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StartseiteCorso"Es ist hoffentlich das depressivste Album, das ich jemals schreiben musste"24.02.2018

Dillon mit Elektro-Pop auf Tour"Es ist hoffentlich das depressivste Album, das ich jemals schreiben musste"

Dillon wurde in Brasilien geboren und begann ihre Karriere mit Anfang 20 als YouTube-Star. 2010 durfte sie als Newcomerin die Tour von Tocotronic eröffnen. Sie liebt und macht minimalistischen Elektro-Pop, der es schafft, gefällig wie anspruchsvoll zugleich zu sein.

Von Florian Fricke

Dillon live auf dem Reeperbahnfestival 2017. (imago / stock&people)
Dillons Songs sind seelenvoll, ohne pathetisch zu werden (imago / stock&people)
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Dirk von Lowtzow, Sänger von Tocotronic, bleibt es vorbehalten, das neue Album von Dillon zu eröffnen und er nennt es gleich beim Namen, "kind", englisch für freundlich, oder Kind, beides ist möglich. Mit Dirk von Lowtzow verbindet Dillon eine freundschaftliche Beziehung, seitdem sie 2010 als unbekannte Newcomerin die Tour von Tocotronic 2010 eröffnen durfte. Das Schicksal so einiger Vorgruppen, mit Gegenständen beworfen zu werden, musste sie nicht teilen.

"Einen Becher habe ich abbekommen in 30 Tagen, ist schon absolut fairer Durchschnitt. Ja, ich habe meine Ausbildung bei Tocotronic gemacht, sage ich."

"Ich kann mich in den Schlaf singen"

Gute acht Jahre später nun also das dritte Studioalbum von Dillon nach "The Unknown" von 2014. Das oft beschriebene, schwierige zweite Album war für sie in der Tat eine schwere Geburt. Sie hatte Mühe von sich zu erzählen, aber nur das interessierte sie - und diese Blockade stürzte sie in eine tiefe Krise.

"Ich mag's wahnsinnig gerne. Aber es ist hoffentlich das depressivste Album, was ich jemals schreiben musste."

Auf "Kind" hat sich Dillon in Sachen Songwriting wie Produktion etwas freischwimmen können. Sie bleibt zwar eine Meisterin der Reduktion, aber im Vergleich zu "The Unknown" weisen die zehn Lieder eine größere klangliche Tiefe auf, wie zum Beispiel "Lullaby". Das Schlaflied hat sich Dillon selbst geschrieben in einer Zeit, als sie über zwei Monate nicht schlafen konnte.

"Ich kann mich in den Schlaf singen und ich kann es auch immer wieder anderen Leuten schicken, die auch nicht schlafen können. Es ist ein sehr schönes Lied für Kinder wie für Erwachsene, die hyperaktiv sind und nicht schlafen können, obwohl sie es wollen. Kann ich sehr empfehlen. Mit Bachblütentee."

"Ein Geschenk nach dem anderen"

"Te Procuro", ich suche dich, ist das einzige Lied auf Portugiesisch. Die Entstehungsgeschichte ist typisch für Dillon. Das Lied ist ihr quasi zugeflogen, sie wachte auf, und es war da.

"90 Prozent meines Lebens, bis auf Steuern und so Sachen, die ich halt machen muss, kommt genau so. Gefühle, romantische Beziehungen und Freundschaften, ein Geschenk nach dem anderen. Wirklich. Ich glaube, für die unfassbar schwere Kindheit und Jugend, die ich hatte, passiert halt nicht mehr so viel ganz, ganz Schlimmes mehr. Wenn man es zulässt und offen ist, dann zieht man auch bestimmte Sachen an. Und je offener ich bin, so bekloppter sind die Ideen. So ist fein."

Das Lied hat sie mit ihrem Handy noch am selben Tag in der Küche aufgenommen, zur Prüfung an die Mutter geschickt - und genau so ist es auf dem Album gelandet.

"Ich möchte, dass nichts ohne Strom funktioniert"

Neben solchen intuitiv entstandenen Momentaufnahmen stehen einige durcharrangierte und kunstfertige Lieder, die mit der typischen Dillon'schen Tiefe vorgetragen werden, Lieder wie "Shades Fade".

Die Kunst von Dillon, diese sehr sensible Persönlichkeit, die ihre Seele stets nach außen trägt, liegt darin, solche Songs nicht in Pathos zu ertränken. Aber um diese Gefahr weiß sie schon immer und handelt entsprechend. Sie verfolgt also weiter ihren reduzierten bis minimalistischen Elektro-Pop, der es schafft, gefällig wie anspruchsvoll zugleich zu sein. Die eindeutigen Mitsing-Hits, die ihre Karriere einst befeuerten, fehlen auch auf diesem Album, aber das ist ihr wahrscheinlich ganz recht so. Denn seit Beginn ihrer Karriere kämpft Dillon für ihre Sicht der Dinge und gegen ihre Vereinnahmung.

"Ich bin nicht sitzend an einem Flügel, weil ich nicht so gesehen werden möchte, weil es mir nicht darum geht. Andere Künstler und Künstlerinnen machen das und das finde ich auch toll - für mich geht es halt nicht darum. Ich möchte, dass nichts ohne Strom auf der Bühne funktioniert. Deswegen ist alles elektronisch. Über solche Sachen müssen viele Leute gar nicht nachdenken, weil die spielen eh Gitarre und sind eh männlich und haben eh fettige Haare."

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