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StartseiteKultur heuteKultur als städtische Lebensqualität?09.12.2015

Diskussion in BerlinKultur als städtische Lebensqualität?

Es war ein Überraschungserfolg: Im Berliner Haushalt werden für das Jahr 2016 zusätzlich 7,5 Millionen Euro für die freie Kunstszene eingeplant. Kurz vor der Verabschiedung des Haushalts diskutierten im Bauhaus Archiv Vertreter der freien Szene mit Kulturstaatssekretär Tim Renner über den Zusammenhang zwischen Stadtentwicklung und Kunstszene - zwischen "Zellen des Scheiterns" und neuen Modellen der Stadtpolitik.

Von Cornelius Wüllenkemper

Porträtfoto von Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner. Er verfolgt am 18.02.2015 in Berlin die Veranstaltung "Wie kann Olympia zu einer positiven Stadtentwicklung beitragen". (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
Umstritten in der freien Kunstszene: Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner (dpa / picture alliance / Paul Zinken)
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Es war ein geradezu einträchtiges Bild, wie Kulturstaatssekretär Tim Renner im voll besetzten Glaspavillon des Berliner Bauhaus Archivs mit Vertretern der Berliner Kreativklasse über die "Kultur als städtische Lebensqualität" diskutierte. Es ist nur wenige Wochen her, dass die freie Kunstszene der Hauptstadt Alarm schlug gegen den einstigen Kulturmanager Renner. Mit dem neuen Haushalt kam der Paukenschlag: für die freie Kunstszene sind zusätzlich 7,5 Millionen Euro eingeplant, und aus der City-Tax, der Übernachtungssteuer für Touristen, fließen ab 2016 noch einmal 2,5 Millionen Euro pro Jahr. Für Christophe Knoch, Sprecher der Koalition der Freien Szene Berlin, die erst vor wenigen Wochen den Dialog mit dem Senat öffentlich für beendet erklärt hatte, ein fulminanter Überraschungserfolg:

"Das spannende an der City-Tax ist, dass das in einen partizipativen Prozess gelaufen ist. Dass wir Vorschläge gemacht haben, und die Exekutive darauf geantwortet hat und die Legislative darauf geantwortet hat. Und das ist tatsächlich etwas sehr sehr Neues, dass die Bürgergesellschaft sich zusammengetan hat – das ist in der Kunst so, das könnte aber auch für viele andere Sachen so passieren – und dass dann in einem dialogischen Verfahren neue Modelle entwickelt werden."

Neue Modelle der Stadtentwicklung und eine zeitgerechte Verbindung von Zivilgesellschaft, Kunst und Politik forderte auf der Berliner Diskussion auch Annemarie Jaeggi vom Bauhaus Archiv Berlin, der weltweit größten Sammlung der Bauhausschule. Ihre Institution erhält im neuen Berliner Landesetat den Zuschlag für einen umfangreichen Anbau, der nicht auch als Forum für gesellschaftspolitische Debatten genutzt werden soll. Kurz vor dem 100. Geburtstag der Bauhausschule werde immer wieder nach der heutigen Relevanz der damaligen städtebaulichen Lösungen und Finanzierungskonzepte gefragt. Zu Unrecht, meint Annemarie Jaeggi:

"Das Bauhaus kommt jetzt nicht mit einem Sack voll heilsbringender Antworten auf die Fragen, die wir heute haben. Aber es gibt ganz grundsätzliche Fragen: wie wollen wir leben? Wie soll dieses Leben und diese Welt auch schöner werden? Wie können wir Wohnraum für viele zur Verfügung stellen? Dafür hat die Weimarer Republik riesengroße Programme angeboten, mit seinen Siedlungsvorgaben und Siedlungswerken, die wir uns ja heute unter UNESCO-Weltkulturerbe stellen. Das Bauhaus selbst hat überhaupt nicht zurückgeguckt, das Bauhaus hat Utopien entwickelt."

Kein Etat für stadtpolitische Experimente

An Utopien mangelt es in Berlin freilich nicht. Gerade konnte sich die Kreativklasse mit ihren Forderungen nach flexibleren Förderprogrammen und einer kulturfreundlicheren Grundstückspolitik durchsetzen, schon wird das nächste Stadtentwicklungsprojekt ventiliert: das ehemalige Haus der Statistik der DDR, ein seit Jahren leer stehender Büroturm direkt am Alexanderplatz, soll anteilig als Flüchtlingsunterkunft und Atelierhaus hergerichtet werden. So will man gesellschaftliche Integration und Beschäftigung von Flüchtlingen und künstlerische Infrastruktur zugleich fördern. Der politische Wille für dieses unkonventionelle Stadtentwicklungsprojekt sei vorhanden, betonte Kulturstaatsekretär Tim Renner. Doch sehe der Landeshaushalt leider keinen Etat für stadtpolitische Experimente vor:

"Verwaltung hat mit Scheitern ein riesiges Problem. Wenn du wirtschaftlich aktiv bist, wo es um Millionen gehen kann und das scheitert, dann ist das das Geld des doofen Investors oder des eh nervenden Eigentümers. Hier sind es Staatsgelder. Und da ist eben die Angst, etwas falsch zu machen und es lieber sauber dokumentiert zu haben, warum etwas nicht funktionieren kann, fast wichtiger als das Risiko des Scheiterns. Diese Kultur des Scheiterns in die Verwaltung reinzubringen, das ist wahrscheinlich eine der größten Herausforderungen, die wir in Berlin haben."

"Zellen des Scheiterns" in der Stadtentwicklung zu erlauben, so lautete die Forderung, auf die man sich am Ende der Diskussion in Berlin einigte. Die freie Künstlerszene, die immerhin nicht unwesentlich Berlins Ruf in der Welt prägt, darf dabei derzeit so viel mitreden wie selten zuvor.

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