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StartseiteCampus & Karriere"Digitalisierungsmaßnahmen hinken bei uns noch hinterher"28.02.2018

Digitale Bildung"Digitalisierungsmaßnahmen hinken bei uns noch hinterher"

An Schulen und Universitäten müsse digitale Bildung dringend gefördert werden, sagte Dietmar Harhoff von der Expertenkommission Forschung und Innovation im Dlf. Über das Thema sei lange geredet worden, die Pläne lägen in den Schubladen, müssten nun aber auch zügig umgesetzt werden.

Dietmar Harhoff im Gespräch mit Kate Maleike

Unter dem Motto "Digitales Klassenzimmer" arbeiten am Montag (01.03.2010) Kinder auf dem CeBIT-Stand von Microsoft auf dem Messegelände in Hannover an einem sogenannten "Multitouch Whiteboard".  (picture alliance/ dpa/Peter Steffen )
Schon in der Grundschule sollte digitale Bildung eine große Rolle spielen, so Harhoff im Dlf. (picture alliance/ dpa/Peter Steffen )
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Kate Maleike: Einmal im Jahr legt die "Expertenkommission Forschung und Innovation", kurz EFI, der Bundesregierung ein Gutachten vor, in dem sie wichtige Handlungsfelder herausstreicht, die Deutschland innovativ machen. In dem heute vorgestellten Gutachten spielt digitale Bildung eine zentrale Rolle. Schulen seien das Fundament der digitalen Wissensgesellschaft, hier müsse investiert werden, sagen die Wissenschaftler, aber unbedingt auch in die digitale Weiterbildung. Was genau die Gutachter damit meinen, besprechen wir jetzt mit dem Kommissionvorsitzenden Professor Dietmar Harhoff. Guten Tag!

Dietmar Harhoff: Guten Tag, Frau Maleike!

Maleike: Dass Deutschland in digitale Bildung investieren muss, ist ja nun nicht wirklich eine neue Erkenntnis. CDU und CSU und SPD haben im Falle einer Großen Koalition angekündigt, den Digitalpakt umsetzen zu wollen, der ja schon angekündigt war. Reicht das nach Ihren Empfehlungen denn nicht aus, um innovativ zu sein?

Harhoff: Na ja, um innovativ zu sein, reicht das noch nicht aus. Der Digitalpakt ist schon ein wichtiger Schritt. Der war ja auch in der früheren Legislaturperiode schon angelegt gewesen, hatte aber kein Geld und soll jetzt in dieser Legislaturperiode starten. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es gibt gute Gründe zu glauben, dass hier mit den fünf Milliarden, die da für fünf Jahre vorgesehen sind, immer noch zu dem unteren Bereich dessen liegen, was wir eigentlich brauchen. Es gibt eine sehr interessante Studie von der Bertelsmann Stiftung, die eher von 14 Milliarden über fünf Jahre ausgeht. Wir denken, da könnte man noch mal nachlegen, aber es ist ein guter erster Aufschlag.

Harhoff: Heranführung an digitale Technik ab Grundschule

Maleike: Sie denken, dass man da nachlegen kann oder haben Sie es auch empfohlen?

Harhoff: Wir haben es empfohlen.

Maleike: Also jetzt haben wir über das Geld geredet, das heißt, über Ausstattung und darüber, dass Sie sagen, da muss noch mehr Geld in die Hand genommen werden. Lassen Sie uns mal auf die Selbstverständlichkeit von Digitalisierung kommen: Der Arbeitsmarkt fordert das, digitale Schlüsselkompetenzen – haben Sie auch stark ausgemacht –, und Sie sagen, an den Schulen müsse eine deutlich höhere Dynamik her. Was meinen Sie damit?

Harhoff: Ja. Nach unserer Sicht muss digitale Bildung nicht nur in den Schulen, sondern sehr breit in Schulen, Weiterbildung, Universitäten gefördert werden. In den Schulen brauchen wir tatsächlich ab Grundschule bereits Einführungen oder eine Heranführung an digitale Technik, an Daten, an Programmieren. Da sind uns derzeit andere Länder voraus, die das tatsächlich schon anfänglich den Sechsjährigen beibringen. Bei uns kommt das deutlich später.

Maleike: An welchem Land könnte man sich orientieren?

Harhoff: Beispielsweise an Großbritannien, aber auch an den skandinavischen Ländern, die das relativ früh gestartet haben. Und daran kann man auch festmachen, dass die ganzen Digitalisierungsmaßnahmen bei uns schon noch hinterherhinken. Das ist einfach zu einer Achillesferse geworden. Wir haben lange, lange darüber geredet, die Pläne liegen auch in den Schubladen, aber wir müssen das jetzt wirklich zügig umsetzen.

Maleike: Das ist ja auch nicht das erste Mal, dass Sie digitale Bildung im Gutachten herausstellen. Das war ja auch im letzten Jahr schon deutlich geworden.

Harhoff: Richtig.

"Wichtig, dass dieses Grundverständnis gelehrt wird"

Maleike: Sie warnen aber auch vor einem ausgesprochenen digitalen Analphabetismus. Wo kann der entstehen, wo ist der denn schon?

Harhoff: Also der kann natürlich entstehen dort, wo Menschen zwar gerade noch oberflächlich mit ihren Alltagsgeräten – Handys und so weiter – umgehen können, aber eigentlich nicht mehr verstehen, was in den Algorithmen, in der Datenweitergabe entsteht, und dass sie nicht mehr durchblicken, wie die Geschäftsmodelle der Dienstleister, der App-Anbieter und so weiter aussehen, also dass sie kein fundiertes Verständnis dieser neuen digitalen Ökonomie haben, die uns ja überall umgibt. Und das ist unseres Erachtens sehr wichtig, dass dieses Grundverständnis neben den praktischen Tätigkeiten, neben dem praktischen Umgang ebenfalls gelehrt wird und an die Schüler, die Studierenden, die in Weiterbildung Befindlichen herangetragen wird.

Maleike: Das bedeutet Weiterbildung, Weiterbildung, Weiterbildung, vor allen Dingen natürlich auch vom Lehrpersonal. Gehen wir noch mal zurück an die Schulen. Viele Lehrer sind noch nicht digital in der Pädagogik soweit, dass man sagen könnte, die digitale Schule könnte auch funktionieren.

Harhoff: Das ist richtig. Das ist ein großes Problem, und damit müssen wir uns ernsthaft beschäftigen. Eine Antwort ist natürlich Weiterbildung der Lehrkräfte. Eine weitere Antwort – aber die ist leider mittelfristig angelegt – wäre dann, verstärkt diese Fähigkeiten auch in die Curricula der Lehrerausbildung reinzunehmen. Das alles wird aber nicht reichen, deswegen plädieren wir auch dafür, kompetenten Quereinsteigern die Möglichkeit zu geben, sich in den Lehrbetrieb einzubringen. Wir denken, dass das eine gute Vorgehensweise wäre, um die kurzfristigen Bedarfsspitzen abzufedern.

Maleike: Bedeutet große Investitionen, mehr Elan, mehr Digitalität in alle Bildungsbereiche und vor allen Dingen auch Investitionen im Weiterbildungssektor. Was denken Sie da speziell zum Beispiel für die kommunalen und öffentlichen Weiterbildungsträger? Müssen die noch mehr Geld auch in die Hand nehmen?

Harhoff: Ja, natürlich, und die können sich aber auch in dieser Weiterbildungswelt dann natürlich positionieren. Wir haben ja eine relativ diverse, ausdifferenzierte Vielfalt von Weiterbildungsträgern. Wir müssen aber auch darüber nachdenken, ganz neue Instrumente reinzubringen. Also wir sehen beispielsweise in den USA eine Richtung, die die Menschen sehr schnell in einem sehr kompakten Programm – ein Monat, zwei Monate, drei Monate – ausbildet in Algorithmenentwicklung und dergleichen, sodass die dann einsetzbar sind in den neuen digitalen Unternehmen, die auftauchen. Ich könnte mir vorstellen, wobei ich jetzt noch keine Anwendungsbeispiele kenne, dass das auch für Personen im Öffentlichen Dienst, in den Gemeinden, die jetzt auch E-Government machen sollen, also die elektronische, digitale Darstellung von Dienstleistungen für die Bürger, dass das auch für die sehr interessant sein könnte.

Maleike: Deutschland muss dringend und mehr in digitale Bildung investieren und dabei vor allen Dingen auch in die Weiterbildung, damit kein digitaler Analphabetismus entsteht. Zu diesem Ergebnis kommt das neue Jahresgutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation, und in "Campus und Karriere" haben wir gesprochen mit Professor Dietmar Harhoff, dem Vorsitzenden der Kommission. Herzlichen Dank!

Harhoff: Vielen Dank an Sie!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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