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StartseiteKommentare und Themen der WocheRache als politisches Leitmotiv Putins12.12.2019

Diplomatie nach TiergartenmordRache als politisches Leitmotiv Putins

In der Affäre um den ermordeten Georgier in Berlin zeige sich das Denken Wladimir Putins, kommentiert Thielko Grieß. Rache sei das politische Prinzip des russischen Präsidenten. Nachdem Deutschland zwei russische Diplomaten des Landes verwiesen hatte, hat Russland nun seinerseits zwei deutsche Diplomaten ausgewiesen.

Von Thielko Grieß

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Der ukrainische Präsident Zelensky, Bundeskanzlerin Merkel, Frakreichs Staatschef Macron und der russische Präsident Putin bei einer Pressekonferenz im Elysee Palst (afp / Ludovic MARIN)
Ukraine-Gipfel in Paris am 10.12.2019: Hier bezeichnete Russlands Präsident Vladimir Putin (rechts) den getöteten Georgier als Banditen. Bundeskanzlerin Angela Merkel schwieg dazu. (afp / Ludovic MARIN)
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Natürlich antwortet der Kreml in gleicher Münze. Die Herrschenden können einfach nicht anders. Mit dieser Methode führen sie das Land seit Jahr und Tag.

Dabei ist die Ausweisung zweier Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau ein unschöner, aber nicht besonders ernsthafter Zwischenfall. Die Auslandsvertretung verfügt über einen großen Apparat; sie wird nahezu unbeeinträchtigt weiter arbeiten können, zumal zu erwarten ist, dass die beiden Mitarbeiter in nicht allzu ferner Zukunft ersetzt werden. Ganz geräuschlos. So war es auch bei früheren Ausweisungsrunden.

Es geht um Rache

Nein, ernst, allzu ernst, ist das, was der russische Präsident in diesem Zusammenhang wieder einmal von seinem Denken preisgegeben hat. Er war, ist und bleibt ein Anhänger des Prinzips der Rache. Wer sich gegen den russischen Staat oder ihn selbst stellt, was in seinen Augen in etwa dasselbe ist, der muss lebenslang mit Konsequenzen rechnen. Denn der Kreml wird nicht eher ruhen, als bis er den Gejagten zur Strecke gebracht hat.

23.08.2019, Berlin: Beamte der Spurensicherung stehen an einem Faltpavillon am Tatort im Kleinen Tiergarten.  (picture-alliance / dpa / Christoph Soeder) (picture-alliance / dpa / Christoph Soeder)Mord an Georgier im Tiergarten:  
Angela Merkel wirft Moskau vor, die Aufklärung des Mordes an einem Georgier in Berlin nicht zu unterstützen. Der mutmaßliche Täter mit russischem Pass sitzt in Haft, die Generalbundesanwaltschaft ermittelt. Deutschen Beamten wurde nicht gestattet, in Russland zu recherchieren.

Führen wir uns noch einmal die absurde, aber von Putin so beabsichtigte Konstellation vor Augen: Er, Macron, Merkel und Selenskyj saßen Montagnacht gemeinsam in einer Pressekonferenz in Paris. Es ging um Schritte zum Frieden in der Ostukraine, ermüdet waren alle, auch Putin war das anzusehen. Aber als er nach einer Frage die Gelegenheit bekam, die Tötung des russisch-georgischen Staatsbürgers mitten in Berlin zu kommentieren, schoss die Energie zurück in seinen Körper. 

Ein grausamer, blutrünstiger Mörder sei der Getötete gewesen! Verantwortlich für Anschläge! Hätte Deutschland ihn doch besser vorher ausgeliefert! Was anderes als eine Rechtfertigung der Tötung soll das bedeuten? Es kann nichts anderes bedeuten.

In diesen wenigen Minuten hat er kompakt viel von dem vorgeführt, was man über ihn und sein Herrschaftssystem wissen muss. Es ist geprägt von Zynismus und Opportunismus, gespickt mit Behauptungen und Schuldzuweisungen an andere. Zudem betrachtet er es offenbar als sein Recht, über Leben und vor allem den Tod anderer Menschen zu entscheiden – auch auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland.

Das Schweigen der Kanzlerin

Das ist anmaßend, in imperialer Weise respektlos und eine gefährliche Frechheit. Unerklärlich ist, weshalb die Kanzlerin, die zwei Plätze neben ihm saß, dazu schwieg. Weil auch andere Staaten sich ähnlich verhalten? Sie hätte dennoch entschieden widersprechen müssen.

Der Getötete war ethnischer Tschetschene. Vor 25 Jahren begann im Kaukasus der erste Krieg, den zweiten führte schon Wladimir Putin. Dem Ziel, tatsächliche und vermeintliche Terroristen zu bekämpfen und die Region dazu zu zwingen, Teil der Russischen Föderation zu bleiben, wurde und wird bis heute alles untergeordnet – Menschenrechte, Leben von Soldaten und Zivilisten. Formal sind die Kriege beendet. In den Augen des russischen Präsidenten aber verjährt das Recht auf Rache wohl niemals.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

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