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StartseiteForschung aktuellDie Wüste lebt13.09.2005

Die Wüste lebt

UN-Experten geben Tschernobyl nicht auf

<strong>Umwelt. - 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind Umweltforscher überrascht, wie sich die Umgebung des Unglücksmeilers entwickelt hat: Heute präsentiert sich die Artenvielfalt größer als zuvor. Zahlreiche bedrohte Arten finden hier ein neues Zuhause.</strong>

Von Dagmar Röhrlich

Aus der ehemaligen Todeszone wurde inzwischen ein Habitat für bedrohte Tiere.  (AP)
Aus der ehemaligen Todeszone wurde inzwischen ein Habitat für bedrohte Tiere. (AP)
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Sarkophag
UN-Entwicklungsorganisation UNDP
Tschernobyl

1986 gingen die Bilder des rot glühend brennenden Reaktors von Tschernobyl um die Welt. Radioaktive Elemente wie Jod-131 verdampften, und der Wind verteilte sie über halb Europa. Durch das Radiojod erkrankten 4000 Kinder an Schilddrüsenkrebs, obwohl es bereits nach wenigen Tagen zerfallen war. Die beiden anderen wichtigen Nuklide der Tschernobyl-Havarie bleiben länger erhalten: Cäsium-137 und Strontium-90 haben Halbwertzeiten von rund 30 Jahren. Das Strontium haftete an Partikeln aus Nuklearbrennstoff, die beim Brand aus dem Reaktor geschleudert wurden.

"Radiostrontium ist biologisch aktiv. Bislang war es in den Brennstoffpartikeln gefangen. Die aber lösen sich jetzt allmählich auf, das Strontium wird freigesetzt – und zwar in wasserlöslicher Form und kann so von den Pflanzen aufgenommen werden..."

...berichtet Yuri Ivanov, Direktor des ukrainischen Instituts für Landwirtschaftliche Radioökologie in Kiew. Weil die schweren Brennstoffteilchen nicht weit flogen, liegt das meiste Strontium-90 in der 30-Kilometer-Sperrzone. Anders sieht es beim Cäsium-137 aus. Das Radiocäsium verdampfte wie das Jod, wurde vom Wind mitgerissen und kontaminierte weite Gebiete, trifft also große Bevölkerungsgruppen. Aber bei diesem Element kommt die Natur zur Hilfe. Neben dem physikalischen Zerfallsprozess wirkt noch ein anderer:

"Der zweite Prozess, der zur Abnahme der Radionuklide beiträgt, ist biogeochemischer Natur. In der Umwelt hat Cäsium-137 eine biogeochemische Halbwertzeit von acht bis elf statt 30 Jahren. Darunter verstehen wir, dass das Radiocäsium schnell in den Boden hinein wandert und dabei durch Tonminerale abgefangen werden kann, an denen es haftet. Das ist wichtig für die äußere Bestrahlung der Menschen. Sie sinkt, weil das Radionuklid im Boden verschwindet. Wie fest das Cäsium an die Tonminerale bindet, ist wichtig dafür, wie gut Pflanzen es wieder aufnehmen können. Das hängt vor allem vom Boden ab. In Sandböden bleibt das Cäsium mangels Tonmineralen besser verfügbar als in Tonböden. Aber der Effekt lässt sich durch Kalidüngung stark verringern, weil Kalium chemisch Cäsium ersetzt. "

Durch die Kalidüngung nehmen die Pflanzen also weniger Radiocäsium auf, erklärt Lynn Anspaugh von der University of Utah, und wo viel Strontium-137 liegt, schränkt das Kalken der Böden die Aufnahme über die Pflanzenwurzeln ein. Die meisten Agrarprodukte aus den belasteten Gebieten lägen unterhalb der Grenzwerte.

"Je mehr Zeit vergeht, desto fester binden die Tonminerale das Radiocäsium und desto weniger wahrscheinlich ist es, dass es noch einmal von Pflanzen aufgenommen wird."

19 Jahre nach dem Unfall müsse man umdenken, erklärt Jerzy Osiatynski von der UN-Entwicklungsorganisation UNDP. Das gilt vor allem für die kontaminierten Bereiche, aus denen die Menschen nicht evakuiert worden sind, weil die Belastung geringer war als in den Sperrzonen.

"Lösen wir diese Zonen auf! Den neuesten, wissenschaftlich vertrauenswürdigen Informationen zufolge sind in den meisten Gebieten keine besonderen radiologischen Schutzmaßnahmen mehr notwendig. Wir können dort den 1986 verhängten Status aufheben. Das gilt sogar für Teile der evakuierten Sperrgebiete. Zuvor sollten Maßnahmen ergriffen werden, die eine wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. "

Sprich: Hilfe zur Selbsthilfe. Allerdings sollte das Strahlungsniveau in den freigegebenen Gebieten wissenschaftlich fehlerfrei überwacht werden. Letzteres war nicht immer der Fall. Bleibt noch der Sarkophag, der 1986 in großer Eile und ohne genaue statische Berechnungen über dem Havaristen erbaut worden ist. Seine Stabilität bleibt unklar:

"Man hat sich große Sorgen gemacht, was passiert, wenn der Sarkophag zusammenbricht. Nun, wahrscheinlich nicht viel. Vermutlich würden nur die weiteren Arbeiten in der Sperrzone komplizierter, denn bei einem Zusammenbruch würde vor allem etwa 50 kg Staub aus Kernbrennstoff freigesetzt. Aber dieses Material bliebe in der 30 Kilometer Zone. "

So dass die Errichtung eines Endlagers in der Sperrzone, in dem große Mengen an hochaktiven nuklearen Abfällen sicher gelagert werden können, derzeit weit oben auf der Aktionsliste steht. Ohne dieses Lager hat der Rückbau des Sarkophags keinen Sinn, weil niemand weiß, wohin mit der strahlenden Altlast.

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