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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Es wird Fahrverbote geben, egal was jetzt passiert"04.10.2018

Diesel-Kompromiss"Es wird Fahrverbote geben, egal was jetzt passiert"

Das neue Diesel-Paket der Bundesregierung sei eine Luftnummer, wenn alte Diesel nicht nachgerüstet würden, sagte Gerd Lottsiepen vom Verkehrsclub Deutschland in Dlf. Der Umtausch von Altautos bringe wenig. Der Verkehrsexperte ist sich sicher: Fahrverbote werden kommen.

Gerd Lottsiepen im Gespräch mit Georg Ehring

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Das Foto zeigt die Abgase eines Dieselfahrzeugs in Essen. (dpa-Bildfunk / AP / Martin Meissner)
Abgase eines Dieselfahrzeugs: Noch hat die Autoindustrie Nachrüstungen nicht zugestimmt (dpa-Bildfunk / AP / Martin Meissner)
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Georg Ehring: Rabattaktionen für den Umtausch von alten und auch von weniger alten, aber schmutzigen Dieselautos sowie Hardware-Nachrüstungen in Städten mit besonders gesundheitsschädlicher Luft - nach langen Streitigkeiten hat die Bundesregierung jetzt ein Konzept zum Umgang mit der Dieselkrise. Rund 6000 vorzeitige Todesfälle werden jedes Jahr auf Stickoxide in Dieselabgasen zurückgeführt, und über dieses Thema möchte ich jetzt mit Gerd Lottsiepen sprechen. Er ist verkehrspolitischer Sprecher des ökologisch orientierten Verkehrsclubs VCD. Guten Tag, Herr Lottsiepen!

Gerd Lottsiepen: Guten Tag, Herr Ehring.

Ehring: Herr Lottsiepen, werden künftig weniger Menschen an schmutziger Luft sterben?

Lottsiepen: Das wird sich zeigen. Es gibt ja auch Entwicklungen neben dem Programm der Bundesregierung, die langfristig dafür sorgen werden, dass Stickoxide verschwinden. Aber wichtig ist, dass es jetzt schnell passiert, dass es sofort passiert, dass nicht jetzt noch in den nächsten Jahren 6000, dann vielleicht 5800, 5700 Menschen sterben. Gehandelt werden muss sofort. Gehandelt hätte längst werden müssen.

"Konjunktur-Förderungsprogramm für die Autoindustrie"

Ehring: Wie beurteilen Sie denn die Auswirkungen des Programms jetzt der Bundesregierung auf die Luftqualität?

Lottsiepen: Der Austausch bringt aus unserer Sicht relativ wenig. Das ist ein Konjunktur-Förderungsprogramm für die Autoindustrie. Da werden Umtauschprämien versprochen, die man auch sonst kriegen könnte, weil Rabatte gibt es immer schon. Die Autos werden aber nicht vom Markt genommen, sondern die Autos fahren dann in Gebieten weiter, wo keine Fahrverbote drohen - zurzeit nach dem Plan der Bundesregierung zum Beispiel in ganz Ostdeutschland inklusive Berlin. Dort würden die Autos dann recht günstig angeboten werden und hier die Luft vergiften, oder irgendwo sonst auf der Welt würden sie weiterfahren, ohne dass man technisch an ihnen etwas getan hat.

Ehring: Der Beschluss der Bundesregierung ist für Sie eher eine Luftnummer?

Lottsiepen: Ist eher eine Luftnummer, wenn nicht völlig klar wird, dass auch nachgerüstet wird. Weil das sagt die Bundesregierung jetzt zwar, dass sie das für die 14 Kommunen und angrenzenden Landkreise will. Aber die Autoindustrie hat ja nicht zugestimmt. Die müsste ja zustimmen. Das sagt ja auch die Bundesregierung. BMW hat das abgelehnt, VW überlegt noch. Das ist alles sehr ungewiss. Da müsste es wirklich einen Deal geben, eine Vereinbarung geben, dass Fahrzeuge nachgerüstet werden, und dann nicht nur in den 14 Städten. Da sind ja teilweise Kleinstädte dabei.

Da kommt es dann eher darauf an, wo ist denn diese Messstation? In manchen Großstädten ist sie zu weit weg vom Verkehrsgeschehen und dort gilt diese Stadt als unbelastet. Da passiert gar nichts und in anderen Städten passiert was. Viel Zufall, Zufall, Zufall. Im Grunde genommen muss es in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland eigentlich für alle Fahrzeuge gelten. Fahrzeuge, die schmutzig sind und wo die Nachrüstung funktioniert, müssen nachgerüstet werden. Da die Autohersteller das verursacht, verbockt haben, müssen sie auch dafür zahlen.

Fehler von Politik und Autoindustrie

Ehring: Wird es denn aus Ihrer Sicht reichen für die Vermeidung von weiteren Fahrverboten?

Lottsiepen: Es wird Fahrverbote geben, egal was jetzt passiert, weil seit 2010 gelten die Grenzwerte. Seit drei Jahren wissen wir vom Dieselskandal, wissen wir, dass betrogen wurde und weiterhin noch wird, und es ist nichts passiert. Es gibt einfach die Überschreitung, in einigen Städten ist ohne Fahrverbote nichts machbar. Weil die Maßnahmen, die jetzt beschlossen oder angekündigt werden, die brauchen ja eine Zeit, bis sie wirken. Sie können ja nicht heute in die Werkstatt fahren und kriegen das Fahrzeug mit Hardware nachgerüstet, sondern das dauert.

Es wird Fahrverbote geben, wahrscheinlich in den 14 Städten, die bedroht sind. Es gibt einige andere. Auch in Berlin, angeblich völlig unbelastet, gibt es in dieser Woche einen Prozess. Die Gerichte können gar nicht anders. Die Gerichte werden Fahrverbote beschließen. Und wer hat es verbockt? – Ganz klar die Politik und die Autoindustrie in einer seltenen Einheit.

Ehring: noch ganz kurz. Was ist denn Ihr Rat für betroffene Dieselfahrzeuge? Fahrzeug umtauschen, nachrüsten?

Lottsiepen: Beim Umtausch genau aufpassen, wenn man das wirklich will, wenn man gegen ein neues Fahrzeug tauschen will, oder einen neuen Gebrauchten, der jetzt immer in der Rede ist, tauschen will. Wenn Sie einen Euro-sechs-Diesel bekommen, heißt das noch lange nicht, dass dieses Auto sauber ist. Richtig sauber sind nur Autos, die den Grenzwert Euro-6d-Temp einhalten. Dieses Temp ist ganz wichtig. Nur solche Fahrzeuge! Es gibt ganz, ganz, ganz, ganz wenige. Euro 6d ist auch in Ordnung. Euro-6d-Temp heißt eine vorübergehende Regelung. Das muss gewährleistet sein.

Dann auch bei Benzinern vorsichtig. Direkt einspritzende Benziner werden immer noch verkauft, ohne Partikelfilter, den sie auch unbedingt bräuchten. Das muss man sich auf jeden Fall zusichern lassen. Ein Diesel hält Euro-6d beziehungsweise Euro-6d-Temp ein, ein direkt einspritzender Benziner hat einen Partikelfilter. Sonst würde ich diese Autos echt nicht anfassen.

Ehring: Gerd Lottsiepen war das, verkehrspolitischer Sprecher des VCD, zum Thema Dieselkrise. Herzlichen Dank dafür.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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