Dienstag, 17.07.2018
 
Seit 13:56 Uhr Wirtschafts-Presseschau
StartseiteSport am Wochenende"Das ist echt frustrierend" 16.12.2017

Diskriminierung im Skispringen"Das ist echt frustrierend"

Der erste Skisprung-Teamwettbewerb für Frauen ist laut US-Skispringerin Sarah Hendrickson ein Fortschritt - doch Skisprung sei immer noch die diskriminierendste aller Wintersportarten: "Wir wollen von den gleichen Schanzen springen wie die Männer", forderte die Repräsentantin des Weltskiverbandes für Frauenskispringen im Dlf.

Sarah Hendrickson im Gespräch mit Marina Schweizer

US-Skispringerin Sarah Hendrickson beim Weltcup in Oslo im März 2017. (imago sportfotodienst)
US-Skispringerin Sarah Hendrickson beim Weltcup in Oslo im März 2017. (imago sportfotodienst)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Skispringen Aufwind für die Adlerinnen?

"Gegen Magersucht, für Frauen-Skisprung"

Marina Schweizer: Warum ist der erste Skisprung-Teamwettbewerb für Frauen am 16. Dezember 2017 in Hinterzarten so wichtig für Sie?

Sarah Hendrickson: Das bringt das Frauenskispringen wieder etwas voran. Das ist einer der Gründe, warum ich mich für Mädchen im Sport einsetze. Und es ist wirklich cool, weil mit vier Mädchen aus jedem Land wird jedes Land dazu gebracht, Athletinnen auf Weltcupniveau zu bringen - damit sie im Teamwettbewerb mitmachen können. Also insgesamt hilft es uns, mehr Springerinnen auf ein hohes Niveau zu bekommen. Dazu kommt die Kameradschaft, die ein Wettbewerb mit Mädchen aus dem eigenen Land mit sich bringt - diese Möglichkeit hatten wir bisher nicht. Wissen Sie, wir sind ein Team, aber wenn wir am Berg sind, sind wir Einzelkämpferinnen. Jetzt mit diesem Teamwettbewerb können wir alle etwas näher zusammenrücken.

Schweizer: Hoffen Sie mit mehr Wettbewerben einfach auf mehr Berichterstattung und damit mehr Geld?

Hendrickson: Absolut. Am Ende des Tages will ich einfach, dass es mehr Springerinnen gibt. Wir haben einen guten Fortschritt allein in den letzten 4 Jahren gesehen seit den Winterspielen in Sotschi und einen riesigen Fortschritt in den letzten acht Jahren, seit ich auf der Tour bin. Das ist echt toll und damit werden wir auch ein höheres Niveau erreichen: Mehr Frauen, die springen, mehr Nationen - und damit kommen hoffentlich auch mehr Interesse und dann auch Sponsoren und Geld. Es geht alles ein wenig langsam, aber ich mag immerhin die Richtung, in die es geht.

Schweizer: Sie sprechen die langsame Entwicklung an. Wie schwer ist der Kampf für mehr Wettbewerbe und Aufmerksamkeit mit einem Welt-Skipräsidenten, der nach wie vor oft mit der berüchtigten Aussage zitiert wird, bei der Landung könnte die Gebärmutter platzen?

"Mir ist wichtig, dass sie uns erlauben, mehr von der Großschanze zu springen"

Hendrickson: Ja, das ist echt frustrierend. Ich bin noch nicht mal eine Pionierin. Ich habe glücklicherweise ältere Teammitglieder, die Skispringen dorthin gebracht haben, wo es heute steht. Jetzt ist es mein Traum, es weiter nach vorne zu bringen. Für mich ist wichtig, dass sie uns mehr Wettbewerbe geben. Aber mir ist auch wichtig, dass sie es uns erlauben, mehr von der Großschanze zu springen. Großschanze ist einfach für Zuschauer aufregender. Alle Frauen im Weltcup trainieren auf der Großschanze, es geht also nicht darum, dass wir das nicht können. Es geht einfach nur darum, dass sie es uns nicht erlauben. Ich glaube aber, wenn wir langsam mehr Großschanzen-Wettbewerbe bekommen, dann wird es auch mehr Zuschauer an den Fernsehbildschirmen geben und es wird mehr Begeisterung geben. Es ist ein harter Kampf. Und es ist noch ein langer Weg, aber es geht voran. Ich bin die Repräsentantin des Weltskiverbandes für Frauenskispringen und es gut, zu Sitzungen zu gehen und mit Menschen zu sprechen, die nicht so viel über unsere Sportart wissen.

Schweizer: Welche Argumente hören Sie denn da gegen Ihre Sportart?

Hendrickson: Tatsächlich sind die Menschen dort sehr aufgeschlossen für die Fakten gewesen, die ich im Frühling präsentiert habe. Sie sind gar nicht total gegen uns, es ist einfach so, dass sie nicht viel über uns wissen. Sie wollen unsere Knie schützen, sie wissen, dass wir nicht so kräftig sind. Was einfach die Art und Weise ist, wie der weibliche Körper beschaffen ist und wir akzeptieren das. Aber wir trainieren genauso hart und wir können mit etwas mehr Geschwindigkeit genauso gut von der Großschanze springen wie die Männer. Natürlich wollen wir ihnen nichts wegnehmen. Wir respektieren sie sehr. Aber wir wollen von den gleichen Schanzen springen.

Schweizer: Wollen sie (die verantwortlichen Funktionäre, Anm. d. Red.) Ihre Knie mehr schützen als die der Männer?

"Uns wird 33 Prozent von dem bezahlt, was die Männer bekommen"

Hendrickson: Ich weiß nicht. Das ist einfach alles neues Terrain. Es hat noch nicht so viele Studien gegeben. Es gibt wohl nicht so viel Information. Sie machen das so: Sie wollen es nicht so weit kommen lassen, dass Athletinnen verletzt werden. Sie sagen natürlich nicht, dass es soweit kommen wird. Für mich ist es frustrierend, weil als Frau und als Skispringerin weiß ich natürlich, dass es Risiken gibt. Wir wussten, als wir mit dem Sport mit sieben Jahren angefangen haben, dass es hier nicht um Eiskunstlauf oder Laufen geht. Es ist ein Extremsport und der bringt ein Verletzungsrisiko mit sich. Ich habe sechs Knieoperationen hinter mir aber am Ende des Tages liebe ich Skispringen, weil es so aufregend ist. Und es ist niederschmetternd, wenn einen Menschen von außen davon abhalten wollen, was man tun will. Und das ist: Fliegen und weiter fliegen.

Schweizer: Ist Skispringen aus Ihrer Sicht die diskriminierendste der Wintersportarten?

Hendrickson: Ich kenne dazu keine exakten Fakten. Aber ich würde sagen: Ja. Ich meine: Uns wird 33 Prozent von dem bezahlt, was die Männer bekommen. Wir haben - würde ich sagen - etwa 60 Prozent der Wettbewerbe im Vergleich zu den Männern. Wir haben eingeschränkte TV-Berichterstattung. Es ist ziemlich hart. Ich kenne die Zahlen aus anderen Sportarten nicht, aber ich würde definitiv sagen: Wir mischen da vorne mit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk