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StartseiteCampus & KarriereAnonym zu Gerechtigkeit08.04.2015

Diskriminierung an HochschulenAnonym zu Gerechtigkeit

Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft von Studierenden sollten keinen Einfluss auf Klausurnoten haben. Doch immer wieder zeigen Studien: Oft ist das Gegenteil der Fall. In Bayern will die Opposition ändern - unter anderem mit eigentlich altbekannten Mitteln.

Von Susanne Lettenbauer

Studenten in einem Hörsaal (Jan Woitas, dpa)
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes kritisierte bereits 2013, dass Behinderte und Homosexuelle ausgegrenzt würden. (Jan Woitas, dpa)
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Isabell Zacharias ist so einiges gewohnt: Die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion wetterte gegen Studiengebühren in Bayern, kämpft für den Ausbau des Islamunterrichtes an bayerischen Schulen, setzt sich für eine bessere Bezahlung von wissenschaftlichen Mitarbeitern an Hochschulen und Universitäten ein. Doch immer häufiger hört sie von offener oder latenter Diskriminierung an bayerischen Hochschulen aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Behinderung - das habe man längst überholt geglaubt:

"Also Herkunft, sexuelle Ausprägung, Migrationshintergrund, aber auch finanzielle Möglichkeiten, chronische Erkrankungen, Behinderungen, all dies, so ist mir mehrfach erzählt worden, sind Hindernisse mit der Vergleichsgruppe, die all diese Merkmale nicht aufweisen, genauso unkompliziert, freudig und voller Elan studieren zu können, auf jeden Fall müssen wir da auf jeden Fall verhandeln."

Bereits in den vergangenen Jahren seien verschiedene Studien zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes kritisierte 2013, dass Behinderte und Homosexuelle ausgegrenzt würden. Ein Viertel aller Schüler und Studenten mit Migrationshintergrund fühle sich an Schulen oder Unis benachteiligt. Der Bericht sei auch heute noch so gültig sagt Sebastian Bickerich, Sprecher der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes. Vor anderthalb Jahren sei deshalb ein Praxisleitfaden zum Diskriminierungsschutz an Hochschulen erarbeitet worden. Trotzdem habe sich nicht viel verändert, meint Isabell Zacharias in München stellvertretend für ihre Juso-Studierendengruppe:

"Mir sind ganz viele Geschichten erzählt worden von allen möglichen Universitäten und Hochschulen in Bayern. Darauf habe ich ja diesen Antrag geschrieben, weil ich wissen wollte, a) ob die Staatsregierung das Phänomen überhaupt kennt und b) welche Konzepte sie dagegen unternehmen will, weil eines dürfen wir ja nicht zulassen: Dass junge Menschen womöglich schlimmsten Falles ihr Studium abbrechen, weil sie mit den Diskriminierungen, in welchem Rahmen auch immer, nicht zurechtkommen."

Eine weitere Studie der Uni Göttingen ermittelte, dass Frauen, die mit bessern Abiturnoten ins Jura-Studium starteten als Männer, später im Schnitt im Examen signifikant schlechter abschnitten. Als Ergebnis stellten die Wissenschaftler um Prof. Dr. Christian Traxler und Prof. Dr. Andreas Glöckner fest, dass Kandidaten mit Namen, die auf Herkunft aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR schließen lassen, trotz deutlich besserer Abiturnoten in den schriftlichen Klausurleistungen schlechter abgeschnitten haben. Gravierende Unterschiede gibt es zudem bei Kandidaten, deren Name eine Herkunft aus dem Nahen Osten erschließen lässt.

Anonymisierte Prüfungen wieder in der Diskussion

Grund genug für Isabell Zacharias von der bayerischen SPD, den Freistaat aufzufordern, dem Landtag ein Konzept zu präsentieren, das aufzeigt, wie die Diskriminierung von Studenten an Universitäten und Hochschulen bekämpft werden kann - mithilfe von anonymisierten Prüfungen zum Beispiel:

"Also ich finde das ja ganz einfach. Mit der Matrikelnummer. Die ist ja anonymisiert, also die Matrikelnummer zeigt ja nicht, woher die Studierende kommt, wo man wohnt, wie viel Einkommen er hat oder ob man soziale Benachteiligungen von seiner Geschichte her hat oder ob man einen Migrationshintergrund hat - die Matrikelnummer ist das Einzige, was auf einem Prüfungsbogen oder auf einer Hausarbeit oder einem Examen draufsteht und mit der Matrikelnummer kommt man dann auch zu seinem Ergebnis. Dann ist das weder mit Nase, noch mit Augenfarbe oder Haarfarbe identifizierbar."

Die Forderung nach anonymisierten Prüfungen tauchte zum ersten Mal in den 1968er-Jahren auf, während der Studentenrevolten. "Man kenne doch diese Prüfer, die den Daumen wie Nero in der Loge nach unten drückten," lautete damals die Kritik an der narzisstischen Tendenz der Hochschulprofessoren. Im Zuge der anonymisierten Bewerbungen an deutschen Firmen und Hochschulen, die vor gut zwei Jahren auch von der Bundesregierung angeregt wurden, kamen auch die anonymisierten Prüfungen wieder in die Diskussion. Hochschulen und Universitäten müssten zumindest die schriftlichen Prüfungen nur nach Matrikelnummer abnehmen, fordert die SPD-Politikerin. Jetzt erwartet sie ein tragfähiges Konzept vonseiten der bayerischen Regierung und klingt optimistisch:

"Also ich denke, bei zwei Studien, die belegen, dass wir eine Diskriminierung haben - deutlich haben, werden die Mehrheitsfraktionen im Hochschulausschuss den Antrag bejahen und dann wird der Kultusminister Spaenle dazu ein Konzept vorstellen. So einfach ist das."

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