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StartseiteUmwelt und VerbraucherUmweltmedizinerin: Umleitungsverkehr ist kontraproduktiv22.10.2018

DieselfahrverboteUmweltmedizinerin: Umleitungsverkehr ist kontraproduktiv

Fahrverbote, die nur auf wenige Straßen beschränkt seien, führten nicht zu einem wirkungsvollen Gesundheitsschutz, sagte die Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann im Dlf. Man müsse die Belastung in den Städten insgesamt reduzieren und nicht von einen Bereich in den anderen verteilen.

Barbara Hoffmann im Gespräch mit Britta Fecke

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Ein Tempo 30 Schild steht in der Leipziger Straße. Fünf Wochen nach Beginn des umstrittenen Berliner Tempo-30-Modellversuchs will die Polizei kontrollieren, ob das Tempolimit auf der Leipziger Straße eingehalten wird. (dpa/picture alliance/ Britta Pedersen)
Tempolimit 30 in der Leipziger Straße (dpa/picture alliance/ Britta Pedersen)
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Britta Fecke: Die Luft in den Städten wird nicht nur durch den Verkehr belastet, sondern auch durch den Steinstaub der Baustellen, durch die Emissionen der Kamine und der Schiffe und durch den Reifenabrieb. Dabei geht es in der Diskussion um Dieselfahrverbote öfter durcheinander, denn Feinstaub ist nicht Stickoxid, und ganz generell wird beim Streit um Fahrverbote gern vergessen, dass es in erster Linie nicht gegen Diesel, sondern für bessere Luft geht. Deshalb möchte ich mit der Umweltmedizinerin Professor Barbara Hoffmann klären, ob Dieselfahrverbote überhaupt ausreichen, um die Stickoxidwerte auf ein unbedenkliches Maß zu senken.

Barbara Hoffmann: Fahrverbote, die beschränkt sind auf einige wenige Straßen, die führen natürlich nicht zu einem wirkungsvollen Gesundheitsschutz. Es ist natürlich so, dass an den Straßen, wo jetzt weniger Autos gefahren werden, auch Dieselautos, natürlich die Belastung für die dort wohnenden Leute abnimmt. Das ist für die natürlich schon gut. Auf der anderen Seite kommt es natürlich durch so punktuellen Fahrverbote zu einem Umleitungsverkehr über andere Bereiche, wo dann tatsächlich der Schadstoffgehalt in der Luft ansteigt, und das ist dann natürlich kontraproduktiv. Man muss insgesamt die Belastung in den Städten senken und nicht die Belastungen lediglich von einem Bereich auf einen anderen verteilen.

Schadstoffe können Entzündungsreaktionen hervorrufen

Fecke: Die europäischen Grenzwerte für Stickoxid liegen ja bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Außenluft. Meinen Sie, dass diese Grenzwerte insgesamt ausreichend sind, um die Bürger und die Gesundheit zu schützen?

Hoffmann: Also der Grenzwert für NO2 mit den 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Langzeitbelastung, der liegt deutlich überhalb des Wertes, den die WHO empfiehlt. Seit 2013 sagt die WHO, der Wert sollte nach Möglichkeit bei 20 Mikrogramm und niedriger liegen, weil wir wissen, dass auch unterhalb dieser 40 Mikrogramm Gesundheitseffekte durch NO2 bestehen. Viel gravierender ist allerdings noch der Unterschied, den wir in unseren Grenzwerten haben für den kleinen Feinstaub. Das ist das PM 2,5. Der liegt zurzeit bei uns bei 25 Mikrogramm, die WHO empfiehlt seit 2005, dass der Wert unterhalb von 10 Mikrogramm liegen sollte, und da sind wir ja offensichtlich noch weit von entfernt. Es ist insofern auch sehr gravierend, weil Feinstaub pro Mikrogramm noch eine deutlich stärkere Wirkung hat als zum Beispiel NO2.

Fecke: Da geht ja immer einiges durcheinander. Mal geht es nur um Stickoxid, mal geht es um Feinstaub. Können Sie uns kurz einordnen, als Medizinerin, welche Auswirkungen Stickoxid in einem hohen Maße hat und wie Feinstaub sich auf die Gesundheit auswirkt?

Hoffmann: Ja. Die Wirkungsweisen sind relativ ähnlich bei beiden Schadstoffen. Die werden eingeatmet, gelangen dann auf die Bronchialschleimhaut und können dann da vor Ort lokale Entzündungsreaktionen hervorrufen. Beim Feinstaub ist es dann so, dass zusätzlich auch noch kleine Teilchen tatsächlich in den Körper eindringen können und über das Blut an alle Organe geraten. Insgesamt bewirken die Entzündungen, die ausgelöst werden, dass es zu einer Vielzahl von chronischen Erkrankungen kommt und auch akuten Beschwerden, vor allen Dingen bei Leuten, die bereits erkrankt sind, also die zum Beispiel ein Asthma oder eine chronische Bronchitis haben, dass sich diese Lungenerkrankungen verschlechtern. Chronische Erkrankungen können durch die Entzündungsreaktionen aufgelöst werden. Das kennen wir vor allen Dingen bei Feinstaub in noch viel stärkerem Maße als bei NO2.

"In Städten ist der wahrscheinlich wichtigste Emittent der Straßenverkehr"

Fecke: Was für chronische Erkrankungen sind das außer Atemwegserkrankungen?

Hoffmann: Chronische Erkrankungen, die ausgelöst werden, sind Erkrankungen des Herzkreislaufsystems. Zum Beispiel kommt es zu vermehrten Herzinfarkten, vermehrten Todesfällen an Herzkreislauferkrankungen. Für Feinstaub wissen wir auch, dass er Lungenkrebs auslöst, dass er sehr wahrscheinlich auch Diabeteserkrankungen auslöst und auch bei einem ungeborenen Kind zu Wachstumsverzögerungen führt.

Fecke: Was sind denn die größten Feinstaubemittenten in der Stadt oder in Städten?

Hoffmann: In Städten ist der wahrscheinlich wichtigste Emittent der Straßenverkehr, aber wir müssen bedenken, es wird ja außerdem noch eine ganze Menge Feinstaub in die Städte reingeweht. Das heißt, es ist dann da noch ein ganzer Sockel von anderen Emittenten oder von Feinstäuben von anderen Emittenten vorhanden. Da sind die großen Emittenten die Industrie- und Energieerzeugung und die Landwirtschaft. Dann gibt es noch lokal und jahreszeitlich bedingt ganz spezifische Quellen, also zum Beispiel an den Küsten oder an Flüssen ist der Schiffsverkehr ein wichtiger Emittent oder auch vor allen Dingen im Winter dann natürlich die Kaminöfen, können auch lokal dann ganz erheblich zur Belastung beitragen.

Fecke: Ich sprach mit Professor Barbara Hoffmann von der Universität Düsseldorf.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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