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StartseiteKommentare und Themen der WocheAmberg und Bottrop - wie Äpfel und Birnen02.01.2019

Diskussion über GewalttatenAmberg und Bottrop - wie Äpfel und Birnen

Die beiden Straftaten von Amberg und Bottrop seien nicht vergleichbar, meint unser Kommentator Marco Bertolaso. Bei Verbrechen sollte man überdies beurteilen, welcher Art sie sind - und nicht danach, wer sie begeht.

Von Marco Bertolaso

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Rot-weißes Band sperrt einen Straßenteil. Im Hintergrund ein Polizeifahrzeug. (dpa/Marcel Kusch)
"Meine Hoffnung ist, dass wir gemeinsam beide Taten verurteilen", schreibt Marco Bertolaso. Im Bild: Die Osterfelder Straße in Bottrop, nachdem ein Mann seinen Wagen dort in der Silvesternacht gezielt in eine Fußgängergruppe gesteuert hat. (dpa/Marcel Kusch)
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Deutschland spricht heute über zwei Gewalttaten. Doch wer Amberg mit Bottrop vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. Vergessen wir kurz die Herkunft der Täter. In Bottrop und Essen hat ein Mann offenbar versucht, viele Menschen zu töten. Was er getan hat, das nennt man Terror. Käme er aus Syrien, ja hätte man in seiner Wohnung nur eine einzige abgewetzte Reclam-Ausgabe des Koran gefunden, in Deutschland wäre der Teufel los.

In Amberg haben vier jugendliche Asylsuchende Passanten verletzt. Das ist ebenfalls ein schlimmes Verbrechen. Doch so hart es klingt: Wären die brutalen Schläger von Amberg oberpfälzische Abiturienten, die Meldung wäre nicht über die regionalen Medien hinausgekommen. Gewaltexzesse von jungen Männern mit oder ohne Alkohol sind kein Einzelfall.

In Bottrop ist ein Wutbürger zur Tat geschritten

Nun erleben wir wieder das traurige Schauspiel, dass zwei Verbrechen aufgerechnet werden. Wir erleben eine gespaltene Gesellschaft, in der die einen nur die Tat aus dem Ruhrgebiet sehen und die anderen nur in die Oberpfalz schauen. Doch wer A sagt wie Amberg, der muss auch B sagen wie Bottrop. Beides gehört zur deutschen Wirklichkeit.

In Bottrop ist ein Wutbürger zur Tat geschritten, nicht weit vom NSU entfernt. Ministerpräsident Laschet hat das bewertet und verurteilt. Wir warten noch auf ähnlich klare Worte des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin. Warum eigentlich? Auch die AfD-Spitze fordere ich dazu auf, die Amokfahrt eindeutig zu verurteilen. Das ist die Gelegenheit, Farbe zu bekennen.

Deutschland hat ein Rassismus-Problem

Unruhig werde ich bei Hinweisen auf die psychischen Probleme des Amokfahrers. Nicht, weil ich das nicht für möglich halte. Nicht, weil ich kein Mitgefühl hätte. Doch es ist ein Muster im Westen, weißen Terror – und nur den – so zu erklären. Als ob Terror nicht immer Terror wäre. Als ob nicht alle Terroristen eine gravierende Störung haben müssen.

Es bleibt dabei, Deutschland hat ein großes Problem mit Rassismus. Der Mann aus Essen hat rassistisch gehandelt und nicht ausländerfeindlich. Denn er hatte wohl nicht die Absicht, Neuseeländer oder Schweizer zu töten. Wir haben übrigens auch ein Problem mit Antisemitismus.

In Amberg wurde auch die Gastfreundschaft mit Füßen getreten

In Amberg haben Asylbewerber Passanten mit Füßen getreten, genauso wie die Gastfreundschaft Deutschlands. Sie haben allen Flüchtlingen geschadet. Sie müssen schnell ihre gerechte Strafe bekommen. Und es bleibt richtig, dass Deutschland den Flüchtlingsherbst 2015 und die überfordernde Zeit danach aufarbeiten muss, dass weitere Lehren gezogen werden.

Verbrechen nicht nach Herkunft der Täter beurteilen

Amberg und Bottrop. Zwei deutsche Orte jenseits der Metropolen, dort wo die meisten Menschen leben. Dort, wo die Medien zu wenig hinschauen. Dort wo sich Wahlen entscheiden und die Akzeptanz unserer Demokratie. Meine Gedanken gelten den Opfern von Amberg, Bottrop und Essen. Meine Hoffnung ist, dass wir gemeinsam beide Taten verurteilen. Meine Hoffnung ist, dass wir Verbrechen danach beurteilen, welcher Art sie sind, und nicht danach, wer sie begeht. 

Dr. Marco Bertolaso: Deutschlandfunk - Leitung Zentrale Nachrichten  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marco Bertolaso (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marco Bertolaso ist Nachrichtenchef des Dlf und auch für die Aktualität im Netz verantwortlich. 
Vor seiner Zeit beim Deutschlandfunk hat der promovierte Historiker unter anderem im Deutschen Bundestag gearbeitet. 
Bei Twitter können Sie @mbertolaso folgen.

 

 

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