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StartseiteBüchermarktDie wilden Detektive05.05.2002

Die wilden Detektive

Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg.

Was ist ein Anapäst? Ein Versmaß natürlich, zwei betonte Silben, eine unbetonte. Aber was ist eine Katachrese, was ein Choriambus und wie unterscheidet sich der von einem Choliambus? Der neunmalkluge Juan García Madero kennt sämtliche Sonderfälle der klassischen Metrik und treibt mit seinen Bemerkungen den würdigen Leiter der Dichterwerkstatt an der Universität von Mexiko City zur Weißglut. Juan ist siebzehn Jahre alt, behütet von Onkel und Tante, vom Jurastudium gelangweilt und versessen auf Literatur. Manchmal geht er in schummrige Tequilabars. Mit einer Frau geschlafen hat er noch nie. Eines Tages passiert endlich etwas.

Maike Albath

3. November 1975 Es war meine sechste Sitzung in Álamos Werkstatt (vielleicht war es aber auch die siebte oder achte, ich habe neuerdings festgestellt, dass sich die Zeit zusammenfaltet, auseinanderzieht, gerade wie es ihr passt), und die Spannung, der Wechselstrom einer Tragödie, zitterte in der Luft, ohne dass irgend jemand imstande gewesen wäre, zu sagen, warum. Zunächst einmal waren sämtliche sieben eingeschriebenen Schüler zugegen, etwas in den bisherigen Sitzungen noch nie da Gewesenes. Und: Wir waren nervös. Álamo, normalerweise die Ruhe selbst, schien von allen guten Geistern verlassen. Einen Moment dachte ich, es sei etwas in der Universität passiert, eine Schießerei auf dem Campus, ohne dass ich etwas davon mitbekommen hätte, ein spontaner Streik, die Ermordung des Dekans der Fakultät, die Entführung eines Philosophieprofessors oder irgend etwas in dem Stil. Aber es war nichts geschehen, und in Wirklichkeit gab es keinen Grund, nervös zu sein. Wenigstens objektiv. Aber mit der Poesie (der wahren Poesie) verhält es sich nun einmal so: Sie lässt sich im voraus erfühlen, sie kündigt sich in der Luft an wie ein Erdbeben, die, wie es heißt, von Tieren mit den dafür notwendigen Sinnesorganen (Schlangen, Würmern, Ratten, einigen Vögeln) im voraus gefühlt werden. Dann ging alles ungeheuer schnell, und ich möchte sagen, und ich weiß, dass ich dabei Gefahr laufe, in kitschige Redeweisen zu verfallen, mit allen Elementen des Wunderbaren gesegnet. Es erschienen zwei viszeralrealistische Dichter, und Álamo stellte sie uns mit zusammengebissenen Zähnen vor.

Der Realviszeralismus revolutioniert Juans eintönige Existenz, denn er darf mitmachen bei der Gruppe, obwohl er nicht genau weiß, was das eigentlich sein soll, dieser Realviszeralismus. Es hat etwas mit Wirklichkeit zu tun und mit Eingeweiden, mit den Eingeweiden des Wirklichen vielleicht, aber so richtig streng nimmt es damit sowieso keiner. Auf jeden Fall handelt es sich bei den beiden Störenfrieden im Seminar um den Exilchilenen Arturo Belano und seinen Freund Ulises Lima, die Anführer der realviszeralistischen Bewegung. Arturo Belano und Ulises Lima verfassen neuartige Gedichte, brüskieren sämtliche Literaten Mexikos, haben schon zwei Nummern einer Zeitschrift herausgebracht und halten sich mit zwielichtigen Geschäften über Wasser. Drogen, wie der wohlerzogene Juan mutmaßt. Aber er stürzt sich mit Inbrunst in alle Aktivitäten. Literatur und Leben, das ist für die Realviszeralisten ein und dasselbe. Ihr Gefolge kommt aus allen Schichten der Gesellschaft, und ihre Abenteuer spielen sich zwischen verrauchten Cafés, ärmlichen Studentenbuden, dem großbürgerlichen Elternhaus der Schwestern María und Angélica, diversen Hotels und dem Rotlichtmilieu ab, wo die Hure Lupe ihr Geld verdient. Quer durch Mexico City streifen die Anhänger der Gruppe, und der Novize Juan hält in Tagebuchnotizen seine literarische und seine tatsächliche Initiation fest, denn im Zuge des Realviszeralismus verliert er endlich auch seine Unschuld.

18. November 1975 Ich erfuhr in weniger als zehn Minuten, wo sich die Klitoris einer Frau befindet und wie man sie massiert oder streichelt oder drückt, stets natürlich innerhalb der Grenzen der Sanftheit, Grenzen, die Maria selbst ständig überschritt, denn mein Penis, der während des Vorspiels noch freundlich behandelt worden war, verwandelte sich unter ihren Händen schon bald in einen Märtyrer; das waren Hände, die mir in der Dunkelheit und inmitten der verknäuelten Bettlaken mal vorkamen wie die Krallen eines Falken oder einer Fälkin, mit denen sie ihn, wie ich schon befürchtete, aus seiner Verankerung herausreißen wollte, mal wie chinesische Zwerge (mit den Fingern als chinesische Wanzen), die die Räume und unterirdischen Röhrensysteme zwischen meinen Hoden und dem Penis vermessen wollten. Dann (aber nicht ohne vorher meine Hosen bis auf die Knie herunterzulassen) beugte ich mich über sie und schob ihn hinein. "Nicht reinkommen", zischte María. "Ich versuch's ja schon." "Was soll das heißen, du Schwein? Nicht reinkommen, hab ich gesagt!"

Eine Mischung aus Entwicklungsroman, Satire und Stadtporträt, so präsentiert sich der erste Teil von Die wilden Detektive, dem großartigen Hauptwerk des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño. Die nervöse Energie der mexikanischen Metropole, wo Bolaño genau wie seine Helden in den 70er Jahren seine ersten literarischen Erfahrungen sammelte, setzt sich bis in die verschlungenen Satzperioden des Tagebuchschreibers fort. Dichtung ist etwas ganz Vitales, Existenzielles und Absolutes, das wird schon in den ersten Zeilen des Romans spürbar - sie ist eine Chiffre für einen utopischen Raum jenseits der wirklichen Welt, und sie ist das, wofür eine ganze Generation ihr Leben aufs Spiel setzt. Aber das ist der Subtext des Buches, an der Oberfläche verhandelt Bolaño eine ganz andere Geschichte. Eine ungeheure Spannung breitet sich von Anfang an aus und lässt 677 Seiten lang nicht nach: seine Literaturfreaks sind dauernd unterwegs, sie forschen nach einer geheimnisumwobenen Dichterin der 30er Jahre namens Cesaréa Tinajero, dann wieder fliehen sie vor den Zuhältern der Hure Lupe. Der schwärmerische Juan gerät zwischen die Fronten, als er kurz vor dem Jahreswechsel mit dem realviszeralistischen Kollegen Pancho im Taxi zum Haus der Schwestern María und Angélica Font fährt, deren Vater sich in Lupe verguckt hat.

30. Dezember 1975 Mir kam der Gedanke, irgend etwas sei schiefgelaufen während der letzten Tage, irgend etwas sei schiefgelaufen in meinem Verhältnis zu Mexikos neuen Dichtern, in meinem Verhältnis zu den neuen Frauen in meinem Leben. Aber so sehr ich auch darüber nachdachte, ich konnte den Haken nicht entdecken, den Abgrund, der sich hinter mir auftat und den ich hätte sehen können, wenn ich nur einen Blick über meine Schulter geworfen hätte, einen Abgrund, vor dem ich mich im übrigen keineswegs fürchtete, einen Abgrund ohne monströse Wesen in seinen Tiefen, jedoch finster, still, leer, drei Extreme, vor denen ich ein Unbehagen spürte, ein kleines Unbehagen, mehr nicht, einen Kitzel in der Magengrube, aber in Momenten doch so etwas wie Angst. Und so gelangte das Taxi, während mein Gesicht am Fenster klebte, in die Calle Colima, und Pancho und der Taxifahrer hörten auf zu reden, vielleicht auch nur Pancho, als habe er seinen Streit mit dem Taxifahrer aufgegeben, und mein Schweigen und Panchos Schweigen überfluteten mein Herz. Wir stiegen einige Meter hinter dem Haus der Fonts aus. "Irgendetwas stimmt hier nicht", sagte Pancho, während der Taxifahrer uns ein paar launige Flüche hinterher rief und verschwand. Auf den ersten Blick sah alles ganz normal aus, aber auch mir war, als sei im Vergleich zu jener Atmosphäre, an die ich mich so lebhaft erinnern konnte, noch irgend etwas anderes in der Luft. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saßen zwei Typen in einem gelben Ford Camaro und starrten zu uns herüber.

Die finsteren Gestalten sind Lupe auf der Spur, und gemeinsam fahren Juan, Ulises und Arturo mit ihr gen Norden nach Sonora. Juans Tagebuchaufzeichnungen reißen plötzlich ab, der erste Teil von Die wilden Detektive endet mit dem Aufbruch, die Chronologie der Ereignisse wird auf dem dramatischen Höhepunkt unterbrochen und erst im dritten Teil wieder aufgenommen. Und der Leser taumelt weiter, mitgerissen von den mysteriösen Verwicklungen. Die wilden Detektive schlägt einen auf eine Weise in den Bann, wie es selten passiert, und man rätselt lange, woran das eigentlich liegt. Geschickt arbeitet Bolaño mit der erzählerischen Schubkraft von Geheimnissen. Der gesamte Roman gestaltet sich nämlich wie eine groß angelegte Recherche nach dem Verbleib der beiden Anführer der realviszeralistischen Bewegung. Arturo Belano, ein alter ego seines Erfinders, und Ulises Lima sind das Gravitationszentrum des Buches, der dramaturgische Dreh- und Angelpunkt, dabei sind sie eigentlich immer abwesend. Jeder kennt sie, hat sie getroffen, ihre Wege gekreuzt. 50 verschiedene Personen kommen im zweiten Teil, der zwischen 1976 und 1996 spielt, zu Wort, manche drei, vier Mal, andere schildern nur eine einzige Begebenheit. Ulises Spuren führen von Europa nach Nicaragua und wieder nach Mexiko zurück, Arturo wird zuletzt als todessüchtiger Reporter in Angola und Liberia gesehen. In diversen Cafés, einem Wiener Mansardenzimmer, auf einer Parkbank in Paris, in einer mexikanischen Nervenklinik, an einer Straßenecke in Los Angeles, in Tel Aviv oder auf der spanischen Buchmesse erheben die Zeugen ihre Stimme, darunter sind Freunde, Weggefährten, flüchtige Bekannte, Nachbarn, Arbeitgeber, ein französischer Matrose, ein argentinischer Fotoreporter, eine magersüchtige Geliebte, eine spanische Bodybuilderin und ein eifriger Literaturwissenschaftler. Oft breiten die jeweiligen Ich-Erzähler ihr eigenes Schicksal vor dem Leser aus, das dann aber irgendwann magnetisch auf die Begegnung mit einem der beiden zuläuft. Je mehr Berichten man lauscht, desto dringender möchte man wissen, was es mit Arturo Belano und Ulises Lima eigentlich auf sich hat.

Luis Sebastiàn Rosado, Wohnung im Halbdunkel, Calle Cravioto, Stadtteil Coyoacán, Mexico DF, März 1983 Da ließ er den Namen Ulises Lima fallen und erzählte, der sei irgendwo in Managua verschollen (das wunderte mich nicht, die halbe Welt fuhr nach Managua), aber in Wahrheit sei er eben nicht verschollen, wie alle glaubten (wer sind alle, hatte ich Lust, ihn zu fragen, seine Freunde, seine Leser, die Kritiker, die mit Argusaugen seine Werke lasen?) er sei zwar verschollen, er selbst aber wisse, dass er nicht verschollen sei, sondern sich in Wirklichkeit verborgen halte. Und warum sollte Ulises Lima sich verbergen?, fragte ich. Das ist ja gerade die Frage, sagte Piel Divina.

Weil eine vermittelnder Erzähler fehlt, ordnet der Leser selbst die Geschehnisse, wägt ab, vergleicht und spekuliert genau wie die Beteiligten über das Geschick von Ulises und Arturo. Einige der Stimmen sind unverwechselbar, klingen gebildet oder vulgär, gestelzt oder cool, mit bestimmten Macken und stilistischen Eigenheiten. Dann schält sich plötzlich ein Charakter heraus, der einem gegenüber zu sitzen scheint: eine durchgeknallte Hippiebraut, ein liebenswürdiger Hilfsarbeiter, ein distinguierter Rechtsanwalt. Ein unvergleichliches Panorama an Figuren entsteht, oft trifft man auf jemanden, den man vom Hörensagen schon kennt und der dann ganz anders wirkt, als ihn z.B. seine Ehefrau beschrieb. Auch das Bild der beiden Realviszeralisten changiert, jeder Zeuge fügt neue Einzelheiten hinzu, und jeder ist auf eine andere Art involviert. Ähnlich wie Vargas Llosas Gespräch in der Kathedrale, wo rund siebzig Personen agieren, wirkt Bolaños Roman wie ein vielstimmiger Klangkörper. Dass das kaleidoskopische Gebilde nicht zerfasert und sich der Spannungsbogen immer wieder neu aufbaut, ist eine erzählerische Meisterleistung. Viele Statements sind außerdem hochkomisch. Bolaño, als Jugendlicher Begründer einer Strömung namens Infrarealismo, spart nicht an Seitenhieben auf tatsächlich existierende Schriftsteller und Parodien dichterischer Exerzitien.

Rafael Barrios, Café Quinto, Calle Bucareli, Mexico DF, Mai 1977 Tja, was trieben wir so, wir Realviszeralisten, nachdem Ulises Lima und Arturo Belano weg waren: Ecriture automatique, exquisite Leichen, Performances von Einzelpersonen ohne Zuschauer, contrainte, beidhändiges Schreiben, Schreiben mit drei Händen, Masturbationsschreiben (mit der rechten Hand schreiben, mit der linken wichsen, oder umgekehrt, wenn du Linkshänder bist), Madrigale, Romangedichte, Sonette, die immer mit dem selben Wort enden, auf Mauern gekritzelte Botschaft aus vier Worten, maßlose Tagebucheintragungen, mail poetry, projective verse, Gesprächspoesie, Antipoesie, konkrete brasilianische Poesie, (auf portugiesisch, mit Hilfe eines Wörterbuchs verfasst), Kriminalgedichte in Prosa, apokryphe Gedichte von kolumbianischen Nihilisten, peruanischen Horazianern, Kataleptikern aus Uruguay, Tzantzikern aus Ecuador, brasilianischen Kannibalen, proletarisches No-Theater... wir gaben sogar eine Zeitschrift heraus, wir bewegten uns... und bewegten uns... wir machten, was wir konnten... aber es kam nichts Rechtes dabei raus.

Genüsslich zelebriert Bolaño seine satirischen Einlagen, um dann wieder eine existenzielle Ebene ins Spiel zu bringen und etwas Unerklärliches aufblitzten zu lassen. Als Ulises Lima an der französischen Küste auf einem Fischkutter anheuert, stellt sich nach monatelanger Flaute plötzlich ein Fang ein, wie ihn die Fischer noch nie erlebt haben. Ulises ist ein Nichtsnutz und ein Pechvogel, ein zeitgenössischer Odysseus, der niemals einer geregelten Arbeit nach geht, aber wunderschöne Gedichte verfasst und manchmal das Innerste eines Menschen zu berühren scheint. Auch Arturo Belano besitzt undurchsichtige Kräfte. Ein spanischer Rechtsanwalt und kleinmütiger Kulturspießer erlebt, wie Belano eines Nachts ein Kind aus einer Felsspalte rettet und beschäftigt ihn daraufhin in seiner Literaturzeitschrift. Weil Arturo seine Tochter verführt, demütigt er ihn, erkrankt dann aber unheilbar. Ein anderes Mal fordert Belano einen ihm feindlich gesonnenen Literaturkritiker zum Duell heraus. Plötzlich geht es um Leben und Tod.

Jaume Planells, Bar Salambó, Calle Torrijos, Barcelona Juni 1994 Der Kampf begann ausgeglichen. Iñakis Hiebe aber wirkten etwas ängstlich, er begnügte sich damit, die Hiebe seines Gegners abzuwehren. Und er wich zurück, ständig wich er zurück, ich weiß nicht, ob aus Angst oder weil er den Gegner studierte. Die Hiebe des anderen hingegen kamen immer entschlossener, irgendwann machte er einen Stoß, den ersten in diesem Kampf, er zückte den Degen, das rechte Bein und der rechte Arm schnellten nach vorn, und die Spitze des Degens berührte fast Iñakis Hosenbund. Da endlich schien dieser aus seinem wahnwitzigen Traum aufzuwachen und sich auf der Stelle in einen anderen Traum zu begeben, in dem die Gefahr viel gegenwärtiger war. Während einer lichten Sekunde hatte ich die Gewissheit, dass wir alle wahnsinnig geworden seien. Aber an die Stelle dieser lichten Sekunde trat sofort eine superlichte Supersekunde (ich bitte den Ausdruck zu verzeihen) und mit ihr der Gedanke, dass diese Szene das logische Ergebnis unserer absurden Biographien sei. Kein Strafgericht, eher ein Falte, die sich auftat und den Blick freigab auf unser ganz gewöhnliches Menschentum.

Ein mythischer Untergrund arbeitet unterhalb der Oberfläche, aber der chilenische Schriftsteller verzichtet auf eine Auflösung und belässt es bei subtilen Andeutungen, wodurch er die Wirkung eher verstärkt. Sein Roman ist ein faszinierendes Schichtengebilde mit einem ausgefeilten System von Echoräumen, Korrespondenzen und Spiegelungen, aber kein Rattern verrät die komplexe Fiktionsmaschinerie, alles wirkt leicht und schwebend. Den gewieften Konstruktionen kommt man erst mit dem zweiten Blick auf die Spur. Zum Beispiel spinnt Bolaño einen weiteren Handlungsfaden in den zweiten Teil von Die wilden Detektive ein, der als einziger nicht bis in die 90er Jahre führt, sondern 1976 abreißt. Zwölf Mal meldet sich Amedeo Salvatierra zu Wort, ein vergessener Avantgardedichter der 30er Jahre, inzwischen Ghostwriter und längst vom Alkohol zerrüttet. Sein Bericht umfasst eine Nacht im Jahre 1975, als Ulises Lima, Arturo Belano und einige andere ihn aufsuchten, um mit Hilfe einiger Flaschen Tequila seinen Erinnerungen an die legendäre Dichterin Cesaréa Tinajero auf die Sprünge zu helfen. Nach und nach kommen einzelne Szenen ans Licht, Salvatierra kramt eine Zeitschrift hervor und schildert den abrupten Aufbruch der Freundin in die Wüste nach Sonora. Ihr berühmtes Gedicht, so stellt sich heraus, ist nichts anderes als eine simple Zeichnung, ein Ideogramm. Auch von Cesaréa scheinen, ähnlich wie später von Arturo und Lima, nur die Konturen zu existieren, sie bleibt ein Geheimnis, ein Schatten. Bolaño überbietet auf diese Weise seine zentrale Erzählfigur - die Suche nach den Realviszeralisten -, Arturo und Lima selbst werden zu den Wilden Detektive aus dem Titel des Romans. Im dritten und letzten Teil, der zurückführt in den Januar des Jahres 1976 und wieder aus den Tagebuchaufzeichnungen Juans besteht, begeben sich die Realviszeralisten auf die Fährte von Cesaréa. Bolaño wendet das Prinzip der russischen Puppe an: jede Suche beinhaltet eine weitere Suche, hinter der sich noch etwas anderes verbirgt, der Leser macht mit und erprobt, genau wie die Helden, seine detektivischen Fähigkeiten. Roberto Bolaño, der wie sein alter ego Mittelamerika den Rücken gekehrt hat und inzwischen in der Nähe von Barcelona zu Hause ist, steht in der Tradition von Jorge Luis Borges. Auch an Cortazárs labyrinthischen Bohèmeroman Rayuela fühlt man sich manchmal erinnert, aber dem 49jährigen Chilenen gelingt eine Fortführung und urbane Prägung der südamerikanischen Novela. Sein dramaturgisches Geschick und seine Ökonomie mag er den berühmten Kurzerzählungen von Borges verdanken, auch die Form der Zeugenaussage und das Muster der Detektivgeschichte gehen auf den Argentinier zurück, aber Bolaño besetzt seine Geschichten mit einer ungewöhnlichen Energie. Ob es um Geld geht für den nächsten Tag, Sex mit einer Frau, die Wahrheit oder die Avantgarde - Metaphysisches und Alltägliches fließen in eins. Einer der vielen Zeugen lässt eher nebenbei fallen, dass er mit den Realviszeralisten über die französischen Troubadore und die italienischen Stilnovisten diskutiert habe. Jene mittelalterlichen Begründer der europäischen Lyrik schrieben Liebesgedichte, gerichtet an unerreichbare Frauen, so wie Cesaréa Tinajero. Die holde Dame war zugleich eine Metapher für das Dichten an sich, für den Beginn des Sprechens über die Welt, für die Eroberung eines Raums jenseits der Wirklichkeit. Genau danach suchen auch die wilden Detektive.

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