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StartseiteHintergrund"Die Werte des wahren Amerika"06.08.2004

"Die Werte des wahren Amerika"

Wahlkampf in den USA

Filmabend in Susan Pologruto's Wohnung, im 12. Stock eines verschachtelten Hochhauskomplexes nördlich von Washington. Knapp 30 Menschen haben sich vor dem kleinen Fernseher versammelt, sitzen dicht gedrängt auf Susans überpolstertem lila Sofa oder versuchen im Schneidersitz auf dem Boden einen freien Blick auf den Bildschirm zu ergattern.

Von Julia Kastein

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat John Kerry in Philadelphia, 27.7.2004 (AP)
Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat John Kerry in Philadelphia, 27.7.2004 (AP)
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Es herrscht gespanntes Schweigen, während der Vorspann des neuen Dokumentarfilms "Outfoxed" über die Mattscheibe flimmert. "Outfoxed" - übersetzt "ausgefuchst" - ist ein Wortspiel über das Thema des Films: Es geht um Fox Cable News, den 24-Stunden-Nachrichtenkanal aus dem Hause Rupert Murdoch.

Fox Cable News ist derzeit der meistgesehene Nachrichtensender in den USA - beliebter noch als Vorbild CNN. Millionen Amerikaner schätzen die Meinungsfreudigkeit und klare Positionierung des Senders. Doch was konservative Herzen wärmt, bringt die liberalen Geister, die sich an diesem Abend in Susans Wohnung versammelt haben, in Wallung: Sie halten "Fair and balanced", also "fair und ausgewogen", den markengeschützten Werbeslogan des Senders, für miesen Etikettenschwindel.

Die machen wirklich beängstigende Propaganda -- weil sie so tun, als sei es keine. In der Sowjetunion wussten die Leute, dass sie der Propaganda ausgesetzt sind und haben sie deshalb nicht ernst genommen - aber hier glauben die Leute, das sei die Wahrheit.

Josh Goodman ist 33 Jahre alt und beschreibt sich als Demokraten. Bislang beschränkten sich seine politischen Aktivitäten aufs Kreuzchen-Machen am Wahltag. In diesem Jahr aber ist das anders.

Zum ersten Mal im Leben hat Josh Geld für eine politische Organisation gespendet - und er sucht Kontakt zu Gleichgesinnten. So surft er im Internet regelmäßig auf die Webseite von "Moveon," einer Online-Initiative, deren erklärtes Ziel es ist, George W. Bush aus dem Amt zu jagen. Mit zwei Millionen Mitgliedern gilt Moveon mittlerweile als eine der stärksten demokratischen Waffen im Wahlkampf. Die Organisation finanzierte einen Amateur-Wettbewerb für Anti-Bush-Wahlkampfspots und organisiert regelmäßig e-mail-Kampagnen gegen konservative Gesetzesinitiativen. Auch der Videoabend bei Susan ist eine Idee von Moveon - die Initiative nutzte ihre Webseite um landesweit Tausende Filmparties zu organisieren und verschickte die Filmkopien. Mit dem Dokumentarfilm Outfoxed soll die demokratische Basis mobilisiert werden: gegen Fox Cable News, aber vor allem gegen die Republikaner und ihren Kandidaten.

Die Strategie kommt an, zumal "Outfoxed" alte demokratische Verschwörungstheorien wiederbelebt; wie etwa dass Bush vor vier Jahren die Wahl nur gestohlen habe - und zwar mit Hilfe von Fox News, der als erster Sender in jener legendären Wahlnacht Bush vorschnell zum Sieger kürte und damit den wochendauernden Partisanenkampf ums Weiße Haus auslöste. Constance Garrett hat das Fiasko von Florida noch immer nicht überwunden:

Ich bin zornig - wütend ist das Wort - und ich bin schon seit vier Jahren zornig. Ich kann die Wahl gar nicht abwarten - ich hoffe nur, dass die Wahlmaschinen nicht manipuliert sind. Das ist meine größte Sorge - da bin ich richtig paranoid.

Die 73jährige Constance hat in ihrem Leben schon einige Präsidenten erlebt - doch keinen verachtet sie so sehr wie den jetzigen Amtsinhaber:

Jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, geht mir der Hut hoch. Ich mag den Klang seiner Stimme nicht, ich mag ihn nicht angucken. Ich habe keinerlei Respekt für einen Mann, der in seinen Studienjahren nur ein Playboy war. Er ist eine Marionette, bei dem andere die Strippen ziehen. Was hat er denn schon erreicht: Er hat mal ein Baseballteam besessen. Er hat Ölquellen gebohrt, die nicht lieferten. Er ist ein Trittbrettfahrer, der nur vom Reichtum und den Verbindungen seiner Familie profitiert.

Der Furor, mit dem Constance über ihren Präsidenten urteilt, ist typisch für diesen Wahlkampf, sagt Caroll Doherty, Meinungsforscher beim überparteilichen Pew Research Center for the People and the Press in Washington.

Die Leute sind interessierter und aktiver. Sie glauben, dass diese Wahl wirklich wichtig ist - und das ist ein deutlicher Unterschied zu 2000. Die Leute gingen damals mit einer gewissen Unentschlossenheit an die Urnen. Sie konnten keinen klaren Unterschied zwischen den Kandidaten erkennen und sie fanden nicht, dass es bei der Wahl auf irgendwas ankam - aber jetzt, nach dem 11. September, mit dem Krieg im Irak, sehen die Leute das anders.

Bei früheren Wahlen, erklärt der Meinungsforscher, hätte das Wahlvolk erst im Herbst echtes Interesse entwickelt. Doch laut Umfragen haben sich diesmal bereits 80 Prozent der Wähler entschieden - 10 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren. In landesweiten Erhebungen liegen Präsident Bush und sein Herausforderer Kerry ungefähr gleichauf. Wie das enge Rennen ausgehen wird, meint Doherty, hänge davon ab, welcher Kandidat mehr Wechselwähler für sich gewinnt - und wer es dabei gleichzeitig schafft, die eigene Basis auch an die Urnen zu treiben.

Präsident Bush macht gerade in den Teilen von Wisconsin Wahlkampf, wo er schon vor vier Jahren gut abgeschnitten hat. Aber er hat Wisconsin insgesamt mit nur 5000 Stimmen Unterschied verloren. Alles was er tun muss, ist ein paar mehr eigene Anhänger zum Wählen zu bringen - und ein paar Wechselwähler ins eigene Lager zu ziehen. Im Moment scheint Bush primär dabei zu sein, seine eigenen Anhänger zu mobilisieren.

Genau wie die Anhänger Kerrys nutzt auch das republikanische Lager dabei die Vorteile des Internets: Zum einem, um viel Geld zu sammeln - dank Online-Spenden haben beide Kandidaten in diesem Jahr sämtliche Wahlkampf-Finanzierungs-Rekorde gesprengt - zum anderen, um sogenannte Bush-Parties zu organisieren. Landauf, landab laden die Fans des Präsidenten ihre Freunde und Bekannten zu sich nach Hause ein - Höhepunkt der Feiern sind dann Telefonschaltkonferenzen mit republikanischen Idolen und Funktionären, wie Parteichef Ed Gillespie oder Vizepräsident Dick Cheney.

An diesem Abend ist Laura Bush als virtueller Ehrengast dabei - und die Party findet im Hof hinter Zulieka Moore's Haus in Washington statt. Ein bisschen aufgeregt hantiert die 46jährige mit dem Telefon - leider hat es keine Lautsprechertaste, so dass jeweils nur einer ihrer Partygäste den Worten der First Lady lauschen kann.

Zulieka hat ihren Hof mit Luftballons geschmückt, neben der Haustür hängt ein selbstgebasteltes Schild: Willkommen bei der Party für den Präsidenten. Bush-Fans sind in diesem ärmlichen Stadtteil von Washington eine seltene Spezies - Zulieka passt in keine der Kategorien, in die das amerikanische Wahlvolk von den Meinungsforschern der Parteien gerne gepresst werden: Sie ist Afro-Amerikanerin, alleinerziehende Mutter und lebt von der Berufsunfähigkeitsrente - mit diesem Profil scheint sie eine klassische Wählerin der Demokraten. Doch Zulieka ist Republikanerin - und zwar schon immer, aus Überzeugung:

Meine Mutter und mein Vater waren auch schon Republikaner - schließlich waren es die Republikaner, die ursprünglich für die Befreiung der Sklaven gekämpft haben. Meine Eltern und ich glauben, dass in Amerika alle Menschen, egal welcher Herkunft und Rasse, die gleichen Möglichkeiten haben. Ja, klar, manche Gruppen müssen härter für ihr Recht kämpfen - aber das ist doch das Wunderbare am Leben an sich.

Gott sei dank, dass Bush und kein anderer im Amt war, als die Terroristen vom 11. September zuschlugen, sagt Zulieka im Brustton der Überzeugung und fügt eine ganze Liste an Gründen an, warum dieser Präsident die Wiederwahl verdient:

Er hat angekündigt, Steuern zu senken, das Gesundheitssystem zu reformieren, das Land sicherer zumachen. Er hat angekündigt, die Schulen zu verbessern - jetzt nennen Sie mir einen anderen Präsidenten in unserer Zeit, dem es gelungen ist, all diese Dinge durchzusetzen.

Auch der Krieg im Irak war richtig, meint Zulieka - schließlich seien die USA gerade erst angegriffen worden. Zulieka ist hörbar empört über Zweifel an den Kriegsgründen - Obwohl es keinerlei Beweise gibt und mehrere Untersuchungskommissionen zu einem anderen Ergebnis gekommen sind, glaubt die Bush-Anhängerin nach wie vor, dass es eine Verbindung zwischen Al Quaida und dem Regime von Saddam Hussein gab.

All diese Al Quaida Kämpfer, die jetzt im Land sind und unsere Truppen und die anderen Koaltionsmitglieder angreifen - die sind nicht erst jetzt ins Land gekommen, die waren schon dort.

Mit dieser Meinung steht Zulieka nicht allein: laut aktuellen Umfragen glaubt die Mehrheit der Amerikaner immer noch an eine Verbindung zwischen den Anschlägen und dem Diktator. Meinungsforscher Doherty tut sich schwer, das zu erklären:

Was viele im Bezug auf öffentliche Meinung und Irak nicht verstehen ist, wie gut Bush es verstanden hat, auf vorhandene Vorbehalte aufzubauen. Wir haben gleich nach dem 11. September ein paar Erhebungen gemacht, also lange bevor Bush sich öffentlich zum Irak geäußert hat. Schon damals hat die Mehrheit der Amerikaner geglaubt, dass es diese Verbindung gab. Und es ist sehr schwer, die Leute vom Gegenteil zu überzeugen.

Dieses Vorurteil sei ein Grund, warum der Präsident in Umfragen noch verhältnismäßig gut dastehe, meint Doherty. Doch diese landesweiten Erhebungen verraten nur einen Teil der Wahrheit - denn ein Charakteristikum des amerikanischen Wahlsystems sorgt dafür, dass die Wahl letztendlich von nur ein paar hundert Wählern in ein paar Staaten entschieden wird. Jedes US-Bundesland hat eine bestimmte Anzahl Wahlmänner. Sie wählen geschlossen für jenen Kandidaten, der die Mehrheit der Stimmen in ihrem Bundesland bekommen hat, egal wie knapp das Ergebnis. So ging New Mexico im vergangenen Jahr mit nur 366 Stimmen, weniger als einem Prozentpunkt Unterschied, an Al Gore. New Mexico's 15 Wahlmänner aber können in der Wahlversammlung mit 538 Mitgliedern schon entscheidend sein. Wer die Umfragen richtig deuten will, muss deshalb auf die Ergebnisse in den einzelnen Ländern schauen - besonders in den so genannten Battleground States, jene Staaten, die mal demokratisch, mal republikanisch wählen, sagt Politologe James Thurber. Und dort, meint der Chef des Zentrums für Kongress- und Präsidentschaftsstudien an der American University, sieht es für Präsident Bush derzeit nicht gut aus.

Entscheidend sind die 18 sogenannten Battleground States und was die Leute dort umtreibt - und das ist der Krieg und die Wirtschaft. Wenn man also verstehen will, was dieses Jahr passiert, muss man sich diese Staaten angucken und herausfinden, ob der Kandidat genügend Wahlmännerstimmen zusammenbekommt. Und da liegt Bush derzeit hinten.

Zumal die Liste der so genannten Battleground States diesmal besonders lang ist - auch Virginia steht mit darauf. Dabei galt der Gründerstaat bislang als sichere Bank für die Republikaner - der letzte demokratische Präsidentschaftskandidat, der hier die Mehrheit bekam, war Lyndon B. Johnson. - Vor 40 Jahren. In aktuellen Umfragen liegen Kerry und Bush fast gleichauf.

Larry Syverson steht vor dem Gerichtsgebäude in Virginia's Hauptstadt Richmond und ruft: Hupt für den Frieden, bringt die Truppen nachhause. Dreimal die Woche verbringt der 55jährige so seine Mittagspause - und das seit mehr als einem Jahr. Die Stimmung in Richmond habe sich verändert, sagt er:

Als ich mit meinem Protest anfing, haben nur die Afro-Amerikaner gehupt und gewinkt (sic!). Alle anderen, vor allem die mit der amerikanischen Flagge auf dem Auto, haben nicht reagiert - und wenn ich sie angesehen habe, haben sie mir sogar den Finger gezeigt und geflucht. Aber jetzt hupen sie alle - die Lastwagenfahrer, die Mütter mit ihren Minivans alle - die Veränderung ist deutlich.

Die Mittagssonne brennt unbarmherzig, es ist heiß und schwül. Syverson reckt unverdrossen zwei Schilder in die Höhe. Auf dem einen steht die aktuelle Zahl der Gefallenen im Irak-Krieg, auf dem anderen klebt ein Foto eines jungen Mannes in Uniform - dazu der Satz: Bringt meinen Sohn jetzt nachhause.

Larry Syverson hat vier Söhne - und alle vier sind oder waren beim Militär. Zwei von ihnen dienten im Irakkrieg, der eine ist noch dort.

Ich will die Soldaten aus dem Irak holen. Mein Älterer, Brandon, war in Tikrit. Seit März ist er wieder zuhause Und Bryce, mein Jüngster, war erst in Bagdad und ist jetzt in Kuwait - er ist seit 14 Monaten da unten. Hoffentlich kommt er bald raus - aber selbst danach werde ich weiter protestieren, weil ich nicht will, dass andere Familien das gleiche mitmachen müssen wie wir, mit einem Sohn oder einer Tochter an der Front.

Mehr als 900 US-Soldaten sind bislang im Irak ums Leben gekommen, mehr als 6000 wurden verletzt. Natürlich weiß Larry, dass seine Söhne ein Risiko eingingen, als sie sich freiwillig meldeten. Doch dieser Krieg sei es nicht wert.

Der ganze Krieg basiert doch auf Lügen, und all die Gefallenen sind umsonst gestorben. Das ist schrecklich. Es muss ein Ende haben.

Larry Syverson wird für John Kerry stimmen - doch er gehört zur großen Fraktion innerhalb der demokratischen Partei, die nicht begeistert von ihrem Kandidaten sind. "Anything But Bush" - alles außer Bush ist ihr Motto.

Als loyaler Demokrat werde ich Kerry wählen. Aber ich mag seine Haltung zum Krieg nicht - und das ist eigentlich das einzige Thema, das mich interessiert. Er redet genau wie der Präsident davon, die Truppen erstmal dort zu lassen -- und damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Aber ich hasse Bush so sehr, dass ich für jeden anderen stimmen würde.

Doch längst nicht alle Kriegsgegner werden automatisch gegen Bush stimmen - das weiß Larry aus der eigenen Familie.

Brandon hat sich auf den Krieg gefreut, er wollte endlich anwenden, was er gelernt hatte. Am Anfang hat er geschrieben, wie freundlich die Menschen seien, dass sie ihm Blumen und Essen bringen würden. Ein paar Monate später hieß es dann: Irak ist ätzend, ich hasse es, ich will hier raus, ich mach Schluss mit der Armee.

Doch trotz dieses Sinneswandels werde Brandon wohl für den Präsidenten stimmen:

Brandon ist sehr konservativ. Er hat das letzte Mal Bush gewählt, und er wird es wohl auch diesmal tun.

Die Mehrheit der Amerikaner hält den Krieg mittlerweile für einen Fehler, sagt Meinungsforscher Caroll Doherty. Bush's Zustimmungsraten in Sachen Irak liegen bei nur rund 40 Prozent. Aber wenn die Frage laute, wer von beiden Kandidaten es besser machen würde, wären der Präsident und sein Herausforderer gleichauf.

Seit die Übergangsregierung dran ist, hat die Berichterstattung über den Irak etwas abgenommen - genau wie das öffentliche Interesse. In dieser Situation spielt die Wirtschaft dann wieder eine größere Rolle.

Und auch da wittern die Demokraten ihre Chance: Zwar wächst die Wirtschaft seit Monaten beständig - doch der Aufschwung kam weitgehend ohne Arbeitplätze. Netto gingen in den USA in den vergangenen vier Jahren 1,8 Millionen Jobs verloren. Die "jobless recovery", der Aufschwung ohne Arbeitsplätze, ist bereits eine stehende Redewendung - und der Buhmann steht fest: Firmen, die ihre Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.

Das Call Center des Internet-Reisebüros Travelocity in Clintwood, Virginia, ist ein Beispiel. Noch arbeiten rund 250 Menschen im Schichtbetrieb in diesem nüchternen Bürokomplex, nehmen täglich über 7000 Anrufe entgegen. Zum Jahresende wird das Callcenter dichtgemacht - die Jobs wandern nach Indien.

Kevin Payne weiß nicht, wie es weitergehen soll. Der 22jährige arbeitet seit einem Jahr für Travelocity, genau wie seine Frau. Die beiden schätzten sich glücklich: 8 bis 12 Dollar pro Stunde plus Krankenversicherung ist ein gutes Einkommen hier, im äußersten Südwesten von Virginia. Die Arbeitslosenquote in Dickenson County ist mit 11 Prozent doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt - wer überhaupt einen Job hat, muss froh sein. Kevin interessiert sich nicht besonders für Politik - trotzdem macht er sie mitverantwortlich für sein Schicksal.

Sie verarschen uns irgendwie. Erst versprechen sie uns Arbeit und dass sie hier bleiben und dann verlagern sie die Jobs ins Ausland.

Ronnie Robbins ist Finanzdezernent von Dickenson County - der Mittfünfziger hat in seiner Karriere schon viele Firmen kommen und gehen sehen: Hauptarbeitgeber in diesem Landstrich ist immer noch die Kohleindustrie. Bis vor ein paar Jahren gab es auch ein großes Textilunternehmen, das inzwischen im Ausland produzieren lässt. Travelocity ist derzeit zweitgrößter Arbeitgeber am Ort.

Wenn die Jobsituation sich zwischen jetzt und November noch verbessert, wird George Bush noch ein paar Stimmen holen - aber wenn es so weitergeht und noch mehr Leute ihre Arbeit verlieren, dann ist das sein größtes Problem. Nicht der Irak, nicht der Terrorismus.

Robbins verzieht etwas gequält das Gesicht: einerseits hofft der Familienvater auf neue Jobs und damit eine Zukunft für Clintwood. Andererseits will der eingefleischte Demokrat Bush besiegt sehen. Eine genaue Prognose, wer das Rennen nun machen wird, will er deshalb gar nicht abgeben. Zumal es noch eine weitere große Unbekannte gibt: Was, wenn es vor November zu einem weiteren Terroranschlag in den USA kommt? Bislang ist die Terrorbekämpfung das einzige Gebiet, bei dem Bush klar vor Kerry liegt. Offenbar mit Erfolg beschwört der Präsident immer wieder, dass seine Politik die Amerikaner sicherer gemacht hat. Nach dem 11. September scharte sich das Volk um seinen Präsidenten - seine Werte schossen in die Höhe. Doch die Experten streiten, ob es diesmal auch so kommen wird. Meinungsforscher Caroll Doherty:

Die Frage ist, ob die Öffentlichkeit in einer Krisensituation die Führung wechseln will - und ich glaube, bei der Mehrheit ist das nicht der Fall.

Politologe Thurber hält dagegen:

Ich glaube, wir Amerikaner werden sehr böse sein, wenn es einen Anschlag gibt - und viele Leute werden die Kompetenz des Präsidenten, uns zu beschützen, ernsthaft in Frage stellen. Ich glaube, es wird ihm schaden.

Noch ist nichts entschieden, betont Thurber - denn noch habe die heiße Phase des Wahlkampfs gar nicht angefangen.

Ich glaube, dass diese Wahl ähnlich ausgehen wird wie vor vier Jahren - ganz knapp.

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