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StartseiteInterview"Nur dann vorteilhaft, wenn man trickst"23.06.2016

Dieseltechnologie"Nur dann vorteilhaft, wenn man trickst"

Nach dem Dieselskandal bei Volkswagen hofft der Grünen-Politiker Anton Hofreiter auf eine grundsätzliche Wende bei Europas größtem Autobauer. Es wäre ein gutes Signal, wenn sich VW endlich auf den Weg Richtung Null-Emissions-Auto machen würde, sagte Hofreiter im DLF. Statt dabei zu helfen, den Dieselskandal zu vertuschen, müsse die Bundesregierung die richtigen Weichen zu stellen, damit die Autoindustrie zukunftsfähig werde.

Anton Hofreiter im Gespräch mit Martin Zagatta

Der Grünen-Politiker Anton Hofreiter während einer Rede auf dem Kleinen Parteitag der bayrischen Grünen in München. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter fordert die sofortige Abschaffung der Steuer-Begünstigungen für Diesel-Kraftstoff (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
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Martin Zagatta: Über diesen Vorschlag oder dieses Ansinnen, aus der Dieseltechnologie möglicherweise ganz auszusteigen, die der Volkswagen-Chef Matthias Müller so angesprochen hat, habe ich mit Anton Hofreiter gesprochen. Von ihm, vom Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag wollte ich wissen, ob er in dieser Ankündigung des VW-Chefs schon eine grundsätzliche Wende sieht, oder vielmehr noch Zukunftsmusik.

Anton Hofreiter: Ich hoffe, dass das eine grundsätzliche Wende ist bei VW. VW ist der größte Autokonzern in Europa und der größte in Deutschland, und es wäre ein gutes Signal, wenn sich VW endlich auf den Weg machen würde in Richtung Null-Emissions-Autos, denn es besteht die Gefahr, wenn die europäischen Autokonzerne die Zukunftstechnologien weiter verschlafen, dass es ihnen am Ende so geht wie E.ON und RWE mit der Energiewende. Die haben auch jahrelang gesagt, die erneuerbaren Energien taugen nichts, wir haben tolle Kohlekraftwerke, und jetzt sind diese großen Konzerne am Rande der Pleite.

Zagatta: Aber der Verband der Deutschen Autoindustrie, der argumentiert ja jetzt umgehend, Dieselmotoren seien als Brückentechnologie noch unverzichtbar. Ist das denn so falsch?

Hofreiter: Das ist falsch, weil nämlich Diesel eine schwer geeignete Brückentechnologie ist. Diesel stößt relativ viel Stickoxide aus, Diesel hat in Teilen auch noch immer ein Feinstaubproblem, Diesel ist nur dann vorteilhaft, was den Verbrauch angeht, wenn man letztendlich trickst bei den Stickoxiden. Deshalb: Ich glaube, es ist an der Zeit, auf die Sprunginnovationen zu setzen, und die Sprunginnovationen sind emissionsfreies Fahren. Die Sprunginnovationen sind Elektromobilität, sind moderne Batterietechnologie, sind Wasserstoff, vielleicht auch Power-to-Liquid und Power-to-Gas, aber ganz sicher nicht mehr der Diesel.

Zagatta: Aber sind Elektroautos denn überhaupt schon soweit mit ihrer eingeschränkten Reichweite, dass man da sagen kann, sie könnten herkömmliche Fahrzeuge ersetzen?

Hofreiter: Das Wasserstoffauto hat bereits jetzt eine unbegrenzte Reichweite. Das wird von Toyota und Hyundai auf den Markt gebracht. Dann gibt es Elektroautos mit Range Extendern, wo man schon sehr große Reichweiten erzielt. BMW macht gerade Werbung mit einem BMW E3 mit Range Extender, wo man bereits auf über 300 Kilometer kommt. Und es geht ja nicht darum, dass von heute auf morgen alle Autos als Elektroauto fahren, aber es geht darum, dass sich die Autoindustrie jetzt aufmacht, das möglichst schnell auf die Straße zu kriegen, nämlich wenn sie noch 20 Jahre warten, dann haben sie am Ende ein Problem, nämlich dann gibt es diese Konzerne nicht mehr.

"Aufholjagd der Schlüsseltechnologien"

Zagatta: Glauben Sie denn dort an eine schnelle Umstellung? Die deutsche Autoindustrie, die setzt doch allem Anschein nach wie vor auf Diesel.

Hofreiter: Ich hoffe, dass es eine relativ schnelle Umstellung gibt, nämlich aus Klimaschutzgründen, aber auch aus Gesundheitsgründen in den Städten, aber auch aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit und der Arbeitsplätze. Im Moment ist bei der Batterietechnologie Südkorea zehn Jahre vor den europäischen Firmen und auch zehn Jahre voraus den deutschen Firmen. Deswegen geht es bereits jetzt um eine Aufholjagd der Schlüsseltechnologien und deshalb kann man bloß darauf hoffen, dass finanzstarke Konzerne wie VW endlich zur Einsicht kommen, dass das notwendig ist. Und von der Bundesregierung geht es darum, endlich richtige Weichen zu stellen, denn die Bundesregierung hat bis jetzt vor allem mitgeholfen, den Dieselskandal zu vertuschen, anstatt dafür zu sorgen, dass die Autoindustrie zukunftsfähig wird.

Zagatta: Richtige Weichenstellung, was heißt das konkret?

Hofreiter: Richtige Weichenstellung konkret heißt ambitionierte CO2-Grenzwerte entsprechend auf europäischer Ebene durchsetzen, anstatt wie im Herbst 2013 zu verwässern. Richtige Weichenstellung heißt, schrittweise die Dieselsubvention abzubauen. Richtige Weichenstellung heißt, eine Gesamtstrategie für Elektrifizierung ins Werk zu setzen, was bedeutet, dass das elektrisch angetriebene Auto Teil eines Netzes ist von Mobilität, wo die Bahn dazugehört, wo Carsharing dazugehört, wo moderner ÖPNV dazugehört, wo eine moderne Ladeinfrastruktur dazugehört. Das wäre all das, richtige Weichen zu stellen.

"Bei der Bundesregierung passiert zu wenig"

Zagatta: Das sind aber alles Forderungen, die nicht ganz so neu sind. Warum passiert das nicht? Ist die Autoindustrie in Deutschland dazu zu mächtig?

Hofreiter: Ich glaube, es passiert deshalb nicht, weil die Autoindustrie sich lang auf ihren Erfolgen in der Vergangenheit ausgeruht hat, und es passiert deshalb nicht, weil Herr Dobrindt und die Bundesregierung nicht versteht, was dort sowohl klimapolitisch als auch innovationsmäßig und ökonomisch auf dem Spiel steht. Ich glaube, die Tatsache, dass Tesla innerhalb von fünf Tagen 300.000 Vorbestellungen erzielt hat, hat da einen ersten Weckeffekt erzielt bei der Autoindustrie, und meine Erfahrung ist, wenn man mit den Vorsitzenden der Autoindustrie spricht, die sind ganz stark verunsichert und denen ist bewusst geworden, dass sich was ändern muss, und man kann bloß hoffen, dass sie aus dem Schrecken jetzt auch die richtigen Taten folgen lassen. Und bei der Bundesregierung muss man leider sagen, da passiert zu wenig.

Zagatta: Herr Hofreiter, ist das aber nicht auch ein bisschen scheinheilig da die Bundesregierung nur an den Pranger zu stellen? Die Deutsche Umwelthilfe zum Beispiel, die klagt, wenn ich das richtig wiedergebe, dass auch die Grünen in Baden Württemberg zum Beispiel, wo sie den Verkehrsminister stellen, dass sie dort auch vor der Autoindustrie kuschen.

Hofreiter: Die Grünen, die in Baden Württemberg den Verkehrsminister stellen, setzen da sehr sehr viel im Rahmen der Möglichkeiten eines Landes um. Die sind dabei ein Fahrerkonzept umzusetzen, die sind dabei einen regionalen Schienenverkehr neu ins Werk zu setzen, aber die Fragen von CO2-Grenzwerten, die Fragen von Dieselsubventionen, die Frage von Elektromobilitätsstrategie, das ist alles Bundesgesetzgebung, da kann ein einzelnes Bundesland einfach aus rein rechtlichen Gründen nicht einfach Gesetze machen, dafür ist der Bund zuständig, und da müsste der Bund handeln.

Zagatta: Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter, mit dem wir am Abend telefoniert haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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