Mittwoch, 13.11.2019
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteForschung aktuell"Weniger Fettleibigkeit, weniger Diabetes"06.09.2019

Diskussion um Zuckersteuer"Weniger Fettleibigkeit, weniger Diabetes"

Softdrinks enthalten viel Zucker und verursachen Fettleibigkeit und Diabetes. Um die Verbraucher besser zu schützen, erheben über 30 Länder eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Man sollte die Zuckermenge besteuern, sagte die Verhaltensbiologin Anna Grummon im Dlf.

Anna Grummon im Gespräch mit Christiane Knoll

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Softdrinks in Flaschen, Dosen, Tetra-Paks. (imago / Bildgehege)
Süß, süßer, am süßesten: Softdrinks sind eine der Hauptquellen ungesunder Ernährung. (imago / Bildgehege)
Mehr zum Thema

Großbritannien - Mit Zuckersteuer und Werbeverbot gegen Übergewicht

Zuckersteuer in Großbritannien - Süßstoff als Steuerschlupfloch

Ernährungsdebatte in Deutschland - Süße Versuchung Zuckersteuer

Christiane Knoll: Manchmal ist es von Vorteil, wenn eine Nation spät dran ist. Dann kann sie mit Abstand auf die Erfahrungen anderswo blicken, und gleich ein richtig gutes Gesetz auf den Weg bringen. Die Zuckersteuer wäre so ein Fall. Gut 30 Länder besteuern süße Getränke bereits, aber wie eine Studie heute im Fachmagazin Science durchrechnet, könnte eine Zuckersteuer die Gesellschaft noch viel effektiver vor Übergewicht und Diabetes schützen. Eine der Autorinnen ist die Verhaltensbiologin Anna Grummon von der Harvard Chan School of Public Health in Boston. Ich habe sie vorhin gefragt: Warum werden Zuckersteuern aktuell nur auf Getränke erhoben und nicht auch für Schokolade?

Anna Grummon: Da gibt es zwei wesentliche Gründe. Einmal denken wir, dass Zucker in flüssiger Form mehr Schaden anrichtet als zum Beispiel in Keksen oder Kuchen, weil er jeweils anders im Körper verwertet wird. Der zweite Grund ist, dass Limonaden oder Fruchtdrinks kaum gute Inhaltsstoffe enthalten. Deshalb ist es für Politiker und Entscheider einfach, Argumente gegen Softdrinks zu finden, wenn sie gegen den Zuckerkonsum vorgehen wollen.

Besteuerung des Zuckergehaltes ist die beste Lösung

Knoll: Die meisten Länder besteuern nach Flüssigkeitsmenge. Sie sagen aber jetzt: Das ist bei weitem nicht die beste Wahl. Wie kommen Sie zu dem Schluss?

Grummon: Die meisten Länder besteuern mit einem Cent pro Unze oder einem Euro pro Liter. Solche Steuern sind besser als gar keine Steuer. Aber nach dem Zuckergehalt zu besteuern, wäre besser. Der Grund ist: Die Getränke varriieren sehr stark in ihrem Zuckergehalt. Manche Limo ist deutlich süßer als Eistee zum Beispiel. Wenn Sie das nach Volumen gleich besteuern, dann motivieren Sie den Verbraucher nicht, vom süßen zum weniger süßen Getränk zu wechseln. Wenn Sie dagegen den Zucker direkt besteuern, schaffen Sie das vielleicht, was besser für die Gesundheit wäre.

Knoll: Können Sie den Gewinn beziffern?

Grummon: Ja, unsere Berechnungen ergeben, dass Besteuern nach Zuckergehalt um 30 Prozent mehr Effekt für die Gesundheit liefern könnte als eine Besteuerung nach Volumen: 30 Prozent weniger Fettleibigkeit, 30 Prozent weniger Diabetes, aber auch 30 Prozent Zuwachs bei der ökonomischen Effizienz. Das sind also Durchschnittswerte.

Ob Süßstoffe gesünder sind ist noch unklar

Knoll: Softdrink-Unternehmen zum Beispiel in Großbritannien, wo die Steuer bereits auf den Zucker-Gehalt erhoben wird, haben den Zuckergehalt  in ihren Getränken tatsächlich verringert, aber dann durch Süßstoffe ersetzt. Ist das so gewollt?

Grummon: Gute Frage, da sind wir sehr interessiert, noch mehr Informationen zu sammeln. Ich denke, die Forschung ist noch nicht so weit, dass sie die Gesundheitsgefahren durch künstliche Süßstoffe exakt beziffern könnte. Heutige Studien legen nahe, dass Süßstoffe vermutlich keine Gewichtszunahme verursachen, aber was langfristig passiert, wissen wir noch nicht. Vielleicht müssen wir irgendwann neu darüber nachdenken, ob wir solche Steuern auf beides erheben: auf kalorienhaltigen Zucker und auf künstlichen Zuckerersatz. Aber dafür brauchen wir mehr Evidenz.

Getränke sind größte Zuckerquelle in der Ernährung

Knoll: In Deutschland haben wir bislang keine Zuckersteuer, und es wird hier auch nicht ernsthaft diskutiert: Wie wichtig wäre eine solche Steuer denn aus Ihrer Sicht, was könnte sie bewirken?

Grummon: Ich denke, das hängt vom Umfeld ab, weil der Konsum so unterschiedlich ist in den einzelnen Ländern. In den USA und in Mexiko ist er zum Beispiel extrem hoch, woanders mag das anders sein, und davon hängt auch der Effekt ab, den wir mit der Steuer bewirken können. In den USA sind zuckerhaltige Getränke die größte Quelle für Zucker in der Ernährung. Und sie liefern sieben Prozent unserer Kalorien. Das ist nicht das ganze Problem aber offensichtlich eine tief hängende Frucht; und das gilt sicher für viele andere Länder genauso.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk