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StartseiteCorsoViel Arbeit für Dorothee Bär07.03.2018

Digitalisierung in DeutschlandViel Arbeit für Dorothee Bär

Der Marktanteil deutscher Computerspiele liegt international bei einem Prozent, national bei fünf Prozent. In Sachen schnelles Internet belegt Deutschland weltweit Platz 25. Handlungsbedarf für die künftige Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär (CSU) ist also gegeben, sagte Digitalexperte Christian Schiffer im Dlf.

Christian Schiffer im Gespräch mit Sigrid Fischer

Dorothee Baer und Alexander Dobrindt mit Super Mario beim Deutschen Computerspielpreis 2017 (imago stock&people/ APP-Photo)
Dorothee Baer mit einer Super-Mario-Figur beim Deutschen Computerspielpreis 2017 (imago stock&people/ APP-Photo)
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Sigrid Fischer: Einen Spitznamen hat sie schon, die designierte Staatsministerin für Digitales Dorothee Bär: als "DIGIBÄR" geistert sie durchs Netz. Sie wird dem künftigen Kanzleramtschef Helge Braun zur Seite gestellt, denn eigentlich ist er für den Bereich als Koordinator zuständig. Aber in Interviews hat "Digibär" schon einiges verlauten lassen: Unser Datenschutz sei aus dem 18. Jahrhundert und Programmieren sei genauso wichtig wie Lesen und Schreiben. Und sie spricht vom "Level Playing Field", von gleichen, fairen Wettbewerbsbedingungen im Vergleich zu anderen Ländern. Das bezieht sich auch auf die Computerspielbranche, in den Koalitionsvereinbarungen bekennt man sich zur Stärkung des Games-Standortes Deutschland. Darüber spreche ich jetzt mit meinem Digitalkollegen Christian Schiffer, hallo guten Tag.

Christian Schiffer: Hallo.

Fischer: Hinken wir Deutschen in der Games-Entwicklung wirklich so weit hinter anderen Ländern her?

Schiffer: Ach, das kommt darauf an, welche Spiele man sich anschaut. Insgesamt kann man sagen, dass Deutschland nur ein Prozent Marktanteil hat - also deutsche Spiele weltweit - und in Deutschland sind es nur fünf Prozent. Also man könnte sagen: Tatsächlich, die wirtschaftliche Bedeutung von deutschen Computerspielen ist sehr gering. Allerdings ist es so, dass in den letzten Jahren hierzulande die Ausbildungssituation besser geworden ist. Leute bekommen beigebracht, an Unis und Akademien, wie man Computerspiele macht. Und das hat dazu geführt, dass wir doch einige, sagen wir mal, kleinere Independent-Produktionen gehabt haben in den letzten Monaten und Jahren, die dann durchaus international für Aufsehen gesorgt haben. Insofern würde ich sagen: Die großen Spiele kommen nicht aus Deutschland, aber immerhin immer mehr kleine, gute Spiele.

"Echte Förderung, die fehlt eben völlig"

Fischer: Jetzt werden ja übrigens Computerspiele von Ländern schon gefördert. Ich weiß, hier in Nordrhein-Westfalen die Film- und Medienstiftung fördert ja gezielt Games. Warum brauchen wir denn dann noch eine Bundesförderung? Reicht das nicht?

Schiffer: Also es ist richtig, dass die Länder Computerspiele fördern und sie immer mehr fördern. Also die Förderung ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Aber insgesamt ist es immer noch sehr, sehr wenig. Wenn man zum Beispiel Computerspiele vergleicht mit dem Film - das ist ein bisschen Äpfel und Birnen, bei der Filmförderung sind noch Teile von den Ticket-Preisen mit dabei und so weiter - aber insgesamt ist die Förderung hier viel, viel geringer und auf Bundesebene gibt es eigentlich gar keine - bis auf den Deutschen Computerspielpreis, der hoch dotiert ist zugegebenermaßen. Aber eine echte Förderung, sei es eine Kultur- oder Wirtschaftsförderung, die fehlt eben völlig. Und da glaube ich schon, dass, wenn einem das wichtig ist, man da vielleicht ein bisschen dran schrauben kann.

Fischer: Aber das hat man ja jetzt offenbar erkannt. Wenn man sagt, wir wollen den Games-Standort Deutschland stärken, dann heißt das ja, wir wollen die Wirtschaft in diesem Bereich stärken. Das heißt, es profitiert die Wirtschaft - mal wieder, könnte man sagen. Aber davon haben die Menschen ja noch immer kein schnelles Internet zum Beispiel, auf dem Land. Ist es denn wirklich dann das Vorrangige, dass wir uns wünschen sollten, dass jetzt der Games-Standort gestärkt wird?

Schiffer: Im besten Fall vielleicht beides. Es ist natürlich ein bisschen schräg, dass diese ganzen Computerspielsachen, die ja für mich zum Beispiel eher ein Kulturgut sind, jetzt irgendwie beim Kanzleramt sind, also im Bereich der Infrastruktur, und dann tatsächlich im gleichen Atemzug behandelt werden wie zum Beispiel schnelles Internet. Aber ich fände es ja gut, wenn wir tatsächlich mit dabei sind, wenn es um ein neues Medium geht, aber natürlich auch mit dabei sind, wenn es um schnelles Internet geht. Da sind wir nämlich auf der ganzen Welt auf Platz 25, wenn es um schnelles Internet geht. Das ist im Fußball Costa Rica.

Fischer: Hui.

Schiffer: Also wir sind Costa Rica, wenn es um schnelles Internet geht. Und was wir bei Computerspielen sind, das will ich mir ja gar nicht ausmalen.

E-Sports: Bald FIFA- und Counter-Strike-Vereine?

Fischer: Jetzt hat ja die Kanzlerin, Angela Merkel, schon 2005 von Breitbandausbau und so gesprochen. Warum ist denn da in zwölf Jahren eigentlich so wenig passiert?

Schiffer: Man könnte die Frage stellen, warum in den letzten Jahrzehnten eigentlich so wenig passiert ist. Helmut Schmidt, beziehungsweise die sozialliberale Koalition, die wollten damals Breitbandausbau machen. Die wollten Glasfaser verlegen. Aber die damalige Kohl-Regierung, die dann ans Ruder gekommen ist, die wollte das dann nicht mehr und wollte stattdessen Kabel haben, also Kabelfernsehen. Und deswegen haben wir dann kein schnelles Internet bekommen, sondern irgendwelche Teleshopping-Kanäle. Und dann war es 2005 tatsächlich so, dass man wieder gesagt hat, es soll einen Rechtsanspruch geben auf schnelles Internet, man dann aber wieder zurückgerudert ist und gesagt hat, es soll der Markt lösen. Und der Markt hat dieses Problem nicht gelöst und jetzt muss eben die Politik ran. Und das steht ja auch so klar im Koalitionsvertrag, sodass ich glaube, dass wir jetzt auch zuversichtlich sein können, dass es überall schnelles Internet geben wird.

Fischer: Und da steht übringens auch drin, dass der E-Sport gefördert werden soll. Was würde das bedeuten, ganz kurz?

Schiffer: Das würde vor allem bedeuten, dass man vielleicht bei E-Sports, also bei elektronischen Sportarten, Vereine hat, also FIFA-Vereine oder Counter-Strike-Vereine. Das könnte tatsächlich dazu führen. Sie sagen ja selbst auch noch, dass sie sich dafür einsetzen wollen, dass E-Sports olympisch wird. Asien-Spiele wollen das jetzt schon machen und bei der nächsten Olympiade soll es, glaube ich, Probesportart werden.

Fischer: Ja und dann erntet ja die designierte Staatsministerin für Digitales viel Hohn und Spott im Moment in Social Media, für ihre Vision des Flug-Taxis. Also an Fluggeräten für Individualverkehr wird schon gearbeitet, also insofern ist es gar nicht so abwegig?

Schiffer: Ich verstehe diesen Hohn und Spott ehrlich gesagt nicht. Klar, das ist Science-Fiction, das hört sich an nach "Blade Runner" oder nach "The Watsons", aber come on. Wir wollen immer, dass die Politiker über ihre Legislaturperiode hinaus denken. Wir wollen, dass sie Visionen haben. Und wenn ein Politiker dann wenigstens irgendwelche Visionen äußert, und dann dafür so viel Hohn und Spott abbekommt, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn dann eben Politiker nur noch das kleine Karo malen und immer nur die nächsten paar Monate bis zur nächsten Wahl denken.

Fischer: Ja, dann schauen wir mal, was "Digibär" so alles anstoßen kann in ihrem neuen Amt als Staatsministerin für Digitales. Danke Christian Schiffer.

Schiffer: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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