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StartseiteInterview"Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlicher Perspektive"07.09.2020

DIHK zu Reisebeschränkungen"Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlicher Perspektive"

Im Kampf gegen das Coronavirus müsse die Perspektive der Wirtschaft viel stärker als bislang berücksichtigt werden, fordert der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. So könnten Unternehmen auch gute Hygienekonzepte gemeinsam mit den Behörden entwickeln, sagte er im Dlf.

Achim Dercks im Gespräch mit Friedbert Meurer

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Geschäftsfrau arbeitet während des Flugs am Laptop (dpa / picture alliance / PYMCA / Photoshop / Jensen Henning Joe)
Die Geschäfte vieler international agierender Unternehmen leiden, weil die Manager nicht mehr reisen können (dpa / picture alliance / PYMCA / Photoshop / Jensen Henning Joe)
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Reisebeschränkungen wegen der Corona-Pandemie treffen nicht nur die Tourismusbranche, sondern die Wirtschaft generell. Viele Betriebe arbeiten längst international, über die Grenzen hinweg. Mehrere deutsche Wirtschaftsverbände haben deshalb jetzt Alarm geschlagen, sie fordern von den Landesregierungen und der Bundesregierung ein Umdenken. Hinter dem Appell steht auch der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK). Dessen stellvertretender Hauptgeschäftsführer Achim Dercks fordert, bei aller Vorsicht im Kampf gegen das Virus nicht über das Ziel hinauszuschießen. Etwa dann, wenn Beschränkungen dort erlassen würden, wo sie bei genauerer Betrachtung eigentlich gar nicht nötig wären. Fachmessen der Wirtschaft seien durchaus möglich, weil sich die Menschen gerade in diesem geschäftlichen Umfeld an die Regeln halten, "weil alle ein Interesse daran haben, dass sie zueinanderkommen können".

Gähnenden Leere im internationalen Flughafen Athen, Griechenland, Juli 2020 (dpa / NurPhoto / Nicolas Economou) (dpa / NurPhoto / Nicolas Economou)Fiebig (DRV): Der Politik fehlt eine Strategie für die Reisewirtschaft
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Das Interview in voller Länge:

Meurer: Fordern Sie, dass auf die eine oder andere Reisewarnung verzichtet werden soll?

Dercks: So pauschal ist das nicht. Wir selbst sind keine Virologen und keine Gesundheitspolitiker. Uns geht es darum, dass wir wie eigentlich auch im Mai und Juni die Arbeit so fortsetzen, dass es von Anfang an eine Abwägung gibt zwischen Gesundheitsschutz und der wirtschaftlichen Perspektive. Das bedeutet, dass man die wirtschaftlichen Folgen mit in Betracht ziehen muss und zu differenzierteren Lösungen kommt. Wenn wir 160 Länder pauschal beschränken, dann ist das ja keine Einzelanalyse, und das wünschen sich die Unternehmen, weil natürlich mit jeder Reisebeschränkung, wie in Ihrem Beitrag beschrieben, umfassende wirtschaftliche Folgen verbunden sind, und eben nicht nur im Tourismus.

Wirtschaftliche Folgen stärker berücksichtigen

Meurer: Aber die Bundesregierung sagt ja, wir differenzieren, und dann werden nicht ganze Länder als Risikogebiet erklärt, sondern nur beispielsweise die Hauptstadt Paris.

Dercks: Ja, nun sind außerhalb der EU aber schon weite Teile der Welt komplett erfasst von den Reisebeschränkungen. Wir reden von daher nicht nur von der EU, denn nicht nur beim Tourismus, sondern gerade im Wirtschaftsverkehr geht es natürlich um weltumspannende Bewegungen. China sind unsere wichtigsten Partner, die USA ebenso. Dort ist natürlich im Moment kaum etwas möglich. Und das nicht zu übersehen, darum geht es uns vor allen Dingen, denn wir haben ja die letzten Wochen ein wenig den Eindruck bekommen, dass alles wieder auf einem guten Weg ist. Wir kennen die Diskussion um Wachstumszahlen, die nicht so schlecht sind, wie befürchtet, um gute Zahlen im Sommertourismus. Das alles erweckt ein wenig den Eindruck, als müsste man jetzt die wirtschaftlichen Folgen nicht mehr so sehr berücksichtigen. Das Gegenteil ist der Fall.

Meurer: Die Frage ist natürlich, Herr Dercks, ob man aus wirtschaftlicher Rücksicht auf etwas verzichten soll, was gesundheitlich angezeigt wäre.

Dercks: Nein, das natürlich nicht. Aber wir haben ja in den letzten Monaten gelernt, dass es kluge Wege gibt, die beiden Sachen miteinander zu verbinden. Wir haben auch viel gelernt, dass es keine Pauschallösungen braucht, wie wir sie im Shutdown hatten, und wir sollten auch bei den Reisebeschränkungen jetzt keine pauschalen Antworten geben. Wir wissen doch sehr genau, dass die Herde für Infektionen – so zumindest die Zahlen und die Informationen des RKI – ja nicht der Tourismus pauschal ist, sondern wenn, das Zusammentreffen vieler Menschen. Das ist aber eigentlich unabhängig vom Ort, sondern das kann in Deutschland genauso gut sein wie irgendwo anders auf der Welt. Hier erwarten die Unternehmen natürlich, dass es Antworten gibt, die nicht aus dem Vorsichtsprinzip heraus übers Ziel hinausschießen, indem vielleicht Beschränkungen dort erlassen werden, wo es bei genauerer Betrachtung nicht möglich wäre.

"Die Menschen halten sich ja an die Regeln"

Meurer: Mal konkret gefragt. Ist der Besuch einer Messe ungefährlicher als der Besuch am Ballermann in Spanien?

Dercks: Der Besuch einer Messe, wie sie jetzt zum Beispiel in Düsseldorf am letzten Wochenende stattgefunden hat, die Karavan-Messe zum Beispiel, ist dann natürlich gut möglich, wenn das von den örtlichen Behörden genehmigte Gesundheitskonzept eingehalten wird, und das ist der Fall. Die Menschen halten sich ja an die Regeln, gerade in diesem geschäftlichen Umfeld, weil alle ein Interesse daran haben, dass sie zueinanderkommen können.

Meurer: Die Frage ist, halten sich auch, sagen wir mal, in China alle an die Regeln bei einer Messe?

Dercks: Die Deutschen, die reisen, werden sich an die Regeln halten, und es ist ja auch nicht so, dass wir von vornherein Tests oder so ausschließen. Wir haben selber über die Außenhandelskammern organisiert, dass Manager und Familienmitglieder wieder nach China reisen können. Natürlich gibt es da Tests, aber das war zum Beispiel ein Versuch, die generelle Unmöglichkeit der Reisetätigkeit jetzt für diese Wirtschaftsreisen aufzuheben und da ein kleines Fenster zu öffnen. Ich glaube, solche Dinge sind wichtig, bei der Suche nach gesundheitspolitisch wichtigen Antworten von Anfang an die Wirtschaftsperspektive mit einzubeziehen, weil Unternehmen sehr kreativ sind dabei, auch gute Hygienekonzepte gemeinsam mit den Behörden zu entwickeln, weil sie dieses wirtschaftliche Interesse haben, und diese Perspektive kann ein Gesundheitsamt, kann auch ein Gesundheitsministerium alleine nicht haben. Deshalb plädieren wir dafür, auch auf Ebene der Bundesregierung, dass zum Beispiel das Wirtschaftsministerium früher und stärker dort eingebunden wird, damit man einfach die Perspektiven übereinanderlegt und Politik dann eine ausgewogene Entscheidung treffen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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