Sonntag, 05.04.2020
 
Seit 18:10 Uhr Der Abend
StartseiteTag für TagVom Treiben im Sand01.01.2020

Die Wüste Negev und die ReligionVom Treiben im Sand

Die Wüste ist ein magischer Ort. Das gilt erst recht für die Wüste Negev, zumindest für Juden und Christen. Sie ist die Wüste der Thora. Wie die biblischen Autoren - so verarbeitet auch der Schriftsteller Chaim Noll seine Erfahrungen in der Wüste. Wie ist die Wüste nun: schön oder schrecklich?

Von Andreas Main

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Wüste Negev (Deutschlandradio/Andreas Main)
Für Chaim Noll ist die Wüste Negev mehr als eine Wüste: ein spiritueller Ort, die Wüste der Thora. (Deutschlandradio/Andreas Main)
Mehr zum Thema

Schriftsteller Chaim Noll "Religion ist in Israel keine altmodische Sache"

70 Jahre Israel „Die Situation für Juden hat sich vollkommen verändert“

Religion im israelischen Wahlkampf "Ich kann mit allen Wahlsiegern leben"

Theologe Rudolf Otto Das heilige Geheimnis

Jesus und Judas im Werk von Amos Oz Das Evangelium nach Amos

Religion bei Samuel Agnon Schreiben aus der Erschütterung heraus

Religionsgeschichte "Der Wind weht, wo er will"

Ausstellung: "Sublim. Das Schaudern der Welt" Der schöne Schrecken der Natur

Poesie und Spiritualität "Gottes lebendiges Schweigen"

"Er wollte nichts Besonderes sehen oder erleben, nur den Bus wechseln auf seiner Fahrt in die Wüste, in die ödeste, am dünnsten besiedelte Gegend des Landes. Er hatte sich diese Fahrt lange vorgenommen, ohne genau zu wissen, warum. Gewiss, es war die ehrwürdigste aller Wüsten, die Wüste, durch die Gott sein Volk 40 Jahre lang geführt, wo er es erprobt und versucht, in der Hitze gedörrt und hart gebrannt hatte, bis es imstande war, über den Jordan zu gehen und das ihm Versprochene anzunehmen.
    Zugleich war es ein vernachlässigter Verwaltungsbezirk im Süden des Landes, deutlich eine Kulturstufe unter Jerusalem und der Zentralregion, mit Bewohnern, die hart arbeiteten in Kibbuzim, Siedlungen und Militärbasen, aber wenig Zeit, wenig Sinn dafür hatten, die einzigartige spirituelle Botschaft der sie umgebenden Landschaft zur Kenntnis zu nehmen."

Andreas Main: "Was ist die einzigartige spirituelle Botschaft der Landschaft?"

Chaim Noll: "Dass es sich genau um die Wüste handelt, von der in der Thora die Rede ist, also die Wüste, in der das Volk Israel 40 Jahre lang wandern musste, um die Qualifikation zu erlangen, das versprochene Land in Besitz zu nehmen. Und es ist natürlich so, wenn man hier lebt und hier praktischen und alltäglichen Dingen nachgeht, denkt man nicht ständig daran, dass das eben diese Wüste ist, die Thora-Wüste sozusagen. Und dieser Mann, um den es hier geht, der kommt aus Jerusalem und der fühlt sich nun berufen, den Menschen hier im Süden zu erklären, dass sie nicht bloß in irgendeiner Sandlandschaft leben unter ihren praktischen, ihren Bewässerungsfragen und so weiter, sondern dass sie eben in der Wüste leben, in der Thora-Wüste."

So wie Chaim Noll. Der deutsch-israelische Schriftsteller lebt mit und in dieser Wüste. Er lebt und liebt und fürchtet die Wüste. Und wie für seine Roman-Figur ist für ihn die Wüste Negev auch mehr als eine Wüste.

"Und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte." Aus dem biblischen Buch Hiob.

Die Wüste spüren

"Es gibt Menschen, zu denen die Wüste nicht spricht" sagt Noll. "Ich habe das erlebt, dass jemand herkommt, sich eher belästigt fühlt von dem vielen Sand, von dem zu grellen Licht, von dem Fehlen vieler Infrastruktur, die er aus der Großstadt kennt. Und da kann man auch nicht viel machen. Das ist eben in jedem Menschen angelegt, ob er die Wüste spürt als ein besonderes Erlebnis oder nicht."

Die Wüste Negev (Deutschlandradio / Andreas Main)Sandformationen in der Wüste Negev (Deutschlandradio / Andreas Main)

Chaim Noll spürt sie - aber er kennt auch die Großstadt. Er kennt Ost-Berlin, die Hauptstadt der DDR. Er kennt das vereinte Berlin und Rom und Tel Aviv. Dort überall hat er gelebt - um dann mit all dem zu brechen und nach Sde Boker zu ziehen, in ein Wüstendorf, das auf den ersten Blick einfach und ärmlich wirkt. Hier in Sde Boker leben Forscher, die entscheidende Durchbrüche erzielt haben - etwa bei der Entwicklung von Solaranlagen oder der Meerwasserentsalzung. Hier dreht sich alles um die Wüste. Die Wüste zum Blühen bringen, das wollte schon der Gründer des Staates Israel. Auch David Ben-Gurion hat immer wieder hier gelebt, im Kibbuz Sde Boker. Und er ist hier begraben.

Von hier aus es ist möglich, in die Wüste zu wandern. Von hier oben weitet sich der Horizont hinein in die Midbar Zin, die biblische Wüste Zin, eine Steinwüste im Negev, in Israel. Hier im Wüstenort Sde Boker spielt auch der Roman "Die Synagoge" von Chaim Noll.

"Er fühlte sich fremd an diesem Ort, fremd bis zur Verlorenheit, doch das gehörte dazu, war in Ordnung, war geradezu vorschriftsmäßig, "wie es im Buche steht". Der Ort musste abweisend, ungemütlich, unzumutbar sein bis zur Grausamkeit. So war er beschrieben im göttlichen Buch."

"Also, auf mich hat die Wüste eine stark therapeutische Wirkung – auf viele Menschen. Auch Menschen aus anderen Teilen Israels kommen ständig hier in den Süden aus diesem Grund, weil so ein Tag in der Wüste enorm erfrischt seltsamerweise, enorm aufbaut. Man ist plötzlich Dimensionen ausgesetzt, einer Offenheit ausgesetzt, einem Himmel ausgesetzt, der heilsame Wirkung hat offenbar."

Von Ost-Berlin bis in den Süden Israels

Chaim Noll wird 1954 geboren - als Hans Noll. Er wächst in Ost-Berlin in einer atheistischen Familie auf. Sein Vater ist der Schriftsteller Dieter Noll. Der Sohn opponiert gegen die DDR-Elite und ihre Privilegien, mit denen er aufwächst. Er opponiert gegen die Nationale Volksarmee, verweigert den Wehrdienst, stellt einen Ausreiseantrag.

1984 siedelt er mit zwei Kindern und seiner Frau Sabine Kahane nach West-Berlin über. Sie haben beide jüdische Wurzeln und ziehen dann in den Süden: erst nach Rom, dann nach Tel Aviv – und dann noch weiter: eben in den Süden Israels, in die Wüste Negev.

Chaim Noll in der Wüste Negev in Israel (Deutschlandradio / Constanze Meyer)Chaim Noll lebt seit über 20 Jahren in der Wüste Negev in Israel (Deutschlandradio / Constanze Meyer)

Aus dem Ost-Berliner wird ein Israeli. Aus Hans Noll wird Chaim Noll, ein religiöser Jude, der Kippa trägt. Und anders als bei vielen israelischen Schriftstellern spielt die Religion in seinem Werk eine Rolle. Auch im Roman "Die Synagoge", erschienen im "Verbrecher Verlag".

"Die Wüste hatte schon nördlich der Stadt begonnen, allmählich waren Bäume und Gewächse spärlicher geworden, der Sand allgegenwärtig, traf die brennende Sonne auf immer weniger Widerstand, immer weniger schattige Stellen. Doch erst hier, auf der Chaussee nach Süden, zeigte sie sich in ihrer ganzen Erbarmungslosigkeit. Wüste, endlos groß und furchteinflößend, ha midbar ha gadol ve ha norah, wie er mit spürbarem Schauder zum hundertsten Mal, seit er sie erstmals bewusst gelesen, die hebräischen Worte wiederholte."

"Alleinsein mit nichts als Naturgewalten"

Main: "Was macht uns Schaudern? Was löst das aus in uns kleinen Menschlein, diese Wüste?"

Noll: "Ja, das Gefühl unserer Kleinheit, unserer Schwäche, unserer Verlorenheit in der Welt. Das sind auch die Themen, die Sie in der Literaturgeschichte zum Thema Wüste finden. Zum Beispiel das Gefühl der Einsamkeit. Da gibt es nun im 20. Jahrhundert interessante Autoren, die dem widersprechen. Also, Saint-Exupéry beispielsweise behauptet allen Ernstes, er hätte sich in der Großstadt einsamer gefühlt als in der Wüste. Da ist auch etwas dran, ja. Man kann solchen Gedanken nachgehen und tatsächlich dadurch auch den Schrecken der Wüste mildern, dass man sich sagt, es ist auch anderswo schrecklich. Aber die Wüste ist natürlich das elementare Erlebnis des Menschen des schwachen Alleinseins in der Welt mit nichts als Naturgewalten, denen er sich nicht gewachsen fühlt."

"Und die ganze Gemeinde der Israeliten zog aus der Wüste Zin weiter ihre Tagereisen, wie ihnen der Herr befahl, und sie lagerten sich in Refidim. Da hatte das Volk kein Wasser zu trinken. Und sie haderten mit Mose und sprachen: Gib uns Wasser, dass wir trinken.
    Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den Herrn? Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?" Aus dem zweiten Buch Mose.

"Einsicht in das Wesen der Welt"

Chaim Noll hat immer wieder Streifzüge unternommen durch die Wüste. Zum einen physisch, wandernd. Aber auch geistig lässt er sich treiben im Sand. Diese Landschaft ist und bleibt für diesen Wanderer zwischen den Welten widersprüchlich. Sie lässt sich nicht festlegen. Wüste ist für Chaim Noll nicht einfach nur schön oder einfach nur schrecklich. Wüste ist mehr.

Jemand liest Chaim Nolls "Die Synagoge" in einer Hängematte in der Wüste (Deutschlandradio / Andreas Main / Verbrecher Verlag)Lesen in der Wüste (Deutschlandradio / Andreas Main / Verbrecher Verlag)

"Links folgten immer noch geduckte Hütten, schwarze Zelte, wiederkäuende Kamele, aufgestapelte Ballen von gepresstem Heu, auf der rechten Seite spannte sich leere Sandwüste, warm und anheimelnd. So empfand er, zu seiner eigenen Verwunderung. Vielleicht, weil der Sand fein und golden war wie Sand am Meer. Wie Sand der Kindertage. Sand, um ihn durch die Finger rinnen zu lassen, sich bäuchlings hinein zu legen, das Glücksgefühl eines Tages am Strand auszukosten.
    Im nächsten Augenblick war alles verschwunden, Fabriken, Zelte, Menschen. Wohin man sah, tat sich rein und bloß die Wüste auf. Jetzt anders als vorher, steinig und hügelig, von kriechenden blassgrünen Kräutern bewachsen. Der Sand gröber, härter, gesprenkelt mit Steinbrocken verschiedener Größe.
    Der Schauende folgte der gleitenden Auf- und Abbewegung der flachen Hügel am Straßenrand und stellte fest, dass dieses trockenstarre Land vom Wasser geformt war. Die ausgetrockneten Betten kleiner Abflüsse, Bäche, Rinnsale, ihre Vereinigung zu größeren, durch die Sandhügel mäandernden Bahnen, die Unterspülungen, Einbrüche und Auswaschungen gaben den Erdmassen ihre Form.
    Hier fiel selten Regen, doch wenn es einmal regnete, waren gewaltige, katastrophische Wassermassen am Werk. Das Wasser brach sich Bahn, schuf sich Wege, spülte aus, zerschnitt, zerklüftete, bewegte Steine, sprengte Felsen.
    Und indem er es wahrnahm und darüber staunte, war ihm zumute, als hätte er bedeutende Einsicht genommen in das Wesen der Welt."

"Ein verletzliches Wesen, das jeden Augenblick sterben kann"

Main: "Einsicht in das Wesen der Welt. Welche Einsicht meinen Sie?"

Noll: "Ja, wir verstehen hier, dass unser Leben ein ‚Trotzdem‘ ist, also, dass wir trotz der Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, es irgendwie schaffen, am Leben zu bleiben. Das spürt man in der Wüste sehr stark. Das sieht man eben auch in der Landschaft, weil die Art, wie beispielsweise das Wasser den Boden behandelt und zerstört, die Strukturen zerstört, einem zeigt, wie einander gegenüberstehende Kräfte miteinander umgehen, dass sie sogenannten Schaden anrichten, dass sie eben den anderen verformen und möglicherweise auch zerstören. Und das spüren sie sehr stark in der Wüste. Sie sind ein zerstörbares, verletzliches Wesen, das jeden Augenblick sterben kann, einfach aufgrund der Umwelteinwirkungen, die wir hier haben. Und das spüren sie in der Stadt natürlich nicht so. Hier in der Wüste ist es aber so, dass man plötzlich genug Muße hat und genug freien Raum, um sich bewusst zu machen, wie gefährdet man ist."

Die Wüste Negev (Deutschlandradio / Andreas Main)Noll meint: „Wir verstehen hier, dass unser Leben ein ‚Trotzdem‘ ist“, ein Leben der Lebensfeindlichkeit zum Trotz. (Deutschlandradio / Andreas Main)

Seit Chaim Noll in den Negev gezogen ist, denkt er nach über die Wüste. Also seit rund einem Vierteljahrhundert. Das Ergebnis dieses langen Nachdenkens erscheint nun - im März 2020 - in der Evangelischen Verlagsanstalt. Chaim Nolls Opus Magnum über die Dichter, die Denker und die Wüste hat den Titel: "Die Wüste. Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen".

Und heute? Wüsten und Steppen breiten sich aus. Wüstenbildung führt in vielen Teilen der Welt dazu, dass Menschen fliehen. Noll ist überzeugt: Wir müssen uns intensiver mit der Wüste als Landschaft und als Schauplatz historischer Entwicklungen beschäftigen. Und so ist sein jüngstes Werk auch rund 800 Seiten stark geworden. Die Wüste ist nun mal ein weites Feld.

Zwischen Anfang und Ende

"Die Wüste ist sehr romantisch, für mich jedenfalls und nicht nur für mich, immer wieder für Menschen gewesen in der Geschichte, auch in der Literatur schlägt sich das nieder", sagt Noll. "Das ist schon ein Ort von großer spiritueller Inspiration - auf allen möglichen Gebieten. Es kann auch was Praktisches sein. Ja, es kann auch wissenschaftlich und in Fragen der Landwirtschaft und so weiter sein, aber auf jeden Fall ist die Atmosphäre hier sehr inspirierend."

"Er füllte die Leere mit Bildern. Das ging wahnsinnig schnell. Ein Zauber. Man konnte nicht hinaus starren in diese Hügelketten, alle aus dem gleichen blassen Sand, ohne etwas zu sehen. Zunächst waren es Metaphern des Endes, des Abschieds. Der westliche Mensch fühlt sich dem Ende nahe, dabei ist jedes Ende Anfang. Ihm war, als verstünde er zum ersten Mal den inneren Zusammenhang zwischen Vergehen und Beginnen, Tod und Leben. Das zyklische Prinzip unseres Daseins."

"Und dann haben Sie nach wenigen Tagen dort plötzlich blühendes Leben. Es ist alles in der Erde vorbereitet. Die Samen sind dort. Die Pflanzen sind in schlafender Form, in ruhender Form sozusagen vorhanden. Sie müssen nur Wasser dazugeben. Das ist die Rolle des Menschen in der Wüste, dass er sozusagen der Wassergeber ist. Sonst ist schon alles da. Und dann kommen plötzlich die Wüstentulpe und die Wüstennarzisse und andere wunderbare Pflanzen, wo man nie im Traum gedacht hätte, wenn man das im Sommer sieht – alles tot und kahl gebrannt – dass im Frühjahr hier sich solche Pracht entfalten kann."

Eine kleine, blühende Pflanze wächst aus Rissen im Wüstenboden (Deutschlandradio / Andreas Main)Eine kleine, blühende Pflanze wächst aus Rissen im Wüstenboden (Deutschlandradio / Andreas Main)

"Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen." Aus dem Buch Jesaja.

"Im ersten Winter, in einer heute nicht mehr vorstellbaren Stille, sind sie oft über Mittag eine Stunde in die Wüste gelaufen, in warmer, liebkosender Luft, entzückt vom Treiben im Wüstensand zu ihren Füßen, Käfer und andere winzige Tiere zwischen Sprossen zarter Pflänzchen, ein aus der rissigen Erde hervor schimmerndes Leben, das die Landschaft demnächst, einige Frühjahrswochen lang, mit zauberischem Grün überziehen würde."

"Ohne Gesetz ist die Wüste Wildnis und Faustrecht"

Dieser Zauber, diese Pracht, das hervor schimmernde Leben hat schon jene Gruppen fasziniert, die hier vor tausenden Jahren unterwegs waren. Damals war eine solche Wanderung existenzbedrohend. Eine Erfahrung, die in der Bibel verarbeitet wird:

"Das ist natürlich auch ein elementares Gefühl, das man auch hat, wenn man in eine Wüste kommt, dass man sofort sieht: Hier kann ich allein nicht überleben", sagt Noll.

Hier - in einer Wüste - gilt es zusammenzuhalten, verbindlich und verlässlich zu sein, sich abzusichern, Regeln zu akzeptieren.

Noll: "Das ist auch einer der Gründe, warum wahrscheinlich die großen monotheistischen Religionen, die ja zugleich Gesetzeswerke sind, in der Wüste entstanden sind: weil man eben, um in der Wüste zu überleben, bestimmte Formen des menschlichen Zusammenlebens, bestimmte Strukturen des Lebens schaffen muss, wozu ein Gesetzeswerk nötig ist. Sie können hier eigentlich ohne Gesetz nicht überleben. Ohne Gesetz ist die Wüste Wildnis und Faustrecht. Also das, was wir zum Beispiel in Syrien erleben, wenn der Gesetzgeber nicht mehr die Macht hat, die Wüste zu regulieren, dann herrscht dort die blanke Wildnis auch unter Menschen, ja. Dann werden Frauen geraubt und dann herrscht das Faustrecht. Dann wird der Schwächere vom Stärkeren erschlagen. Also, das ist ja eigentlich Natur. Und das ist eigentlich auch Wüste. Und, wenn man in eine Wüste kommt und in die Wüste schaut, spürt man sofort die ungeheure Gefahr, die von dieser Wüste ausgeht, und andererseits dann auch die Verlockung, ihr zu widerstehen."

"Es gibt in der antiken Welt nichts Klügeres, nichts Menschlicheres als das Gesetz der Thora"

"Wüste ist Weitblick. Er war schon in Amerika gern in die Wüste gefahren. Doch keine glich dieser, in der alles Nennenswerte begonnen hatte, alles, was in den Büchern steht, alles, worauf wir in dieser Welt bauen können."

Alles worauf wir bauen können, sei in dieser Wüste entstanden. Davon ist nicht nur diese Figur im Roman "Die Synagoge" überzeugt. Auch Chaim Noll, der sie erfunden hat, sagt als religiöser Jude:

"Dieser Mann ist eben der Meinung, wir können auf das in der Wüste erlassene Gesetz der Thora bauen. Er ist religiöser Jude und geht davon aus, dass das das beste und wichtigste Gesetz ist, das die Menschheit bisher hatte. Und die Gesetze der Moderne, auf die wir so stolz sind, die Gesetze der bürgerlichen westlichen Gesellschaft, wenn sie genau hinschauen, nehmen ihre entscheidenden Anregungen tatsächlich aus dem Gesetz der Thora. Das ist das menschlichste Gesetz unter den alten Religionen. Deswegen hat es auch überlebt. Deswegen haben Juden und Christen sich so dafür eingesetzt, dieses Gesetz zu erhalten, auch viel dafür gelitten. Es haben ja auch viele Christen dafür gelitten. Nicht nur Juden. Die sowieso, aber auch viele Christen, weil ihnen eben dieses Gesetz so viel wert war und weil es sie so sehr überzeugt hat. Und Sie werden immer wieder Menschen finden, denen es so geht. Es gibt in der antiken Welt nichts Klügeres, nichts Menschlicheres. Und die Grundzüge dessen, worauf wir heute so stolz sind in der westlichen Gesellschaft, was wir uns aufgebaut haben an Freiheit, Demokratie und so weiter: Sie finden alles in der Thora."

Die Wüste Negev (Deutschlandradio / Andreas Main)Der Exodus der Juden, der Weg in die Freiheit, ist untrennbar mit der Wüste verbunden (Deutschlandradio / Andreas Main)

"Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN,
die er aus der Not erlöst hat,
die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden.
Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege,
und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten."
Psalm 107.

Überleben durch Gottes Hilfe

Immer wieder werden mit der Wüste also auch Hoffnungsperspektiven verbunden. Die Wüste ist für religiöse Menschen, egal welcher Konfession, ein Ort der Gottesbegegnung. Die Wüste ist ein Ort des Sterbens und des Neubeginns. Des Neuanfangs.

Auch der Exodus der Juden, der Weg in die Freiheit, ist untrennbar mit der Wüste verbunden. Ein Volk zieht durch die Wüste in ein Land, das ihm versprochen ist, so die Glaubensüberzeugung. Das wird bis heute von Juden und Christen gefeiert und erinnert.

"Schon aus dem Grund, weil es ja nur die göttliche Hilfe ist, die dem Volk Israel das Überleben hier möglich machte. Also, es wird immer wieder betont, dass die Wüste schrecklich ist, ja, das ist eine Formulierung beispielsweise. Und dann werden alle möglichen Gefahren der Wüste bis hin zu Skorpionen und anderen Tieren und Schlangen aufgeführt, damit immer im Bewusstsein bleibt, dass das eigentlich ein lebensgefährlicher Ort ist und nur durch die Hilfe des gesetzerlassenden Gottes, der eben das rettende Gesetz erließ, das Überleben möglich war", sagt Noll.

"Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.
    Das Wild des Feldes preist mich, die Schakale und Strauße; denn ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten." Aus dem Buch Jesaja.

"Diese Landschaft, so still und selbstversunken sie ist, hat viel Schrecken gesehen und Sterben, damals wie heute. Und viel Durchhalten, Überleben. Beginnen. Wunderbares Auferstehen. Allein das Wissen um dieses Auf und Ab gibt Hoffnung. Der Anblick der verbrannten, verödeten Landschaft, die schwanger ist mit neuem Leben."

Chaim Noll: "Die Synagoge"
Verbrecher Verlag, 448 Seiten, 29 Euro.

Chaim Noll: "Die Wüste. Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen"
Evangelische Verlagsanstalt. März 2020.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk