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StartseiteComputer und KommunikationDigitales Logbuch: Facebook 11002.10.2010

Digitales Logbuch: Facebook 110

Zufälle der digitalen Gesellschaft

Zu Zeiten, als noch nicht jeder ein Mobiltelefon hatte, machte die Nachricht die Runde, ein Mann sei unter einer Schneelawine verschüttet worden, habe mit Mühe sein Handy aus der Hosentasche gezogen und erschöpft die 110 angerufen.

Von Maximilian Schönherr

"Kaufe gerade Kopfsalat." (AP)
"Kaufe gerade Kopfsalat." (AP)

"Grüßgott, hier ist die Polizei." Man konnte ihn orten und retten. Ein Märchen.

Noch ein Märchen: Der größte Treffpunkt im Internet ist Facebook. Das Portal hat vor kurzem einen Ortungsdienst eingeführt, mit dem ich Facebook nicht nur, wie üblich, zum Tippen von Nachrichten nutzen kann: "War gerade im Supermarkt und habe Kopfsalat gekauft", sondern auf dem internetfähigen Telefon direkt im Supermarkt tippe: "Kaufe gerade Kopfsalat", denn jeder, der mit mir befreundet ist, sieht, dass ich in dem Supermarkt in der Broad Street bin.

Jetzt kann es passieren – und ist eben schon passiert, dass Elisabeth, die ich nie in meinem Leben gesehen habe, die aber eine Freundin meines Freunds Jack ist, das zufällig liest und sich denkt: "Das gibt’s ja gar nicht, irrer Zufall! Der Freund von dem Jack ist ja im gleichen Supermarkt wie ich!" Und dann kommt sie rüber zum Kopfsalat und erblickt mich und verliebt sich auf einen Schlag in mich. Aber ich sage natürlich, ich bin glücklich verheiratet, drei Töchter, und habe mich im Übrigen gegen den Kopfsalat entschieden, weil der nämlich praktisch keine Folsäure enthält.

Kommt Jacqueline, meine Frau (wir leben seit vier Monaten getrennt) zufällig (zufällig, haha) in den Supermarkt rein, sieht mich mit dieser Tusse da stehen, eine Gurke in der Hand, bekommt einen ihrer üblichen Tobsuchtsanfälle, im Märchen hieße es: kratzte ihr die Augen aus. Da macht es Bimm auf meinem Telefon, und unser gemeinsamer Sohn, ein Einzelkind, gerade elf geworden, schreibt auf Facebook: "Schön dass ihr wieder zusammen seid!" – dazu ein Handyfoto von sich, einsam zu Hause.

"Sieht dir total ähnlich", bemerkt Elisabeth, "total, die Augen". Keine besonders taktvolle Bemerkung, auch taktisch ungünstig, aber davon vielleicht später, Ihr Lieben da draußen, heute Abend vielleicht nach Ladenschluss, die Kassiererin hat das Ganze mit ihrem Handy auf Video mitgeschnitten und in Facebook gepostet und gerade angefragt, ob ich vielleicht ihr Freund sein will.

Das ist eigentlich überhaupt kein Märchen. Und deswegen wünsche ich mich, mit der Gurke im Korb an der Kasse, zwei sich schlagende Frauen hinter mir, dahin, wo die Geschichte anfing, nämlich unter die Schneelawine, irgendwo in Süddeutschland. Und krame umständlich meinen Knochen raus, dessen Akku ewig hält, weil es ja früher ist, viele Jahre vor Facebook, wähle diese archaische Nummer 110, und eine genervte Stimme nimmt ab und sagt: "Grüßgott, hier ist die Polizei".

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