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StartseiteKultur heuteDie Wiedererschaffung des Iran07.03.2009

Die Wiedererschaffung des Iran

Das British Museum zeigt eine Ausstellung über den mittelalterlichen Staateneiniger Schah Abbas I.

Nach dem ersten Kaiser von China und dem römischen Kaiser Hadrian ist im Londoner British Museum nun eine Ausstellung über den persischen Herrscher Schah Abbas zu sehen. Ein Großteil der Leihgaben stammt aus dem Iran, was das Verhandlungsgeschick des charismatischen Museumsdirektors Neil McGregor unterstreicht.

Von Hans Pietsch

Besucherin der Ausstellung "Schah Abbas, The Remaking of Iran" im British Museum, London. Im Hintergrund iranische Keramiken mit Kalligraphien aus den 1620er- bis 1630er-Jahren. (AP)
Besucherin der Ausstellung "Schah Abbas, The Remaking of Iran" im British Museum, London. Im Hintergrund iranische Keramiken mit Kalligraphien aus den 1620er- bis 1630er-Jahren. (AP)

Neil McGregor ist der vollendete Diplomat. Dem Direktor des British Museum gelingt es wie keinem anderen, Regierungen und Museen in fernen Ländern zu Leihgaben kostbarer Kunstwerke zu überreden. Selbst ein angeblich doch so nach innen gekehrtes Land wie Iran erlag seinem Charme.

Diese Leihgaben machen einen Großteil der vorletzten Schau einer Serie über Herrscher aus, die ihr Land zu einer Nation zusammenschweißten - der erste Kaiser Chinas und der römische Kaiser Hadrian, im Herbst soll der Azteke Montezuma folgen. Nun also der Saffawide Shah Abbas, der als 16-jähriger seinen blinden Vater vom Thron stieß. Sie alle erbten eine Nation im Chaos, befriedeten die Grenzen, dehnten sie aus und einten sich bekämpfende Fraktionen im Inneren. Bei Shah Abbas ging diese mörderische Arbeit Hand in Hand mit einer ungeahnten Blüte von Kunst und Kultur, gefördert von einem aufgeklärten Herrscher, der religiöse Toleranz unterstützte, wenn ihm das ins Konzept passte, den Shia-Glauben zur einigenden Staatsreligion machte, der aber auch vor keiner Brutalität haltmachte, und etwa einen seiner Söhne ermorden und zweien die Augen ausstechen ließ.

Anders als anderen Herrschern versperrte ihm die von ihm geförderte Religion den Zugang zu jeder Art von Personenkult. Also keine öffentlichen Bildnisse von ihm. Stattdessen drückte er seine Größe, seine Vision eines geeinten Landes, das im Zentrum der Welt liegt, mithilfe von Kunst und Architektur in seiner neuen Hauptstadt Isfahan aus, sowie in den heiligen Städten Mashhad, Ardabil und Qum, die er mit Geschenken überhäufte.

Von ihm gibt es nur zwei zeitgenössische Porträts. Das eine stammt von einem Fremden, dem indischen Maler Bischn Das, der den Besuch des Gesandten des Mogul-Herrschers in Isfahan im Jahr 1618 festhielt. Ein winziges Gemälde, das den Shah im roten Gewand, mit grünem Hut und gewaltigem Schwert im Gürtel zeigt, der dunkle Schnurrbart nach unten gezwirbelt. Der Maler hebt nicht die Grandezza des Herrschers hervor, sondern dessen Intelligenz und körperliche Fitness.

Das zweite Porträt entstand einige Jahre später und stammt von dem iranischen Künstler Muhammed Quasim. Das Aquarell zeigt einen ganz anderen Shah. Er kniet, neben ihm ein junger Page mit Turban, der ihm Wein reicht. Der Monarch wirkt entspannt, der homoerotische Unterton entspricht durchaus damaligen Gepflogenheiten.

Der am meisten geschätzte Maler am Hof von Shah Abbas war Riza-yi-Abbasi. Seine delikaten Aquarelle sind einer der Höhepunkte der Schau. Etwa ein kniender Schreiber, schnell, doch gekonnt mit Tusche hingeworfen, hier und da eine Farbandeutung - sein blaues Tintenfass, seine roten Pantoffeln, sein dunkelblauer Turban.

Vielleicht ist er der Meister-Kalligraph, der die daneben gezeigten wellenförmigen Schriftzeichen zu Papier brachte, in einem Nastaliq genannten Schriftstil. Hier taten sich Shah Abbas' Künstler mit Neuerungen besonders hervor, und auch im Teppichknüpfen. Zwei Teppiche aus Seide und Gold zeigen exemplarisch das große Können dieser Kunsthandwerker, der eine aus dem Teppichmuseum in Teheran, der andere aus dem Londoner Victoria und Albert Museum, dieser lediglich ein Fragment eines einst 14 mal 9 Meter großen Teppichs.

Shah Abbas litt offensichtlich auch an der ein Jahrhundert zuvor von August dem Starken so genannten "Porzellan-Krankheit" - fast obsessiv sammelte er vor allem blau-weißes Porzellan aus China, das seine eigenen Töpfer dann nachzumachen versuchten. Einige der gezeigten Stücke wie eine mit einem Fisch bemalte Platte aus dem frühen 14. Jahrhundert oder eine Kaschkut, die Bettelschale eines iranischen Derwischs, aus dem frühen 17. Jahrhundert sind von ausgesuchter Schönheit.

Im Zentrum des Ausstellungsraums, direkt unter der viktorianischen Kuppel des runden ehemaligen Lesesaals, vermitteln die Kuratoren mit Videos und Dias einen Eindruck vom Hauptplatz Isfahans, eines als Treffpunkt der Nationen konzipierten Platzes. Das Blau der Kacheln, mit denen die Moscheen und Schreine verkleidet sind, und das blendende Gold, die gewaltigen Arkaden und kühlen Innenhöfe belegen die große Heiterkeit und Gelassenheit, die hinter den brutalen Machtkämpfen standen, in die der Shah verwickelt war. Er starb 1629, doch, so sagt die Schau, das heutige Land ist eigentlich noch immer das von ihm gegründete Reich.

Info

Die Ausstellung im Britisch Museum ist noch bis zum 14. Juni 2009 zu sehen.

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