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StartseiteDeutschland heutePflanzen und Ernten per App08.06.2018

Digitales Gärtnern in Sachsen-AnhaltPflanzen und Ernten per App

Zum Gärtnern nicht das Haus verlassen - und trotzdem Ernte einfahren: Das macht ein Start-up aus Berlin möglich. Mit einer App lässt sich das Beet steuern. Die Erträge werden frei Haus geliefert.

Von Christoph Richter

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Kartoffeln in der Hand (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)
Die Kartoffeln hält der Kunde der IP-Gärten erst zuhause in seinen Händen - ihr Wachstum aber kann er per Webcam verfolgen. (Deutschlandradio / Jörg-Christian Schillmöller)
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Mit erdverschmierten Händen knien zwei Gartenmitarbeiterinnen auf dem sandigen Boden. Beide um die 50. Sie säen, sie stecken Zwiebeln, ziehen Furchen: im sogenannten IP-Garten im 250 Seelen-Dorf Lindenberg bei Seehausen. Das liegt in der Altmark auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg.

Das Feld sieht irre utopisch aus. Wie auf einem Schachbrett säuberlich angeordnet, ragen 100 grüne Plastik-Rohre knapp zwei Meter aus dem Boden. An denen sind jeweils vier Kameras befestigt, die jedes Beet im Blick haben. Im Erdreich stecken Datenleitungen und sensible Sensoren.

"Und die zeigen die entsprechenden Daten an: Bodenfeuchtigkeit und so weiter. Und anhand der Daten kann ich entscheiden, ob ich beispielsweise gießen muss…"

Eine weltweit neue Idee

Online Gärtnern. Das heißt: Man steuert sein Beet vom Sofa per App oder Computer. Jedes Kommando am Rechner wird dann von einem Gärtner umgesetzt, egal ob gießen, Unkraut jäten, düngen oder etwas Kartoffelkäfer absammeln. Am Ende kann man sich auf seine ganz persönliche und reale Ernte freuen. Eine weltweit neue Idee, sagt der Gründer der IP-Gärten: Der studierte Berliner Wirtschaftsinformatiker Martin Kruszka. Mitten auf dem Feld schlägt er sein silbernes Laptop auf. Zeigt die Internetseite, das Profil eines Kunden. Das erinnert an Simulationsspiele, wie Simcity oder FarmVille.

"Hier sieht man die 16 Quadratmeter-Parzelle, die ist schon bepflanzt. Kann man sich von allen möglichen Seiten angucken, auch das hintere Gemüse. Jedes Gemüse wächst virtuell mit. Also in vier Wochen hängen hier kleine Tomätchen dran."

Bis jetzt machen schon 400 Menschen mit. Alle aus Berlin erzählt der 48-jährige Garten-Visionär Kruszka. Jedem Pächter steht ein 16 Quadratmeter großes Beet zu.

"Sie zahlen 32,92 Euro im Monat. Genau, krumme Summe. Ist genau errechnet. Der Ertrag, der am Ende rauskommt, sollte möglichst höher sein, als das investierte Geld. Wir rechnen, dass wir 25 Ernte-Kisten – mal besser gefüllt, mal schlechter gefüllt – zu ihnen nach Hause liefern."

Per Mausklick entscheiden die Online-Hobby-Gärtner, was angepflanzt wird. Die Auswahl ist immens:

"Ja, aus insgesamt 50 verschiedenen Sorten. Angefangen bei vier verschiedenen Kartoffelsorten, über Blumen, über Kohl, Mohrrüben. Aber auch viele Kräuter. Rote Zwiebeln, helle Zwiebeln…"

"Der typische Städter weiß nicht, wie eine Tomate hergestellt wird"

Wer mitmacht, kann den Pflanzen über die Webcams an den Beeten beim Wachsen zusehen und mit seinen Entscheidungen beeinflussen, wie es ihnen geht, erzählt Marius Wöllner. Er ist 35, Bio-Landwirt und Partner des Berliner Start-Up IP-Gärten. 

"Es ist nicht nur Mausklick, wie man es heute kennt. Wie bei Amazon, ich klick mal drauf, mal sehen, was kommt. Nee, nee; die Erdbeere ist bestellt, wird gepflanzt. Das übernehmen wir alles. Aber, wie gut sie wächst, das muss der Kunde übernehmen."

Wöllner ist nicht der gewöhnliche Bauer von nebenan, sondern sieht eher wie ein Hippie aus. Schulterlanges Haar, auf dem Arm trägt er seine zweijährige Tochter. Zwei Hektar seiner Fläche hat Wöllner den digitalen Gärtnern aus der Großstadt überlassen.

"Der typische Städter, der nur noch in den Supermarkt geht, weiß gar nicht, wie seine Tomate hergestellt wird. Welche sozialen Faktoren hinter der Produktion stehen. Das ändert sich mit diesem Projekt."

Ob man es den Städtern mit dem Online-Gärtnern nicht zu einfach mache, ob die IP-Gärten nicht auch wieder ein Form des Konsums seien: Papperlapp, sagt Start-Up Unternehmer Kruszka. Einwände lässt er nicht gelten.

"Es ist positiv für die Umwelt. Wir schonen die Böden, pflanzen nur Biosaatgut an. Wir robotisieren nicht, wir digitalisieren. Hier fahren keine schweren Maschinen mehr über die Böden."

Und: Städter sollen den Landwirten wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen, fordert Kruszka noch. Ob das mit den IP-Gärten wirklich gelingt, untersuchen derzeit zwei Master-Studenten der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Mehr als nur ein Online-Spiel

Neben Martin Kruszka steht der Senior des Familienunternehmens, Hartmut Wöllner. Ein DDR-Alt-68er. Er sieht in den IP-Gärten geradezu eine große Chance: Virtuell – ohne Anstrengung, ohne zu Schwitzen, ohne sich dreckig zu machen – schaffen die Online-Pächter was Echtes. Und sorgen damit für das Überleben des Hofes, den es so seit 1735 gibt.

"Wir versuchen alle einen Weg zu finden, um am Leben zu bleiben. Und da greift man auch auf sowas zurück. Wir wollen sehen und hoffen, dass es eine Zukunft hat."

Die IP-Gärten sind mehr als nur ein Online-Spiel. Denn: Ob Tomate, Kartoffel oder Möhre, am Ende landet alles ganz real auf dem Tisch.

Das geerntete Gemüse wird nach Berlin gebracht, wo es sich die Pächter in einer Schöneberger Fabriketage abholen können. Aus dem wohl ungewöhnlichsten Garten Deutschlands.

"Na gut, dann wollen wir mal. Ein bissel müssen wir noch schaffen", sagen die Garten-Arbeiterinnen. Und schuften weiter: Im Auftrag der Berliner Online-Gärtner. Modernes, buntes Leben auf dem Land: Es scheint doch möglich zu sein.

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