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StartseiteKultur heuteZwölf Wochen nach Charlie Hebdo29.03.2015

Diskussion der Akademie der Künste in Berlin Zwölf Wochen nach Charlie Hebdo

Die Karikaturisten Klaus Stuttmann vom Tagesspiegel, Katharina Greve von der Titanic und Til Mette vom Stern waren sich bei der gestrigen Diskussion in der Akademie der Künste in Berlin einig: Das Attentat auf Charlie Hebdo hat sie in ihrer Arbeit keineswegs verändert. Außer, dass ihrer Arbeit so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, wie selten.

Von Cornelius Wüllenkemper

Weiterführende Information

Islam in Frankreich - "Klima der gegenseitigen Verdächtigungen"
(Deutschlandfunk, Europa heute, 06.03.2015)

Frankreich - Ausschreitungen bei Anti-Hollande-Demo
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 27.01.2014)

Weder die Redaktionen noch sie selbst hätten die viel zitierte Schere im Kopf. "Satire darf alles", diese Überzeugung nach Kurt Tucholsky gilt für die Karikaturisten bis heute.

Obwohl - was Satire und was Volksverhetzung ist, kommt eben doch auf den kulturellen Rahmen und auf spezifische gesellschaftliche Konventionen an. Der Islam als solcher ist zum Beispiel anders als in Frankreich, für deutsche Karikaturisten kaum ein Thema. Auch der umstrittene französische Komiker Dieudonné, der wegen judenfeindlicher Äußerungen mehrfach gerichtlich verurteilt worden ist, wollte nach eigenem Bekunden die Menschen nur zum Lachen bringen. Die rote Linie zu ziehen zwischen einer Karikatur über den Missbrauch von Religion und einer blasphemischen Entwürdigung gläubiger Menschen, ist schlicht nicht möglich. Gerade das Spiel mit der roten Linie, so sagte Akademie-Präsident Klaus Staeck, mache doch die Satire aus. Für Staeck bedeutet Satire "die unverschuldet Schwachen gegen den Übermut der Starken zu verteidigen."

Eine angenehm hitzige Debatte

Eine bedenkenswerte Definition, die den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mayzek, darauf brachte, dass die Muslime doch gerade zur Gruppe der schwachen gehören. Nicht nur sind sie mit den kriminellen Extremisten bestraft, die mit dem Koran in der Hand morden und Terror verbreiten. Für Mayzek werden die vier Millionen friedfertigen Muslime in Deutschland jetzt noch zusätzlich marginalisiert. Dabei habe der Islam über Jahrtausende bewiesen, dass gerade die Fähigkeit, sich in verschiedene Gesellschaften und Kulturen einzufügen, eine seiner größten Stärken sei. Mayzeks Feststellung, die Muslime in der Welt seien "schwach und depressiv", seine Forderung, sie unter "besonderen Schutz" zu stellen, hatte angesichts der fortlaufenden Terror-Meldungen einen Beigeschmack von Selbstmitleid.

Thoma Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung forderte Mayzek in einer angenehm hitzigen Debatte auf, für mehr politisch-gesellschaftliches Engagement innerhalb der muslimischen Gemeinde in Deutschland zu sorgen. Andererseits kritisierte Krüger den "Zynismus der kapitalistisch-liberalen Gesellschaft": Der Slogan "Je suis Charlie" wurde besonders im Internet als Marketing-Objekt in Form von Tassen, T-Shirts, Aufklebern und sonstigen Kitsch-Devotionalien zu Geld gemacht. Eine Gesellschaft, die sich auf diese Weise mit den grundlegenden Fragen ihrer Verfasstheit und ihrer Freiheitswerte auseinandersetzt, sei schlicht nicht glaubwürdig.

Das Leben ist nur mit Satire zu ertragen

Zwölf Wochen nach Charlie Hebdo haben wir gelernt, dass wir nie damit abschließen können werden, die Rede-, Religions- und Kunstfreiheit gegeneinander abzuwägen. Und dass wir die Freiheit des anderen aushalten müssen, und übrigens auch dessen Dummheit. Beleidigt fühlt sich immer irgendwer, aus Gründen, die nicht jeder verstehen muss. Eine schlichte, gute Nachricht überbrachte Klaus Staeck am Ende der Diskussion: das Leben sei überhaupt nur mit Satire zu ertragen. Gemeinsam lachen verbindet, lachen über seinesgleichen, den anderen oder sich selbst.

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