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StartseiteComputer und KommunikationDas Ende des Digi-Dinos naht31.08.2019

Digitales Telefonnetz ISDN Das Ende des Digi-Dinos naht

Bald soll Schluss mit ISDN sein. Es steht Netzbetreibern beim Breitbandausbau im Weg. Doch nicht nur für Firmen mit ISDN-Telefonnetzen stellt die künftige Abschaltung eine Herausforderung dar, sondern auch für Anwendungen wie Alarm- und Brandmeldeanlagen.

Von Jan Rähm

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ISDN - Telefonstecker (imago/blickwinkel )
Totgesagte leben länger - noch ist ISDN weiter im Einsatz (imago/blickwinkel )
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Manfred Kloiber: Wenn es eine Technik gibt, die man als echten Digi-Dino bezeichnen könnte, dann ist es ISDN. 1989 wurde ISDN in Deutschland eingeführt – quasi als digitale Revolution im Telefonbereich und bis heute ist sie in Benutzung: Mit dem "Integrated Services Digital Network" waren erstmals Telefongespräche in sehr guter Qualität möglich, aber nicht nur das. Auch Datenübertragung, Kanalbündelung, Multiplex-Telefonanlagen mit Dutzenden Leitungen und mehr waren möglich. Doch ISDN ist in die Jahre gekommen und steht den Netzbetreibern beim Breitbandausbau im Weg. Deshalb heißt es schon seit geraumer Zeit: Das Ende für ISDN droht. Doch wie so oft: Totgesagte leben länger, und so ist ISDN bis heute weiter im Einsatz. Bald soll aber dann wirklich Schluss sein. Und dann? Jan Rähm beobachtet die ISDN-Abwicklung seit geraumer Zeit, Jan, wie geht’s dem digitalen Opa?

Umstellung bei Geschäftskunden bis 2020

Jan Rähm: An sich gut, die Technik läuft, aber die Luft wird knapp, denn ISDN wird stark zurück gedrängt. Die Telekom, die den Großteil an ISDN-Netzen betrieb, teilt mit, dass die 2015 begonnene Migration von ISDN auf IP-basierte Netze voranschreite. ISDN und analoge Anschlüsse zählt der Betreiber zusammen und teilt mit, es seien bereits 24 Millionen Anschlüsse umgestellt worden. Bei privaten Kunden werde in diesem Jahr der letzte ISDN-Anschluss umgestellt, bei Geschäftskunden dauere es noch bis 2020. Pro Woche würden demnach 70.000 Anschlüsse migriert, so der Netzbetreiber.

Kloiber: Was das für Unternehmenskunden bedeutet, hören wir im folgenden Beitrag.


Das Ende des eigenen ISDN-Anschlusses kommt meist unscheinbar per Brief oder Anruf. Darin heißt es dann sinngemäß: Die Leitung müsse abgeschaltet werden, man könne aber auf einen anderen, meist auf einen DSL-Anschluss wechseln. Doch obwohl die drohende Abschaltung schon lange bekannt ist, sind nicht alle Nutzer auf den Wechsel vorbereitet, berichtet Fabian Mahr, Geschäftsführer der Mahr EDV aus Berlin - obwohl die Fristen verlängert wurden.

"Da hat man dann auch die Fristen für 2020 und 2022 für Unternehmenskunden verlängert. Und natürlich haben wir einige Kunden, die nach wie vor über ISDN kommunizieren oder auch über ISDN kommunizieren müssen in Teilbereichen. Man hat Möglichkeiten, nur sie kosten natürlich Geld."

Alarm- oder Brandmeldeanlagen durch IP-basierte Anschlüsse gefährdet

Grundsätzlich müssen Kunden ihre Technik von ISDN auf das Internet Protokoll umstellen. Das erfordere einen Paradigmenwechsel, erklärt IT-Fachmann Fabian Mahr:

"ISDN ist grundsätzlich eine Direktverbindung zwischen zwei Punkten. Da ist vielleicht noch eine Vermittlungsstelle dran beteiligt. Aber grundsätzlich kommunizieren diese zwei Punkte direkt mit einer geringen Bandbreite, aber sehr stabil. Bei Voice over IP funktioniert die Kommunikation über's Internet. Das heißt, es sind diverse Server daran beteiligt. Das gibt für die Stabilität ganz andere Herausforderungen und man ist von der Kapazität oder der Datenübertragungsgeschwindigkeit des Internets abhängig."

Bei ISDN als leitungsvermittelter Technik haben Anwender den Vorteil einer garantierten und reservierten Bandbreite mit sehr hoher Fehlertoleranz und klarer Signallaufzeit. Bei IP-basierten, also paketvermittelten Anschlüssen dagegen kann weder die Bandbreite noch die Laufzeit der Signale vorhergesagt, schon gar nicht garantiert werden. Selbst mit einem Verlust von Datenpaketen muss gerechnet werden. Das stellt Anwendungen wie beispielsweise Alarmanlagen oder Brandmeldeanlagen, die auf Hochverfügbarkeit ausgelegt sind, vor Herausforderungen. Bisher nutzten diese den sogenannten D-Kanal, um ihre Betriebs- und Statusmeldungen sicher dauerhaft zu übertragen. Diese schmalbandige Leitung blieb permanent offen. Doch der D-Kanal wird verschwinden.

Fabian Mahr: "Es gibt einige Spezialangebote von Providern, die sowas noch proprietär unterstützen. Das ist aber der Einzelfall und nicht in jedem Gebiet verfügbar. Ansonsten simuliert ISDN over IP den klassischen Anschluss, wandelt diese analogen oder teilweise auch digitalen Pakete um und verschickt sie dann in Häppchen über das klassische Internet-Protokoll, also die IP."

Nicht zukunftsfähig: Pensionierte Programmierer wieder in Dienst holen

Den wohl größten Problembereich durch das ISDN-Ende bilden aber Telefonanlagen, wie sie Unternehmen jeder Größe nutzten und teilweise noch nutzen. Viele wurden bereits erneuert, doch einige sind immer noch in Betrieb – dank Adaptern auch an IP-Anschlüssen.

Fabian Mahr: "Natürlich kann ich Anlagen, die ich intern betreibe, noch eine Weile nutzen, aber auch das ist es so langsam vorbei. Dann werde ich keine Ersatzteile mehr finden. Ich werde keine Programmierer mehr finden, die das Protokoll kennen. Auch da hatten wir schon Fälle, egal ob es Software oder Hardware ist, dass sich Hersteller bemüht haben, pensionierte Programmierer wieder in den Dienst zu holen oder freiberuflich zu beschäftigen, um irgendwie Lösungen für Kunden zu finden. Das sind natürlich alles nur Workarounds und keine zukunftsfähigen Lösungen mehr."

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