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StartseiteComputer und KommunikationDigitales Logbuch: Neuland22.06.2013

Digitales Logbuch: Neuland

Nimmst du Hammer und Nagel in die Hand, solltest du wissen, was du bauen willst. Ich habe den Verdacht, der 'Neue Personalausweis' wurde nicht nach dieser Regel zusammengezimmert, sondern um, – zugegeben – sicheren Zertifikaten mal eine Hülle zu verpassen.

Von Wolfgang Noelke

Die Ursache unserer verordneten Passbild-Traurigkeit zu erforschen, dürfte für Archäologen in 500 Jahren kompliziert werden.   (AP)
Die Ursache unserer verordneten Passbild-Traurigkeit zu erforschen, dürfte für Archäologen in 500 Jahren kompliziert werden. (AP)

Entschwinden schon in einigen Jahrzehnten die letzten Spuren des digitalen Ausweisinhalts in die magnetischen Jagdgründe, bleibt für die Ewigkeit auf den unkaputtbaren Plastikkärtchen ausgerechnet unser bescheuerter Gesichtsausdruck erhalten.

Die Ursache unserer verordneten Passbild-Traurigkeit zu erforschen, dürfte für Archäologen in – sagen wir mal – 500 Jahren, also dann, wenn ausgegrabene 'Neuen Personalausweise' wirklich uralt sind, etwa so kompliziert sein, wie die heutige Erforschung der Lebensverhältnisse der alten Maya. Neben den Maya selbst, vernichteten die Eroberer des Neulandes nämlich auch gleich alle Daten der 5000-jährigen Kultur. Die Neuland-Ureinwohner sollten bitteschön nach den, aus der alten Welt der Eroberer mitgebrachten Regeln leben.

Was vor 500 Jahren in der analogen Welt grandios scheiterte, scheint sich in der digitalen Welt gerade zu wiederholen: Seit 20 Jahren existiert ein, nach eigenen Regeln technisch hervorragend funktionierendes digitales Neuland, dem eine Armada aus Politik und Wirtschaft gerade Regeln aus der alten Welt überzustülpen versucht, ohne das Neuland zu kennen, geschweige denn dessen Regeln.

Nur mit dieser entwaffnenden Naivität muss es den heutigen Konquistadoren gelungen sein, kostenpflichtige E-Mails zu erfinden, in fernen Urlaubsländern funktionslose Krankenkassenkarten zu entwickeln, unsichere Betriebssysteme, mit, für Geheimdienste und Kriminelle gleichermaßen sperrangelweit geöffneten Hintertürchen und, - zwecks besserer Gesichtskontrolle dem Volk ausgewiesene Traurigkeit zu verordnen.

Wie riesig muss die Verzweiflung der Macher sein, schon zum zweiten Mal 10.000 Euro zu spendieren, für endlich mal eine Idee, das hässliche Perso-Kärtchen sinnvoll einzusetzen? Warum ihre Vorfahren nicht selbst die Idee hatten, alles auf eine Karte zu setzen, diagnostizieren Archäologen in 500 Jahren wahrscheinlich mit, "durch zwangsbescheuerten Gesichtsausdruck ausgelöster Depression".

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