömungssystems mit dem Nordatlantik in Verbindung. Anscheinend hängen die See-Elefanten am Südpol von Wassermassen ab, die ihren Ursprung im Nordatlantik oder sogar im arktischen Ozean haben. ""

Die Welt der See-Elefanten ist klein – das haben sie mit ihren Messwerten bewiesen.

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