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StartseiteKommentare und Themen der WocheZu spät aufgewacht01.12.2020

DigitalgipfelZu spät aufgewacht

Die Digitalisierung sei jahrelang nur ein Nebenschauplatz gewesen, kommentiert Johannes Kuhn. Zwar steuere Deutschland nun mit Milliardeninvestitionen dagegen – aber den Startvorteil der USA und Chinas könne man kaum noch einholen.

Ein Kommentar von Johannes Kuhn

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Geschäftsleute mit Programmcode und abstraktem Business Hintergrund (picture alliance/dpa)
Im Land sei die Geduld angesichts fehlender Fortschritte in der Digitalisierung erschöpft, kommentiert Johannes Kuhn (picture alliance/dpa)
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Der Digitalgipfel ist ein Forum, bei dem die deutsche Regierungsbank ihren digitalen Ehrgeiz zur Schau stellen darf. Oder zumindest versprechen kann, dass bald alles besser wird. Der Ministerriege gegenüber sitzen oft Experten, Wissenschaftler und Firmenvertreter, denen ein gutes Verhältnis zur Bundesregierung wichtig ist. Wenn es Kritik gibt, wird diese in der Regel zurückhaltend vorgetragen.

Draußen im Land ist die Geduld schon länger erschöpft. Die Corona-Krise hat die Versäumnisse der deutschen Digitalpolitik wieder einmal offengelegt. Fehlende Ausrüstung und Lehrer-Fortbildungen für den Digitalunterricht. Die Unmöglichkeit, Behördengänge auch online zu erledigen. Und, natürlich, die frustrierend niedrigen Internetübertragungsraten in manch ländlichem Home Office.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat heute eingeräumt: Auch ihr geht das alles zu langsam mit der Digitalisierung. Allerdings sei daran erinnert, dass die Kanzlerin bereits seit 2005 im Amt ist. Damals hieß das soziale Netzwerk der Stunde MySpace, nur drei Prozent aller Handy-Nutzer surften über das UMTS-Netz überhaupt im Internet. Und Smartphones, die existierten schlicht noch nicht.

Digitalisierung war nur Nebenschauplatz

Die Digitalisierung war in den Merkel-Jahren lange ein Nebenschauplatz. Oder sogar etwas, dass es einzudämmen galt - gerade, wenn es die liebgewonnenen Geschäftsmodelle etablierter Branchen gefährdete. Erst seit wenigen Jahren sind Bundesregierung und Teile der Wirtschaft aufgewacht. Nicht zuletzt durch den rasanten technologischen Sprung, den China hingelegt hat.

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Die deutsche Skepsis gegenüber neuen Technologien könne eine Chance sein, hat Angela Merkel heute ebenfalls gesagt: Denn so beleuchte man die Dinge rundherum. Und daraus entstehe dann Dynamik.

Historisch gibt es dafür durchaus Belege. Der plakativste ist vielleicht die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Großbritannien galt damals technologisch bereits als enteilt, doch Deutschland gelang es mittels Forschung und Akribie bei den Produktionsprozessen, die Briten zu überholen.

Das 21. Jahrhundert funktioniert anders

Allein: Das 21. Jahrhundert funktioniert anders. Sowohl bei den Datenbeständen, als auch bei der Fachkräfteverteilung haben China und die amerikanische Westküste einen Startvorteil, den Europa in den 20er-Jahren kaum aufholen kann. Millionen Menschen sind in China alleine damit beschäftigt, Datensätze so vorzubereiten, dass sie von künstlicher Intelligenz besser verarbeitet werden können. Und im Jahr 2025 will man zahlreiche Schlüsselbranchen "Made in China" aus dem eigenen Land bedienen. Branchen, die bislang Maschinen und Technologie aus Deutschland importierten. Dass Daten-Geschäftsmodell wird selbstverständlich mitgedacht.

Ja, Deutschland ist inzwischen aufgewacht und steuert auf vielen Ebenen mit Milliardeninvestitionen dagegen. Doch das Problem ist nicht, dass die Digitalisierung hierzulande nicht schnell genug geht, sondern dass sie zu spät Ernst genommen wurde.

Johannes Kuhn (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Johannes Kuhn (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Johannes Kuhn, Jahrgang 1979, hat Anglistik und Germanistik in Würzburg und Jyväskylä studiert. Nach der Volontärsausbildung an der Berliner Journalisten-Schule (BJS) arbeitete er zunächst als Redakteur bei ZEIT Online in Hamburg und Berlin. Danach gut zehn Jahre für die "Süddeutsche Zeitung" (Online und Print) tätig, unter anderem zwischen 2014 und 2019 als freier Korrespondent im Westen der USA. Seit Sommer 2019 freier Korrespondent im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios. Schwerpunktthemen: Digitalpolitik und gesellschaftliche Digitalisierung sowie die Partei Die Linke.

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