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StartseiteInterview"Die Idee vom freien Belarus können Schlagstöcke nicht nehmen"08.08.2021

Dirigent Vitali Alekseenok"Die Idee vom freien Belarus können Schlagstöcke nicht nehmen"

Durch die Proteste gegen Machthaber Lukaschenko sei ein neuer Stolz auf die belarusische Zivilgesellschaft entstanden, sagte der belarussische Dirigent Vitali Alekseenok im Dlf. Die Idee eines freien Belarus habe sich in den Köpfen festgesetzt - dieses Gefühl werde das Regime mit Gewalt nicht auslöschen können.

Vitali Alekseenok im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Demonstrantinnen und Demonstranten in Prag halten am 7. Juni 2021 gemeinsam die alte belarussische weiß-rot-weiße Nationalflagge. (picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Petr David Josek)
Weltweit demonstrieren Menschen für ein freies Belarus, hier in Prag. (picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Petr David Josek)
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Ein Jahr ist es her, dass der belarusische Machthaber Alexander Lukaschenko die Präsidentschaftswahlen manipuliert und damit die größten Proteste in der Geschichte des Landes ausgelöst hat. Lukaschenkos Sicherheitskräfte gehen seitdem brutal gegen Demonstranten vor und verfolgen Belarussen auch im Ausland.

Die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja bei einem Wettkampf. (IMAGO / GEPA pictures) (IMAGO / GEPA pictures)Timanowskaja im Exil - Regimefeind wider Willen
Erstmals seit ihrer spektakulären Flucht aus Tokio hat die belarussische Leichtathletin Kristina Timanowskaja die Details der Ereignisse aus ihrer Sicht geschildert. Speziell am Tokioter Flughafen kam sie nur dank einer Übersetzungs-App weiter.

Die Repressionen könnten den Willen der Protestierenden kurzfristig aber nicht brechen, sagte der Dirigent Vitali Alekseenok, der seit einigen Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, aber in Wilejka, etwa 100 Kilometer nordwestlich der belarusischen Hauptstadt aufgewachsen ist.

"Millionen von Belarussen haben unser Land neu entdeckt"

"Seit einem Jahr nehme ich mich als einen Bürger wahr", sagte Alekseenok. Auch bei den Protesten nach den Präsidentschaftswahlen von 2010 sei er dabei gewesen. Er sei dabei aber eher passiv geblieben, habe sich für Politik nur ein bisschen interessiert und sei dann ausgereist. Zehn Jahre später habe er anders reagiert – und damit sei er nicht allein: "Millionen von Belarussen haben unser Land neu entdeckt und dass wir dafür auch Verantwortung tragen und einiges verändern können." Diese Gedanke habe ihn sehr verändert.

Eine Luftaufnahme zeigt unzählige Demonstranten am 16. August 2020 in Minsk, Belarus. In der belarussischen Hauptstadt und anderswo im Land gab es täglich Demonstrationen, nachdem Präsident Alexander Lukaschenko den von Kritikern als betrügerisch bezeichneten Wahlsieg vom 9. August verkündet hatte. (IMAGO / ITAR-TASS) (IMAGO / ITAR-TASS)Die Verfolgung belarussischer Oppositioneller
Aus Lethargie ist Kampfgeist geworden. Vor einem Jahr hat Lukaschenko die Wahl gestohlen und ließ Demonstrationen niederknüppeln. Oppositionelle verfolgt er inzwischen nicht mehr nur im Inland.

Einer der wichtigsten Aspekte dabei sei, dass Belarusen sich gegenseitig kennen gelernt hätten. "Seit einem Jahr kenne ich jetzt Tausende von Belarusen, tatsächlich Tausende." Zuvor hätten Belarussen nicht so gerne miteinander kommuniziert, seien sich lieber ausgewichen, auch im Ausland. Exil-Belarussen hätten im Gegenteil eher versucht, ihre Identität abzulegen. "Wir haben uns jetzt als Belarussen wahrgenommen", es gebe einen stolz auf die Zivilgesellschaft und dieser Paradigmenwechsel werde Jahrzehnte Bestand haben.

Auch durch die Corona-Pandemie seien eine neue Solidarität und neue Gemeinschaften entstanden. Lukaschenko versuche zwar, diese zu zerschlagen. "Es gelingt ihm auf keinen Fall, das auf allen Ebenen zu schaffen", sagte Alekseenok. Online und in den Köpfen der Menschen sei dieses Gefühl nicht auszulöschen: "Alleine die Tatsache, dass sie sich kennengelernt haben, kann man jetzt nicht wegnehmen." Mit physischer Repression könne das Regime diese neuen Entwicklungen nur bedingt bekämpfen: "Die Idee von einem freien Belarus können Schlagstöcke nicht wegnehmen."

"Wir sind so viele, man kann nicht alle zerstören"

"Wir haben glaube ich alle Angst", sagte Alekseenok. Seine Angst sei aber nicht präsent. Das liege aber auch an seinem Aufenthalt im Ausland, in Belarus sei Angst hingegen immer im Kopf, man stehe damit auf und gehe damit schlafen. Er mache sich schon auch Sorgen um sich, aber das Regime wolle ja Angst verbreiten und dürfe damit nicht gewinnen: "Wir sind so viele, man kann nicht alle zerstören."

Ein Aktivist in Kiew hält am 3.8.2021 ein Schwarz-Weiß-Porträtfoto des in Kiew tot aufgefundenen belarussischen Aktivisten Vitali Schischow in die Luft. (IMAGO / NurPhoto / STR) (IMAGO / NurPhoto / STR)Belarus-Experte: Lukaschenko möchte auch im Ausland Angst verbreiten
Es sei sehr wahrscheinlich, dass der in Kiew tot aufgefundene belarussische Aktivist Vitaly Schischow auf Anweisung des Regimes von Alexander Lukaschenko ermordet wurde, sagte Belarus-Experte Volodymyr Kildii im Dlf.

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