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StartseiteForschung aktuellDie Zukunft erschnüffeln11.10.2006

Die Zukunft erschnüffeln

Orakel von Delphi gibt Geologen Anlass zur Debatte

Geologie. - Mehr als tausend Jahre gehörte das Orakel von Delphi zu den wichtigsten religiösen Zentren im antiken Griechenland. Einmal im Monat nahm die Priesterin, die Pythia, ihren Platz im Keller des Apollo-Tempels ein. Sie soll auf einem Dreibein über einer Erdspalte gesessen und dort mit Hilfe von Gasen Verbindung zu den Göttern aufgenommen haben. Heute debattieren Wissenschaftler darüber, ob der Tempel vielleicht nicht zufällig an diesem Ort steht und ob hinter dem Orakel von Delphi ein geologisches Phänomen steckte.

Von Dagmar Röhrlich

Die Ruinen des Orakels von Delphi (AP)
Die Ruinen des Orakels von Delphi (AP)
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Deutlich hatte die Pythia ihn gewarnt: Sein Sohn Ödipus werde ihn ermorden. Obwohl Laios das Baby mit durchstochenen und zusammengebundenen Füßen im Gebirge aussetzen ließ, entging er seinem Schicksal nicht. Wie sollte er auch, schließlich kam die Prophezeiung direkt von den Göttern. Mit ihnen trat die Pythia in Verbindung, indem sie über einer Erdspalte im Apollo-Tempel Dämpfe einatmete, die aus dem Boden quollen. Jahrtausende später suchten Archäologen diese Erdspalte - und fanden nichts. Also wurde die Geschichte mit den Dämpfen ins Reich der Mythen verbannt - bis amerikanische Geologen nachwiesen, dass der Apollo-Tempel an einem besonderen Ort steht. Jelle de Boer von der Wesleyan University in Middletown, Conneticut:

" Vergleicht man den Tempel mit anderen griechischen Bauwerken, erscheint er ungewöhnlich. Viele Menschen haben sich gewundert, warum er gerade so gebaut worden ist. Nun, geologisch gesehen steht er genau über einer Zone, an der die Erdkruste auseinander gerissen wird. Dort steigen an dieser Störung Gase und Quellwasser auf. Sie sind der Grund, warum sich dort das religiöse Zentrum entwickelte. "

Der Untergrund von Delphi besteht aus Ablagerungen, die sich in einem tropischen Meer bildeten. In diesem Meer lebten zahllose Mikroorganismen, die zum Ausgangsmaterial für Erdöl und Erdgas wurden. Was in Saudi-Arabien riesige Lagerstätten bildet, reichte in Delphi nur für einen schwachen Gasstrom. Und diese Kohlenwasserstoffe sollen es sein, die die Pythia in Trance versetzten. De Boer:

" Wir dachten zuerst, dass große Gasmengen aus dem Untergrund geströmt sein müssen, aber das stimmt nicht. Bei einem kleinen Raum mit einer niedrigen Decke braucht man keine hohe Gaskonzentration. "

2001 veröffentlichte de Boer, dass die Pythia unter dem Einfluss von Ethylen gestanden habe: einem süßlich riechenden Gas, das auf das Nervensystem narkotisierend wirkt und euphorische Stimmungen verursacht. De Boer hatte Spuren dieses Gases in Gesteinen im Raum der Pythia gefunden. Jetzt widersprechen italienische Geologen dieser Hypothese massiv, erklärt Giuseppe Etiope vom Istituto Nazionale di Geophysica and Volcanologia in Rom:

" Kohlenwasserstoff-Experten halten diese Hypothese für - sagen wir - sehr extravagant. Der Grund ist, dass das Ethylen nur dann neurotoxisch wirkt, wenn es konzentriert ist - konzentrierter, als es natürlich vorkommen kann. So viel kann im Erdgas nicht sein, es wäre eine geologische Absurdität. "

Etiopes Gruppe hat gemessen, welche Gase in der Luft und im Wasser zu finden sind.

" Wir sind losgezogen und haben uns die geologische Situation in Delphi angesehen. Wir habe kein Ethylen gefunden, dafür aber steigt Methan- und Kohlendioxid aus dem Untergrund auf. "

Allerdings in sehr geringen Mengen und nur genau dort, wo der Tempel liegt. Giuseppe Etiope entwickelte deshalb eine eigene Hypothese:

" Das Methan ist nicht giftig, es ruft keine Veränderung im Gehirn hervor. Aber auf Dauer könnte das Gas in der kleinen Kammer den Sauerstoff in der Luft verdrängt haben. Der Sauerstoffmangel im Gehirn der Pythia müsste dann einen Effekt hervorrufen, als ob sie betrunken wäre. "

Heute wird an der Störung kaum Gas freigesetzt, früher könnte das anders gewesen sein. Aber weder Methan noch Kohlendioxid erklären den süßen Geruch, von dem Plutarch schreibt. Den führt Etiope auf geringe Mengen an Benzen zurück, einem aromatischen Kohlenwasserstoff. Konkurrent Jelle de Boer widerspricht:

"Die Autoren kritisieren, dass Ethylen die Pythia in Trance versetzt hat. Sie denken an Sauerstoffmangel und Benzen. Aber Benzene sind giftig und eine Pythia wäre sehr jung gestorben. Wir wissen jedoch, dass die meisten ein sehr langes Leben führten. Auch der Sauerstoffmangel erscheint mir lächerlich, weil direkt nebenan der Priester und die Hilfesuchenden warteten. Sie wären bis zu einem gewissen Grad auch davon betroffen gewesen und wir müssten in den Schriften Hinweise darauf finden."

Ein Streit ist entbrannt. Aber die Störung im Gestein ist da, und es ist nach Ansicht beider Geologengruppen klar, dass sie etwas mit dem Phänomen Orakel von Delphi zu tun hat.

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