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StartseiteEuropa heute"Unglaublich, dass ich diese Zeit überlebt habe"11.12.2019

Diktatur in Rumänien"Unglaublich, dass ich diese Zeit überlebt habe"

Nach 1945 geriet Rumänien unter den Einfluss der Sowjetunion und wurde zur stalinistischen Diktatur. Kritiker wurden aufs Härteste verfolgt, gefoltert und bestraft, so auch Octav Bjoza. Als Zeitzeuge hält er die Erinnerung an die Grausamkeiten dieser Jahre wach.

Von Leila Knüppel und Manfred Götzke

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Der Leiter des Verbandes ehemaliger politischer Häftlinge in Rumänien, Octav Bjoza (Deutschlandradio/ Leila Knüppel/ Manfred Götzke)
Er ist einer der wenigen Zeitzeugen, der noch von den Gräueltaten im stalinistischen Rumänien berichten kann: der Leiter des Verbandes ehemaliger politischer Häftlinge in Rumänien, Octav Bjoza (Deutschlandradio/ Leila Knüppel/ Manfred Götzke)
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"Schau: So viele Auszeichnungen hat kein anderer in Rumänien. Drei Stück! Zwei haben viele, drei Sterne sonst keiner. So jetzt hab‘ ich euch ein bisschen verschreckt."

Octav Bjoza zeigt auf die Urkunden, die neben der Tür zu seinem Büro hängen. Stolz wie ein Schuljunge nach der Zeugnisvergabe: drei "Sterne von Rumänien", die höchste Auszeichnung des Landes. Seine Sekretärin schaut unbeeindruckt auf ihren viel dekorierten Chef. Der wendet sich wieder einem Wust aus Zetteln und Aktenordnern zu.  

"Wer mit uns Zeitzeugen sprechen will, sollte das heute tun"

Bjoza leitet den "Verband ehemaliger politischer Häftlinge in Rumänien". Gestern ist er 80 geworden. Und auch wenn er flink zwischen den Aktenschränken hin und her wuselt und beim Erzählen begeistert mit den Armen durch die Luft rudert - der krumme Rücken, die schlohweißen Haare zeugen von seinem Alter.

"Wer mit uns Zeitzeugen sprechen will, sollte das heute tun – morgen könnte er uns nicht mehr vorfinden."  

Also schnell ins Büro, das ebenfalls vor Zetteln überquillt. Bjoza setzt sich hinter den alten Schreibtisch. Sein Kopf lugt gerade so über die Berge von Büchern, Dokumenten, Gefängnis- und Geheimdienstakten von Hunderten Opfern des kommunistischen Regimes in Rumänien. 

Was wollt ihr wissen, fragt Bjoza – und beginnt, ohne die Antwort abzuwarten, von seinem Leben im Kommunismus zu erzählen: "Ich habe die schlimmsten Torturen des kommunistischen Systems überlebt, Folter, Schläge, schlimmste hygienische Bedingungen, keine medizinische Versorgung. Viele von uns, Tausende, vielleicht Zehntausende, sind für immer in den Lagern geblieben. Wie viele, wissen wir nicht genau. Wo all die Gräber sind, wissen wir bis heute nicht."  

Brutales stalinistisches Regime unter Gheorghiu-Dej 

Mitte der 50er-Jahre, noch bevor Nicolae Ceaușescu an die Macht kam, gründete Bjoza mit 15 anderen Schülern und Studenten eine antikommunistische Jugendorganisation. "Wir haben nichts unternommen, nur ein Pamphlet geschrieben." Doch seine Gruppe flog auf. Bjoza wurde zu 15 Jahre Zwangsarbeit verurteilt, von Arbeitslager zu Arbeitslager geschickt. Vier Jahre verbrachte er in den meistgefürchteten kommunistischen Strafanstalten des Regimes.  

"Im Gefängnis von Codlea war ich in Isolationshaft – in einer Kammer unter der Treppe: ein Meter mal ein Meter. Aufrecht stehen ging nicht. Es war Winter. Zwei Wochen war ich da drin. Ich habe nicht eine Stunde geschlafen. Die ganze Zeit musste ich mich bewegen, die Füße heben, um nicht zu erfrieren." 

Bis Mitte der 60er-Jahre herrschte unter Gheorghiu-Dej ein brutales stalinistisches Regime. Mehr als 30.000 Menschen wurden verhaftet, gefoltert, mussten Zwangsarbeit leisten – manche nur wegen ein paar kritischer Worte. Bjoza hat in Minen, im Donau-Delta geschuftet. Mit Tausenden anderen Zwangsarbeiten hat er den Donau-Schwarzmeerkanal ausgehoben, im Sommer, aber auch bei Eis und Schnee.

"Wir mussten zum Beispiel Schilf aus dem Wasser schneiden. Bis zu den Knien hab‘ ich im Wasser gestanden, fast gefrorenes Wasser - das hat dich wie ein Dolch geschnitten. Wir wurden da zwei Tage hintereinander zur Arbeit geschickt, ohne irgendwas zu essen zu kriegen. Bei Normen, die unmöglich zu erfüllen waren. Wir haben dann tote Kreuzottern gegessen, weil es sonst nichts gab."

Rumäniens Machthaber Gheorghe Gheorghiu-Dej (links) fährt mit dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow in einem offenen Wagen durch Bukarest und winkt (Imago/ United Archives)Rumäniens Machthaber Gheorghe Gheorghiu-Dej (links) mit dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow in Bukarest (Imago/ United Archives)

"Man durfte sich den Folterern nicht unterwerfen"

Der drahtige 80-Jährige schiebt seine Hemdsärmel hoch, knetet seine feingliedrigen Hände.  

"Es ist schon unglaublich, dass ich diese Zeit überlebt habe. Gesund! Ich habe noch nicht mal Rheuma. Viele meiner Freunde haben völlig deformierte Knochen von der Kälte. Ich hatte das Glück, dass ich körperlich sehr widerstandsfähig war. Aber das hat nicht ausgereicht. Man brauchte doppelt so viel psychische Kraft. Man durfte sich den Folterern nicht unterwerfen. Ich musste mir das immer wieder sagen: Ich habe keine Angst, ich haben keinen Hunger, ich habe keine Schmerzen. Nur so hab‘ ich das überlebt."  

Kurz bevor Ceaușescu an die Macht kam, wurde Bjoza vorzeitig aus der Haft entlassen. Der neue Diktator war zunächst weniger grausam als sein Vorgänger. Kritik musste Ceaușescu allerdings auch kaum mehr fürchten: "Es gab keine Opposition mehr und die Securitate war überall. Am Ende, das wissen wir heute, waren es allein 10.000 Offiziere der Securitate." 

Für Bjoza und seine Familie hörte die politische Verfolgung auch unter Ceaușescu nicht auf. Sie galten als Staatsfeinde, Imperialisten. Sein Vater wurde mehrere Monate von der Securitate inhaftiert. Sein jüngerer Sohn wollte Marineoffizier werden, es wurde ihm verboten. "Er hat das nicht ertragen, ist dann sehr schwer erkrankt psychisch – am Ende auch physisch. Er ist dann in meinen Armen gestorben."

"Die intellektuelle Elite wurde systematisch ausgeschaltet"

Bjoza schweigt kurz, schiebt sich seine Brille zurecht. Dann erzählt er weiter von den Jahren unter Ceaușescu, bis der nächste Besucher vor der Tür steht: Andrej Dinca, ein 22-jähriger Student. Er hat eine Jugendorganisation gegründet, die das gleiche Ziel wie Bjozas Opferverband hat: die Erinnerung aufrecht zu erhalten. "Wir treffen uns mit den Opfern des Kommunismus, so lange es noch geht. Sie sind Vorbilder für unsere Generation."  

Dass es auch Jahre nach dem Sturz Ceaușescus nicht wirklich vorangegangen sei in Rumänien, dass politische Korruption und Vetternwirtschaft allgegenwärtig sind - das liege auch daran, dass Menschen wie Bjoza verhaftet und verfolgt wurden, sagt er:

"Sie waren damals die politische, intellektuelle Elite des Landes, sie wurde systematisch ausgeschaltet. Und diese Elite fehlt eigentlich bis heute. Wenn wir jungen Leute das Land verändern wollen, müssen wir uns an Menschen wie Octav Bjoza ein Beispiel nehmen."

Octav Bjoza hat unterdessen aus einem der Aktenschränke einen Ordner geholt, in dem er notiert hat, welche Schulen und Universitäten er im Laufe seiner Amtszeit besucht hat. Vom Kommunismus in Rumänien erzählen: eine wichtige Aufgabe seines Verbandes. Schließlich werde das Thema selten im Unterricht behandelt. 

"Hier steht drin, vor wem ich gesprochen hab‘, in den letzten elf Jahren – und vor wie vielen. Hier, bis zum 14. November 2019 waren es 14.157 Schüler, Studenten und Lehrer. Das Tagebuch meiner Amtszeit. Hier schaut mal. Von 2008 – bis unendlich."

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