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StartseiteCampus & KarriereDiplomarbeit auf Bestellung10.06.2008

Diplomarbeit auf Bestellung

Viele Russen lassen sich ihre Arbeiten schreiben

Die Zeiten, in denen sich Studenten seelenruhig und intensiv von Internetnetseiten inspirieren und leiten lassen konnte, sind so gut wie vorbei. Immer mehr Hochschulen nutzen Plagiatserkennungsprogramme, um ihren Stundenten das Abschreiben zu erschweren. Ganz anders in Russland: Dort ist es nichts Besonderes, sich eine Diplomarbeit zu kaufen.

In Russland lassen sich viele ihre Arbeiten schreiben.  (Stock.XCHNG / Alex L'Azzurro)
In Russland lassen sich viele ihre Arbeiten schreiben. (Stock.XCHNG / Alex L'Azzurro)

"Wie viele Seiten, wo ist die Literaturliste?"

Streng geht es zu der Verteidigung von Diplomarbeiten an der Universität St. Petersburg. Doch ganz und gar nicht streng ist die wissenschaftliche Kontrolle. So manche Arbeit, die abgegeben wird, ist eine Auftragsarbeit, weiß der 36 Jahre alte A., der an einer humanwissenschaftlichen Fakultät in St. Petersburg, Vorlesungen hält und Diplomarbeiten betreut.

"In diesem Land herrscht die Einstellung, dass man für Geld alles bekommen kann - warum also nicht eine Diplomarbeit? Ich schätze rund 25 Prozent der Studenten lassen jemand anderen für Geld ihre Arbeit schreiben. Das sind vor allem Studenten aus reichen Familien, für die es nur zählt schnell fertig zu studieren. Und es sind ausländische Studenten, zum Beispiel Chinesen, die schlecht Russisch sprechen und schreiben. "

Einen Ghostwriter zu finden, das ist nicht schwer: In Bussen, an U-Bahn-Stationen oder Laternenpfählen hängen die Angebote: "Hilfe für Studenten", steht dort zum Beispiel. Im Internet geht es deutlicher zu. Wer "Diplom" in die russische Suchmaschine eingibt, stößt auf mehrere Anbieter: Die Internetseiten sind professionell gestaltet, Preisliste und Vertragsformular stehen zum Download bereit und manche Anbieter haben sogar einen Telefondienst:

"Wenn wir die Arbeit in vier Wochen abgabefertig schreiben, kostet das 20.000 Rubel, also 500 Euro. Wer Interesse hat, braucht nur in unser Büro kommen, die Anzahlung von 40 Prozent mitbringen, wir schließen einen Vertrag und dann beginnen wir sofort schreiben."

erklärt der junge Mann von der Telefonhotline. Namen und Arbeitgeber sollen geheim bleiben. Vor allem Studenten, Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter und Dozenten arbeiten in der Branche - manche bei offiziellen Anbietern, die meisten via "Mund zu Mund"-Propaganda.

"Für viele von ihnen ist das Schreiben von Abschlussarbeiten eine wichtige Einnahmequelle. Wer nicht Professor ist, verdient wenig. Ich selbst habe schon fünf Dissertationen geschrieben. Mein Doktorvater hat das meist vermittelt und wir haben die 6000 Euro pro Arbeit geteilt."

Und so wissen natürlich Professoren und Dozenten, dass längst nicht alle ihre Stundenten selbst Bücher wälzen und Fußnoten setzen. Laut russischem Gesetz droht jenen, die Diplomarbeiten abschreiben oder kaufen zwar Exmatrikulation - aber der Hochschulalltag sieht anders aus. Die meisten Professoren schauen lieber weg, als am System zu rütteln, so auch A.

""Alle die lernen wollen und eine gute Ausbildung, werden nie eine Arbeit kaufen, weil ihnen klar ist, dass sie Wissen brauchen, um einen guten Job zu finden. Und die Dummen, die sich ein Diplom kaufen, werden dadurch nicht schlauer. Aber arme Studenten und Lehrer bekommen die Möglichkeit Geld dazu zu verdienen, Ich finde dieses Prinzip gut, auch wenn es illegal ist. "

Für Dissertationen gibt es zumindest theoretisch eine strengere Kontrolle: Eine staatliche Experten-Kommission in Moskau soll jede einzelne Dissertation, die in Russland geschrieben wird, auf ihre wissenschaftliche Richtigkeit hin überprüfen - eine fast unmögliche Aufgabe. So bleiben Plagiate und gekaufte Abschlussarbeiten ein Kavaliersdelikt. Und so interessierte es die Russen kaum, als amerikanische Wissenschaftler im Frühjahr 2006 Wladimir Putin des Plagiats beschuldigten. In seiner Dissertation von 1992 seien 16 Seiten und sechs Diagramme aus einem englischsprachigen Buch ohne Hinweis übernommen, so die Vorwürfe.

""Selbst wenn man Putin beweisen könnte, dass er die Arbeit nicht selbst geschrieben hat, würde das seinem Ansehen in Russland nicht schaden. Eher im Gegenteil: Wahrscheinlich würde es auch noch gut ankommen, dass sogar der Präsident sich wie so viele andere auch eine Abschlussarbeit gekauft hat."

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