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StartseiteKultur heuteDiktatoren lässt man gewinnen13.06.2011

Diktatoren lässt man gewinnen

Der Präsident des Weltschachverbands im Schachduell mit Muammar al Gaddafi

Als würde es weder Bürgerkrieg noch NATO-Luftangriffe geben, ließ Muammar al Gaddafi sich bei einer Schachpartie mit dem Präsidenten des Weltschachbundes, Kirsan Iljumschinow, im Fernsehen zeigen. Am Schluss siegte die Diplomatie: Der Russe ließ den Diktator trotz miserabler Leistung gewinnen.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Wer ist hier schachmatt? (AP / Libysches Staatsfernsehen)
Wer ist hier schachmatt? (AP / Libysches Staatsfernsehen)

Die kalte Intelligenz, mit der sich ein Schachspieler zum Sieg vorkämpft, hat oft etwas Unheimliches. Das Schachspiel ist ja nicht nur ein Spiel, sondern ein Ringen um geistige Superiorität. Schach ist kein Zeitvertreib, sondern ein Gift – so wie es Dr. B., in Stefan Zweigs "Schachnovelle" erfahren und erlitten hat. Kein Wunder, dass große Schachspieler meist einen Zug ins Monströse haben: autistisch, ungesprächig, emotionsgestört.

Das Spiel der Könige, dessen Name sich vom persischen Schah ableitet, ist eine Kriegssimulation, in der zwei Avatar-Armeen gegeneinander kämpfen. Und es ist eine Probe auf die Berechenbarkeit beziehungsweise die Komplexität der Weltgeschichte: schon nach zwei Zügen können mehr als 72.000 Stellungen entstehen. Das ist ein bisschen mehr als die drei Optionen, die Muammar Gaddafis Sohn unlängst für die Diktatorenfamilie verkündet hat: "Wir haben Plan A – Leben und Sterben in Libyen, Plan B - Leben und Sterben in Libyen und Plan C - Leben und Sterben in Libyen."

Zumindest interimistisch gibt es jetzt auch die Variante "Leben und Schachspielen in Tripolis", was bei Gaddafi insofern nichts Neues ist, als er vor sieben Jahren die Schachweltmeisterschaft in Libyen austragen ließ – allerdings ohne israelische Teilnehmer; die wurden einfach nicht ins Land gelassen. Damals war der Präsident des Weltschachverbands FIDE, Kirsan Iljumschinow, Gaddafi ganz zu Diensten gewesen, jetzt stand er ihm für eine Partie zur Verfügung, von der es Filmausschnitte gibt, auf denen man Folgendes sieht:

Gaddafi, den Grübler – das Kinn in eine Hand gestützt, befingert er mit der anderen gleich mehrere Figuren, die er dann allerdings regelwidrig zurückstellt, ohne einen Zug auszuführen. Ein andermal kreist er mit beiden Händen über dem Brett, als hätte er die Knöpfe einer Spielkonsole vor sich. So sieht geschauspielerte Konzentration aus, libysches Theaterschach.

Allerdings hat der Denker-Darsteller seine Blutspur durch unsere Epoche schon immer mit einer Art Schach-Attitüde gezogen. Die berühmten Terroranschläge in Europa waren genau berechnete Züge, mit denen der Feldherr im Beduinenzelt sein strategisches Vermögen ausstellen wollte. Wie jeder Verrückte hat er ein neurotisches Verhältnis zur Rationalität; Gaddafi will als großer Kalkulator, als Schach-Genie gesehen werden.

Wenn er spielt, ist es kein Freizeitspaß – obwohl er natürlich genau diesen Eindruck zwischen zwei Nato-Bombenhageln erwecken möchte. Er weiß ja, dass die Chance für ein Remis längst vorbei ist.

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