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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Zukunft des Wassers11.07.2010

Die Zukunft des Wassers

Eine Reise um unsere Welt

Das Wasser hat Erik Orsenna mitgerissen, gesteht es der Autor in seinem Vorwort. Und so geht er in seinem Buch "Die Zukunft des Wassers" der Frage nach, ob im 21. Jahrhundert genügend Wasser für neun Milliarden Menschen da sein wird. Auf der Suche nach der Antwort unternimmt er eine Reise um die Welt, an deren Ende der Leser viele Denkanstöße erhalten und Menschen auf fünf Kontinenten kennengelernt haben wird.

Von Erik Orsenna

Aber die Reise beginnt in der Vergangenheit, am Vorabend der Französischen Revolution, als Antoine-Laurent de Lavoisier in seinen Experimenten der Natur des Wassers nachspürte. Dann springt Orsenna in die Gegenwart, nach Australien, dem Kontinent, in dem der Wassermangel schon am deutlichsten zu spüren ist. Dort trifft er Menschen, die alle irgendwie mit Wasser zu tun haben. Ingrid Orfali beispielsweise, eine promovierte Sprachwissenschaftlerin, die erst als Fotografin international Karriere machte, um dann als Rinderfarmerin im Outback mit Hightech-Wasserbecken den verzweifelten und wohl aussichtslosen Kampf gegen die ewige Dürre führt.

Es sind Begegnungen wie diese, die den Reiz des Buches ausmachen. Etwa die mit Doktor Balakrish Nair, der in Indien gegen die Cholera zu Felde zieht und dessen Mitarbeiter Orsenna in die Behausungen der Armen führen: zwölf bis fünfzehn Quadratmeter für acht oder neun Personen. Fünf Familien teilen sich Wasserstelle und Plumpsklosett direkt daneben. Cholera-Erreger haben leichtes Spiel, und deshalb versuchen die Ärzte Tag für Tag, den Menschen mit einfachsten Mitteln zu helfen. Etwa mit Hygieneregeln, indem sie ihnen immer und immer wieder die Vorzüge langhalsiger Gefäße fürs Waschen erklären: Man kann dann seine schmutzigen Hände nicht einfach in den Eimer tauchen, in dem das Trinkwasser steckt. Allerdings wäre es eine gute Idee, die Eimer selbst auszutauschen, denn sie würden "eine europäische Kaulquappe anwidern." Schwarzer Humor gehört auch zu Erik Orsennas Schreibstil.

Dann geht es gleich weiter im Kaleidoskop der Erzählungen. Herr Gao Erkun ist Generaldirektor für Wasser im chinesischen Ministerium für hydrologische Ressorcen. Er möchte Chinas Flüsse zähmen, damit sie nicht in tödlichen Überschwemmungen über die Ufer treten, sondern brav die Felder bewässern und für Strom sorgen. In Bangladesh leben Menschen auf Nomadeninseln, instabilen Eilanden, die nur aus Sand bestehen und die nach jedem Taifun verschwunden sein können - mit allem, was sich darauf befand. Wassernot, so lehrt Orsenna den Mitteleuropäer mit seinen Erfahrungen aus einer gemäßigten Klimazonen, bedeutet eben nicht nur Trockenheit, sondern auch Überschwemmungen.

Und er wendet sich nicht nur der zerstörerischen Seite des Wassers zu. Es ist vor allem lebensnotwendig, und es prägt Landschaften und Kulturen - so wie Ägypten ein Geschenk des Nils ist. Und so erfährt, wer Orsenna auf seiner Weltreise folgt, dass der Kampf ums Wasser eines der großen Themen der Menschheitsgeschichte ist, ein Thema mit immer neuen Facetten. Etwa der moderne Kampf gegen die Wassernot, der in Israel mit Tröpfchenbewässerung und in Hightech-Forschungsinstituten ebenso geführt wird wie in Australien, wo eine Ministerin versucht, das vertrocknende Agrarland neu zu erfinden. Oder in Frankreich, wo alle Interessengruppen in Wasserparlamenten versuchen, zu Kompromissen bei der Wassernutzung zu kommen. In Singapur entwickelt der Leiter der Wasserbehörde tollkühne Pläne für die Versorgung seiner Bevölkerung, in China wird die Natur dem Machbarkeitswahn unterworfen. Die raumgreifende Kunst, Meerwasser zu entsalzen wird erläutert oder die, mit Plastikfolien den Tau einzufangen. Damit werden in einer indischen Dorfschule jeden Morgen fünfzehn bis 110 Litern gewonnen - Wasser, das das Leben der Menschen verändert, so wenig es auch zu sein scheint. Dort ist jeder Tropfen wichtig.

"Die Zukunft des Wassers" ist ein Sachbuch - allerdings eines, das mehr über Assoziationen arbeitet als über detailverliebte Fakten. Alles wird in Geschichten und Geschichtchen gepackt, die am Ende des Buches das Bild ergeben, das dem Autor wichtig ist: dass Wasser stets in Kreisläufen fließt, dass das Abholzen hier die Wassernot dort bedeutet, dass gerade die entwickelten Länder das wertvolle Gut besonders fahrlässig verschwenden - beispielsweise in Form jenes "virtuellen" Wassers, das sich ganz real hinter Fleisch oder Gemüse verbirgt. Eine Tonne Tomaten bedeuten 100 Tonnen Wasser - und wenn diese Tomaten aus Spanien oder dem Maghreb in Nordfrankreich oder Deutschland verkauft werden, dann bedeutet das nichts anderes als einen Wasserexport von dort, wo es Mangelware gibt in eine Region, in der es reichlicher zur Verfügung steht. Selbst wer Fisch aus dem Mittelmeer isst, trägt zur Verschärfung der Wasserkrise in dieser Region bei, weil die armen Menschen Nordafrikas, die früher Fisch gegessen haben, zunehmend auf Ziegenfleisch ausweichen müssen, wenn sie nicht unter Proteinmangel leiden wollen.

Für das deutsche Publikum, das eher mit dem angelsächsischen Sachbuchstil vertraut ist, ist der sehr französische Stil Orsennas gewöhnungsbedürftig. Der Autor schreckt selbst vor Anleihen in der Welt der Fabeln nicht zurück, wenn er sprechenden Kühen begegnet. Aber das ist amüsant.

Dann führt Orsenna noch etwas anderes aus: Für ihn liegt das wichtigste Problem für die Versorgung der Weltbevölkerung darin, dass weltweit die Anbaufläche immer knapper werden. Vermutlich ist das das Thema des nächsten Buches: die Zukunft der Böden.

[Besprochen von Dagmar Röhrlich]

Erik Orsenna: Die Zukunft des Wassers - Eine Reise um unsere Welt
ISBN: 978-3-406-59898-2
Beck-Verlag, 319 Seiten, 21,95 EUR

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