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Diversität Theater von allen

Mehr Mut zur Vielfalt - das wünschen sich Theaterregisseure, Wissenschaftlerinnen und Festivalleiter. In der Berliner Volksbühne diskutierten sie über Diversität im deutschen Theaterbetrieb. Auch die Forderung nach Quoten wurde laut - um damit Vorurteile zu verändern.

Von Oliver Kranz

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Das "Good Chance Theatre" veranstaltet Theater in Flüchtlingscamps. In einem Erstaufnahmezentrum am Stadtrand von Paris führten Geflüchtete die "Hope Show" auf. (Kathrin Hondl / Deutschlandradio)
So könnte Diversität auf der Theaterbühne aussehen: Das "Good Chance Theatre" macht Theater mit Geflüchteten (Kathrin Hondl / Deutschlandradio)
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Pinar Karabulut ist Theaterregisseurin - Kind türkischer Einwanderer, aufgewachsen am Niederrhein. Obwohl sie erst 32 ist, hat sie schon in Berlin, Wien, München und Zürich inszeniert. Dabei setzt sie gern Schauspieler mit ausländischen Wurzeln ein. Doch das, sagt sie, sei im deutschen Theater nicht selbstverständlich: "Weil es noch zu viele Menschen, egal ob männlich oder weiblich, draußen auf der Straße, in der U-Bahn, im Theater, auf der Bühne, hinter der Bühne gibt, die ein Problem damit haben und das nicht gerne sehen."

Wer ausländisch aussieht oder mit Akzent spricht, habe es schwer, sagte Pinar Karabulut bei der Podiumsdiskussion im Roten Salon der Volksbühne: "Für mich bedeutet Diversität, dass ich ein queeres, feministisches Ensemble habe, mit gewissen sogenannten Migrationshintergründen, aber zur Diversität gehören auch deutsche Schauspieler. Für mich kann das auch bedeuten: Es sitzt jemand im Rollstuhl oder es hat jemand eine Sprachschwierigkeit."

"Wir brauchen Quoten"

Denn auch diese Menschen kommen im Theaterbetrieb selten vor. In Berlin hat die Kulturverwaltung ein Projektbüro eingerichtet, das die Diversität der Kulturszene fördern soll. Es wird von Sandrine Micossé-Aikins geleitet:

"Wir brauchen eigentlich Quoten. Es gibt tatsächlich einige Hinweise darauf, dass Quoten sehr erfolgreich sein können. Nicht nur im Hinblick darauf, wie sich die Zusammensetzung eine Mitarbeiterinnenschaft verändert, sondern auch darauf, wie sich Menschen anders kennenlernen und sich anders wahrnehmen und sich dadurch Vorurteile verändern."

Doch Quoten sind natürlich nur ein Instrument, um für Diversität in der Kulturlandschaft zu sorgen, Änderungen im Bildungssystem wären ein anderes. Sandrine Micossé-Aikins kritisierte die Kunsthochschulen: "Schon in der Auswahl, wer an eine Schauspielschule oder eine Kunsthochschule kommt, da finden bereits im Auswahlverfahren bestimmte Ausschlüsse statt, die dazu führen, dass bestimmte Menschen da gar nicht erst reinkommen."

Normen kommen ins Wanken

Wer weiß, männlich und heterosexuell ist, ist in Deutschland definitiv im Vorteil. Das sagte auch Susanne Keuchel, die die Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen leitet. Doch langsam kämen die alten Normen ins Wanken. In punkto Geschlechtergerechtigkeit könne man Fortschritte verzeichnen - doch darüber werde auch schon lange diskutiert:

"Die 68er-Bewegung war der erste große Aufschlag, wo man angefangen hat, die Geschlechterrollen 'Mann-Frau' in Frage zu stellen, während der Diskurs im Kontext von Migration in Deutschland leider relativ spät angefangen hat. Man hat sich ja ganz lange Zeit geweigert zu akzeptieren, dass man Einwanderungsland ist."

Und das, so Susanne Keuchel, habe die Öffnung der deutschen Gesellschaft erschwert. Die Teilnehmerinnen der Diskussion in der Volksbühne forderten mehr Toleranz - vor allem in Sachen Sprache. Pinar Karabulut versteht nicht, warum Schauspieler, die mit Akzent sprechen, von den Bühnen oft abgelehnt werden: "Was soll das? Vor allen Dingen kann ich das als Regisseurin entscheiden, ob ich eine Spielerin oder einen Spieler haben will, wie gut er spricht oder nicht. Und wenn, dann kann man das, wie es so schön heißt, benutzen oder als Mittel sehen. Vielleicht will ich ja genau das erzählen."

Dem Publikum die Ohren öffnen

Womit allerdings nicht gemeint ist, dass Migranten nur Migranten spielen sollen. Pinar Karabulut möchte dem Publikum die Ohren öffnen. Sprachfärbungen oder selbst Sprachfehler können etwas über Figuren erzählen: "Mein Wunsch wäre, dass alle alles spielen dürfen. Aber das müsste halt bedeuten, dass es eine Form von divers im Sinne von 'PoC', von queer, von 'nicht abled' auf der Bühne zu sehen sein müsste."

Doch das wäre ein Systemwechsel. Es müsste sich nicht nur die Zusammensetzung der Ensembles ändern, sondern auch die der Leitungsetagen. Menschen mit anderer Herkunft, oder 'PoCs', wie sie Pınar Karabulut nennt, müssten auch in den Dramaturgien sitzen, wo die Spielpläne zusammengestellt werden.

Widerspruch gab es in der Volksbühne nicht - es saßen weder Intendanten noch rechte Kulturpolitiker auf dem Podium. So wurde aus der Diskussion eher ein Selbstvergewisserungsgespräch. Die Forderungen, die dabei gestellt wurden, haben es aber durchaus in sich. Der deutsch-vietnamesische Regisseur Dan Thy Nguyen brachte es auf den Punkt: Es gehe nicht darum, ein Stück vom Kuchen zu bekommen, sondern darum, Baklava zu machen.

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