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StartseiteKultur heuteWeitere Ölanschläge in deutschen Museen19.11.2020

Dlf-RechercheWeitere Ölanschläge in deutschen Museen

Am Ort der Potsdamer Konferenz sowie auf der Wewelsburg in Paderborn hat es weitere Vandalismus-Attacken auf Kunstwerke gegeben. Das ergab eine Recherche von "Die Zeit" und Deutschlandfunk. Da die Orte geschichtspolitisch bedeutsam sind, könnte eine Verbindung zu Rechtsradikalen bestehen.

Von Stefan Koldehoff und Tobias Timm

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Der Konferenzsaal der Potsdamer Konferenz im Schloss Cecilienhof (imago images / Camera4)
In Schloss Cecilienhof wurden mehrere Ölspuren entdeckt (imago images / Camera4)
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Neben dem Anschlag auf der Berliner Museumsinsel gab es zwei weitere Angriffe auf Kunstwerke und an Orten, die aus rechter oder rechts-esoterischer Perspektive relevant sind: Nach Recherchen von Deutschlandfunk und "Zeit Online" gab es  im Sommer auf der Wewelsburg bei Paderborn eine ähnliche Tat. Die Wewelsburg wurde von den Nationalsozialisten als Kultstätte und Versammlungsort genutzt. Hier gibt es ein großes Mosaik der sogenannten "Schwarzen Sonne" - ein Symbol, das an drei übereinander gelegte Hakenkreuze erinnert.

Nur zwei Wochen vor der Berliner Attacke wurde ein ähnlicher Vorfall auch im Schloss Cecilienhof in Potsdam entdeckt, wo die Potsdamer Konferenz stattfand. Hier legten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion die Grundlage für die politische und geografische Neuordnung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Dort attackierten Unbekannte unter anderem die Skulptur einer Amazone des Bildhauers Louis Tuaillon. Die Ölspuren erstreckten sich vom Hals des Pferdes, auf dem die Kriegerin sitzt, bis auf deren Oberschenkel.

Eine ölige Flüssigkeit wurde auf einen mit Hyroglyphen beschriebenen Sarkophag gespritzt. (picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa) (picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)Berliner Museumsinsel - Anschlag auf die Weltkultur
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Aufrufe von Attila Hildmann

Die Vandalismus-Attacke auf die Berliner Museumsinsel, bei der Unbekannte am Tag der Deutschen Einheit über eine Stunde lang unbemerkt rund 70 Kulturgüter mit Olivenöl bespritzen konnten, hatte also mehr Vorbilder als bislang bekannt. 

Wie bei den beiden anderen Tatorten ist auch für Potsdam ein politischer Hintergrund denkbar. Vor dem Anschlag auf der Museumsinsel hatten rechtsgerichtete Verschwörungsideologen zu einem Angriff auf das Pergamonmuseum aufgerufen. Der sich selbst als "ultrarechts" bezeichnende Koch Attila Hildmann hatte in mehreren – inzwischen teilweise gelöschten – Nachrichten über seinen Telegram-Account fantasiert, dass sich im Pergamonmuseum "der Thron des Satans" befinde; es sei das Zentrum der "globalen Satanisten-Szene und Corona Verbrecher": "Hier machen sie nachts ihre Menschenopfer und schänden Kinder!" Hildmann markierte das Haus in einem Beitrag für seine Zehntausenden Follower auf einem Satellitenfoto.

Am 23. August, als das Pergamonmuseum coronabedingt noch geschlossen war, teilte Hildmann auf seinem Telegram-Kanal einen WhatsApp-Beitrag mit den Sätzen: "Am Samstag muss das Allerheiligste dieser Satanisten abgerissen werden! Das Pergamon Museum, der Baal Tempel! Das ist der Ursprung allen Übels hier auf der 'Erde'!" Sechs Wochen später, am ersten Tag, an dem das Pergamon-Museum wieder geöffnet war, fanden dort und in drei weiteren Häusern der Museumsinsel die Ölanschläge statt. Öl wird in zahlreichen religiösen oder kultischen Zusammenhängen eine reinigende oder heilende Wirkung zugeschrieben.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, steht an der Treppe der Villa von der Heydt. (dpa / Christoph Soeder) (dpa / Christoph Soeder)Anschlag auf Berliner Museumsinsel - "Neue Bedrohungslage"
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Vandalismus auf der Wewelsburg

Auch die Vandalismus-Aktion auf der Wewelsburg in Ostwestfalen, die schon im Sommer stattgefunden hatte, könnte eine Verbindung zu Rechtsradikalen aufweisen. Im sogenannten Obergruppenführersaal im Nordturm der Burg, die die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 als Kultstätte, Wallfahrtsort und Versammlungsort für SS-Führer nutzten, befindet sich ein großes Bodenmosaik aus dunkelgrünem Marmor mit der sogenannten Schwarzen Sonne. Das Symbol, das an drei versetzt übereinander gelegte Hakenkreuze erinnert, dient der rechten Szene als Identifikationszeichen. Am 12. Juli hatten Mitarbeiter entdeckt, dass im Kreismuseum auf der Burg etwa 50 Objekte mit Öl beschädigt worden waren – darunter historische Grenzsteine, Kaminsimse und die Reproduktion eines Gemäldezyklus. Auch vor dem abgesperrten Saal mit der "Schwarzen Sonne" fanden sich Ölspuren. Wie später in Berlin hinterließen die Täter auch hier kein Bekennerschreiben.

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Attacke auf Skulptur in Schloss Cecilienhof

Schloss Cecilienhof ist ein geschichtspolitisch bedeutsamer Ort für das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Hier fand unmittelbar nach dem Krieg im Juli und August 1945 die "Potsdamer Konferenz" statt, bei der die USA, Großbritannien und die Sowjetunion über die Neuordnung der Welt berieten. Für Deutschland wurden im "Potsdamer Abkommen" die politischen und geografischen Rahmenbedingungen, seine Entmilitarisierung, die Höhe der Reparationszahlungen und der Umgang mit Kriegsverbrechern festgelegt. Die damit in Schloss Cecilienhof auch völkerrechtlich bestätigte Niederlage und das Ende des nationalsozialistischen Deutschen Reichs erkennt die zu Teilen rechtsradikale "Reichsbürgerbewegung" nicht an. Die attackierte Amazonen-Skulptur steht im ehemaligen Arbeitszimmer der amerikanischen Delegation. Weitere Ölspuren fanden sich im Kaminzimmer und in jenem Raum, in dem in die historische Ausstellung zur Geschichte des Schlosses und der "Potsdamer Konferenz" eingeführt wird.

Schwarze Sonne mit übereinandergelegten Hakenkreuzen im Fußboden des Obergruppenführersaal, Wewelsburg, heute Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene (picture alliance / imageBROKER)Die Schwarze Sonne dient der rechten Szene als Identifikationszeichen (picture alliance / imageBROKER)

Gemeinsamkeiten aller drei Fälle

In allen drei nun bekannten Fällen wurden Kunstwerke aus rechter oder aber rechts-esoterischer Perspektive politisch relevanten Orten angegriffen. In allen drei Fällen geschah dies unbemerkt während der Öffnungszeiten, und in allen drei Fällen wurde dafür pflanzliches Öl verwendet: zu viele Übereinstimmungen für einen Zufall. Im Berliner und Potsdamer Fall wurden weder die Öffentlichkeit noch großflächig andere Museen darüber informiert, dass sich Angriffe dieser Art – während der Öffnungszeiten und auch mit gefährlicheren Substanzen – jederzeit wiederholen könnten.

Nachdem "Zeit" und Deutschlandfunk den bis dahin geheim gehaltenen Angriff auf die Museumsinsel öffentlich gemacht hatten, gab die verantwortliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegenüber ihrer Stiftungsratsvorsitzenden, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, eine schriftliche Stellungnahme ab. In dem neunseitigen Papier, das Deutschlandfunk und "Zeit Online" vorliegt, wird eine Reihe von Defiziten in der Sicherheitsarchitektur der Berliner Museen klar benannt:

"Die separat aufgezeichneten Bilder der Kamera im Nordkuppelsaal Raum 2.10 im Neuen Museum wurden ausgewertet – ohne Ergebnis. Die Speicherung der übrigen Kameras der Videoüberwachungsanlage im Neuen Museum war unbemerkt ausgefallen nach einem Software-Update des Videoservers im September. Deshalb konnten deren Bilder nicht ausgewertet werden. (…) Bei der nächsten turnusmäßig im Jahr 2021 zu erfolgenden Ausschreibung der Leistungen "Sicherheitsdienstleistungen" sollen als Zuschlagskriterien neben den preislichen auch fachliche Kriterien ausschlaggebend sein.(*)

Zumindest derzeit müssen sich die Museen über weiteren Vandalismus keine Gedanken machen: Sie sind wegen der Corona-Pandemie bis mindestens Ende November geschlossen: Zeit, die Suche nach Motiven und Vorgehensweisen der Täter intensiv fortzusetzen, Attacken abzugleichen und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen abzusprechen und zu finanzieren – damit der Angriff auf die Museumsinsel auch die letzte dieser Art von Ölung bleibt.

(*) "An dieser Stelle haben wir aus Sicherheitsgründen eine Passage gelöscht

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