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StartseiteKalenderblattDie zwei Leben des Antal Dorati09.04.2006

Die zwei Leben des Antal Dorati

Der ungarische Dirigent kämpfte gegen eine Schreibhemmung als Komponist

Ungarn ist Heimat bedeutender Komponisten und einer ganzen Schar weltweit erfolgreicher Dirigenten. Antal Dorati war neben Georg Solti und Ferenc Fricsay einer der international bekanntesten. Vor 100 Jahren wurde der Dirigent und Komponist Antal Dorati in Budapest geboren.

Von Stefan Zednik

Musikalische Genauigkeit kennzeichnete das Schaffen Antal Doratis. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Musikalische Genauigkeit kennzeichnete das Schaffen Antal Doratis. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Es war ein gewaltiges Unternehmen, alle 106 Symphonien Joseph Haydns unter einer Leitung einzuspielen. Antal Dorati ging in den 1970er Jahren diese Aufgabe an, zusammen mit der Philharmonia Hungarica, einem Orchester ungarischer Emigranten. Es ist das vorletzte Großprojekt des damals beinahe 70-Jährigen, dessen farbenreiches Leben am 9. April 1906 in Budapest begonnen hatte.

"Ich habe eigentlich als Komponist begonnen, ich habe viele Opern geschrieben als kleiner Bub und sehr viele andere Sachen. Ich habe meinem Vater ein Stück gezeigt, weil ich wollte, dass er mich in die Schule schickt, Komposition zu lernen, und das war eine sehr peinliche Sache, das hab ich aber hinter mich gebracht, und ich begann auch wirklich zu studieren und habe dann weiter fleißig geschrieben."

Er studiert Klavier, Cello, Dirigieren und Komposition, wird Schüler von Zoltán Kodaly. Dennoch beendet er wegen einer inneren Schreibhemmung seine Kompositionstätigkeit vorerst. 1924 steht er mit 18 Jahren als bis dahin jüngster Dirigent in der Geschichte des Hauses am Pult der Budapester Oper, sein Weg geht über eine Assistenz an der Dresdner Semperoper zum Theater nach Münster in Westfalen. Seine dirigentischen Vorbilder?

"Es gibt deren zwei: Toscanini und Fritz Busch. Mit beiden war ich persönlich bekannt, mit Toscanini etwas oberflächlich, aber ich habe ihn sehr bewundert und natürlich sein Stil, der eine ganz notwendige Neuerung war, die gerade in meiner Jugend fällig geworden ist, nämlich die Notentreue, die Treue zum Blatt, und der andere Einfluss war auch ein menschlicher, musikalischer und menschlicher, und das war von einer sehr feinen Freundschaft mit Fritz Busch, die ich auch bis zu seinem Lebensende bewahrt habe."

1933 geht Dorati nach Monte Carlo, später unter anderem nach New York, Washington und Dallas. Nach dem Krieg dirigiert er die bedeutendsten Klangkörper Europas, leitet zeitweise das Orchester der BBC, die Stockholmer Philharmonie und schließlich das London Royal Philharmonic Orchestra. Noch beeindruckender ist die Liste seiner Plattenaufnahmen: mehr als 600 Einspielungen, zahlreiche mit internationalen Preisen bedacht. Dennoch fühlt er sich lange Zeit nicht als Dirigent, der komponieren will, sondern als schreibgehemmter Komponist, der dirigiert.

"Dieser Zustand dauerte, ein Zustand des Heimwehs, ungefähr 25 Jahre. Und dann fiel das ab von mir und seitdem schreib ich nun. In diesen 25 Jahren hab ich dann dirigiert, jetzt, wie das Komponieren zu mir zurück kam, oder ich zu ihm, da war es zu spät eigentlich aufzuhören mit dem Dirigieren, so hab ich jetzt zwei Leben."

Seine Kompositionen sind selten zu hören, Dorati bleibt vor allem als Dirigent in Erinnerung. Musikalische Genauigkeit, seine Vitalität, ein fabelhaftes Gedächtnis, musikalische Intelligenz, die stilistische Weite seines Repertoires – vor allem Musiker erinnern sich gern dieser Qualitäten. Er ist kein klassischer Herrscher am Pult, ebenso wenig versinkt er in der priesterlichen Andacht eines introvertierten Musikmagiers. Einer seiner Schüler, der Dirigent Martin Fischer-Dieskau:

"Das Menschliche mit dem Künstlerischen in Einklang zu bringen, das konnte man von Dorati lernen. Er hat nie getrennt zwischen dem Künstler und dem Mensch. Er war privat und vor dem Orchester immer der gleiche, und das ist eine ganz große Kunst, die ganz wenige Leute beherrschen."

1988 unternimmt Dorati mit Musikern aus 29 Ländern eine Konzertreise. Der 82-Jährige dirigiert ein letztes Mal Beethovens "Missa solemni" – in Berlin, London, Moskau und Dresden. Seine Witwe, die Pianistin Ilse von Alpenheim:

"Diese Tournee für den Weltfrieden war für ihn wirklich der Höhepunkt seines Lebens, gewissermaßen die reason d’etre. Und wenn er nie wieder einen Takt dirigieren würde, damals wusste er ja noch nicht, dass er so schnell gehen wird, wäre für ihn das Leben erfüllt, durch diese Tournee, wo man so viele Menschen mit dem Friedensgedanken erreicht hat."

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