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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie zärtliche Gleichgültigkeit der Welt30.09.2013

Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt

Iris Radisch:"Camus. Das Ideal der Einfachheit". Rowohlt

Albert Camus, Nobelpreisträger und einer der großen Existenzialisten: In diesem Jahr wäre er 100 geworden. Zu diesem Anlass hat die Literaturkritikerin Iris Radisch eine Biografie geschrieben, die den Weg der Halbwaise Camus zum Starphilosophen nachzeichnet.

Von Ulrike Westhoff

Den Kragen im Stil von Bogart hochgeklappt: Albert Camus.
Den Kragen im Stil von Bogart hochgeklappt: Albert Camus.

Profund und eloquent raut die Literaturkritikerin Iris Radisch die Oberflächen zwischen Albert Camus’ Werk und Leben neu auf. Was für eine Fülle an Informationen, die sie da zusammengetragen hat, viele kleine Details, welche die Biografin aus Briefbänden, Camus’ Tagebüchern, langen Gesprächen mit den Kindern, Catherine und Jean und den beiden wichtigen Biografien von Herbert Lottmann und Olivier Todd herausgeschält hat - ohne sich darin zu verlieren. Vielmehr spürt Radisch der komplexen Existenz des Philosophen nach, indem sie in zehn Kapiteln den Begriffen folgt, die Camus für die wichtigsten seines Lebens hielt: die Mutter, der Sommer, der Schmerz, das Meer, das Elend, die Welt, die Ehre, die Menschen, die Erde, die Wüste.

"Wenn man die Werke von Camus liest, begegnen die einem ständig. Auch in den Tagebüchern kann man fast auf jeder Seite, wie ich es sage, diese magischen Wörter finden."

Literatur ist nicht dabei, auch die Wörter Ruhm, Frauen, Kampf oder Erfolg fehlen, obwohl sie für ihn so wichtig waren, jedenfalls in seiner zweiten, der französischen Lebenshälfte. Geboren wurde Albert Camus am 7. November 1913 im kolonialisierten Algerien. Sein Vater fiel im Ersten Weltkrieg, als der Sohn gerade ein Jahr alt war. Die Mutter war durch einen Unfall taub geworden und bis an ihr Lebensende Analphabetin. Nach dieser ärmlichen Welt seiner Jugend, diesem "Ideal der Einfachheit", so Radischs Befund, sehnte Camus sich immer wieder zurück, auch als er längst der Pariser-Starphilosoph mit hochgeschlagenem Mantel à la Humphrey Bogart war und den Literaturnobelpreis gewonnen hatte. Virtuos verknüpft die Autorin diese zwei für Camus unversöhnlichen Welten, die seine Lebenskämpfe entfesselten. Im Kapitel "Die Welt" nimmt sie sich seinen Erstling "Der Fremde" vor, der die Zerrissenheit besonders deutlich spiegele:

"Es sind die beiden Pole seines Lebens, die Camus in seinem ersten Roman wie zwei Züge mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zurasen lässt. Zwei Menschen sterben bei diesem Zusammenstoß: der arabische Ureinwohner und der französische Kolonist – und mit beiden der Traum, dass es eine Versöhnung zwischen Traditionalismus und Moderne, Orient und Okzident, zwischen Frankreich und dem Maghreb und auch zwischen den zwei Leben des Schriftstellers Albert Camus geben könnte."

Der Roman macht Camus 1942 mit einem Schlag berühmt. Zwei Jahre zuvor war er ins mondäne Paris übergesiedelt. Mittlerweile ist er in der Résistance aktiv. Seine Hauptfigur Meursault, der absichtslose Mörder, ist kein schlechter Mensch, mehr ein sehr kalter Engel, der sich gesellschaftlich verordneten Gefühlen verweigert. Erst kurz vor der Guillotine taut er auf, hat die Sinnhaftigkeit für ihn endlich ein Ende, wie Radisch schreibt.

"Und als sei das Absurde ein Gott, der sich von Zeit zu Zeit in seiner erhabenen Sinnlosigkeit offenbart, öffnet der Todeskandidat sich ‚zum ersten mal' – so die legendäre Formulierung – ‚der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt‘."

Dieser Schluss markiert literarisch den Anfang der Idee des Absurden. Gleichzeitig wird das Entfremdungsgefühl der Figur zur Kollektiverfahrung ganzer Generationen,

"die sich in der westlichen Mainstreamkultur oder im totalitären System ihrer Heimatländer unbehaust fühlen und ihre Gegenwart absurd nennen werden. ‚Der Fremde‘ wird ein Kultbuch."

Es soll nicht das einzige bleiben. "Die Pest" aus dem Jahr 1947, ebenfalls eine stark biografisch geprägte Allegorie auf Faschismus und Krieg, wird einer der erfolgreichsten Romane der Nachkriegsliteratur. Doch seinen vermutlich berühmtesten Gedanken formuliert Camus in dem politischen Essay "Der Mythos des Sisyphos". Jener Held aus der griechischen Mythologie, der von den Göttern dazu verdammt wurde, einen Fels bis in alle Ewigkeit einen Berg hinauf zu wälzen, der auf dem Gipfel wieder herunterrollt. Für Camus ein glücklicher Mensch, weil er die Sinnlosigkeit akzeptiere. Sein Schicksal auf diese Weise anzunehmen, darf man zum Zeitpunkt der Veröffentlichung - 1942 - zweifelsohne zynisch finden: Aus dem besetzten Paris transportiert die Gestapo gerade die ersten Juden nach Auschwitz. Doch nicht nur an diesem Punkt stellt Radisch klar, man müsse Camus – und hier unterscheidet sie sich von der herkömmlichen Rezeption - nicht als Dichter und Denker der Pariser Intelligenzija lesen, sondern als Autor, der seine algerischen Wurzeln zum Fundament seiner Philosophie erhebt.

"Das Gefühl des Absurden wurde in der Nacht geboren, in der für den lungenkranken Oberschüler in Algier die Welt zerfiel. Aus dem Zusammenbruch geht eines der wichtigsten Paradoxa Camus’ hervor – eine Lebensintensität, die stärker ist als alle Sinnversprechen.

Bei dem 16-Jährigen wird Tuberkulose diagnostiziert. Camus und der Tod stehen einander gegenüber. Dazwischen gibt es nichts, kein Heilsversprechen, keine Erlösung. Er sei fundamental unchristlich gewesen, so Radisch. Camus entscheidet sich für das Leben, aber nicht für das Dulden im Sinne Schopenhauers. Also darf das Glück im Hier und Jetzt um keinen Preis auf später verschoben werden. Daraus entwickelt der Philosoph in "Der Mensch in der Revolte" einen strengen Moralismus, der sich jegliche Zweck-Mittel-Relation verbietet und den sein Widersacher Sartre nicht verträgt. Schließlich ist er es, der Stalins Gulag als notwendiges Übel hinnimmt. Fast zwangsläufig kommt es zum Bruch.

Camus‘ Denken, für das er im Jahrhundert der Totalitarismen immer wieder belächelt wurde, liest sich mit hoher Aktualität. Auch deshalb ist Radischs Biografie unbedingt lesenswert. Denn heute sind es weniger Systeme, Parteien oder die Kirche, die dem Leben einen Sinn geben.

"Wir wissen ganz genau, dass wir nicht mehr in festen Systemen Probleme lösen können, sondern dass wir sozusagen einzeln oder föderal oder für die Würde des einzelnen Menschen handeln müssen und das nicht im Namen von großen Prinzipien tun können."

Und damit schließt sich der Kreis bei Camus, denn er bekommt heute mit dem Recht, was er vor mehr als siebzig Jahren schrieb: Ein glückliches Leben ist nur durch die Revolte des Einzelnen zu erlangen.


Iris Radisch: "Camus. Das Ideal der Einfachheit."
Rowohlt, 352 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3498057893

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