Sonntag, 18.08.2019
 
StartseiteSportgespräch"Der Fußball war ein zu erdrückendes Thema"30.06.2019

Dlf-Sportgespräch mit Toni Kroos"Der Fußball war ein zu erdrückendes Thema"

Weltmeister, Champions-League-Sieger, Fußballer des Jahres: Toni Kroos ist einer der erfolgreichsten Fußballer Deutschlands. Im Dlf-Sportgespräch gab er auch einen Einblick in sein Seelenleben und verrät, warum er mit seinem Vater nicht über seine intimsten Probleme spricht.

Toni Kroos im Gespräch mit Philipp Nagel

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Toni Kroos mit dem Pokal in der Hand nach dem Spiel gegen Juventus. (Imago / Moritz Müller)
Toni Kroos gewann als einziger deutscher Spieler bisher viermal die Champions League (Imago / Moritz Müller)
Mehr zum Thema

Ronald Reng zur Fußball-WM "Im taktischen Bereich ein großer Stillstand"

"Expected Goals" Von Chancentoden und fast unmöglichen Toren

Journalist Escher zum deutschen WM-Aus "Da fehlte die Eingespieltheit"

Nach deutscher Niederlage "Einfach nur so weiter wird nicht möglich sein"

Anlässlich der Kinopremiere des Dokumentarfilm "KROOS" äußerte sich der Fußball-Nationalspieler Toni Kroos exklusiv im Deutschlandfunk-Sportgespräch. In der Dokumentation wird der Weg, den Kroos von seinem Geburtsort Greifswald bis zum spanischen Rekordmeister Real Madrid zurückgelegt hat, verfolgt und beleuchtet.

Er wolle mit seiner Dokumentation erreichen, den Zuschauern die Person Toni Kroos etwas näher zu bringen, sagte der Weltmeister von 2014 im Dlf.  

Mit 15, 16 Jahren habe er zum ersten Mal gemerkt, dass er die Chance habe den Weg in den Profi-Fußball zu schaffen. Im Sommer 2006 war Kroos aus der Jugend von Hansa Rostock zum FC Bayern München gewechselt und hatte auch das Elternhaus in Rostock verlassen. "Plötzlich bist du von einem auf den anderen Tag weg." Da sei ihm klar geworden, dass er diese Schritte alle unternehme, um den Weg in den bezahlten Fußball zu schaffen. 

Mit den Eltern "außer Fußball keine anderen Gesprächsthemen"

Kroos beschrieb im Sportgespräch auch das Verhältnis zu seinem Vater Roland, der ihn und seinen Bruder Felix als Jugendtrainer zuerst beim Greifswalder SC und später bei Hansa Rostock trainiert und begleitet habe. "Ich habe mit meinem Papa ein wirklich gutes Verhältnis, aber was vielleicht so ein bisschen auf der Strecke geblieben ist, dass es damals außer Fußball keine anderen Gesprächsthemen gab", reflektierte Kroos. 

Deswegen habe er über persönliche Themen mit anderen Personen geredet. Sein Vater sei wahrscheinlich zu fixiert darauf gewesen, aus seinen Söhnen Fußball-Profis zu machen und habe in dem ein oder anderen Augenblick vergessen, dass es auch die beiden Söhne sind, für die es auch noch etwas anderes gab. "Der Fußball war ein zu erdrückendes Thema damals. Die anderen menschlichen Gefühle wurde dann nicht so ganz bedient." Es gebe aber auch eine große Dankbarkeit gegenüber seinem Vater, der ihn fußballerisch dazu gebracht habe, wo er heute ist.  

Toni Kroos (li.) mit seinem Vater Roland. (imago images )"Der Fußball war ein zu erdrückendes Thema damals" - Toni Kroos (li.) mit seinem Vater Roland. (imago images )

Auch seine Mutter habe diese Rolle nicht komplett ausfüllen können, weil auch sie großen Wert darauf gelegt habe, dass sich ihre Söhne voll auf den Sport konzentrieren konnten. "Sie hat uns alles abgenommen, damit es mit dem Fußball gut klappt."

Enger sei in diesem Punkt seine Beziehung zu seinem Bruder Felix, der für ihn in der ersten Zeit im Bayern-Internat der Draht in die Heimat war. Ihn habe der frühe Auszug von zu Hause und die Zeit im Internat aber eher härter gemacht und gut für die Zeit als Berufsfußballer vorbereitet. "Entweder du kriegst es hin oder du kriegst es nicht hin, aber die Zeit alleine hat mir schon geholfen, relativ schnell erwachsen zu werden", sagte der Weltmeister von 2014 im Rückblick. 

"Bei Bayern bist du einer von vielen"

Zwar habe er sich in seiner Zeit in München wohl gefühlt, aber er habe von den Verantwortlichen des FC Bayern nie die richtige Wertschätzung empfunden. Im Nachhinein sei er deswegen froh, dass er den Weg nach Madrid gegangen ist.   

Im Sommer 2014 war der gebürtige Greifswalder, nachdem er sich mit dem FC Bayern nicht auf eine Verlängerung seines bis 2015 laufenden Vertrages hatte einigen können, als frisch gebackener Weltmeister zu Real Madrid in die spanische Primera División gewechselt. Laut übereinstimmenden Medienberichten betrug die Ablösesumme rund 30 Millionen Euro. Ein Transfer, der sich für Kroos nicht nur sportlich ausgezahlt hat. Immerhin gewann er mit den Madrilenen von 2016 bis 2018 drei Mal die Champions League in Folge - die wichtigste Trophäe im europäischen Vereinsfußball. 

"Bei Bayern bist du einer von vielen deutschen Nationalspielern. Wenn du dann zu Real Madrid gehst, gehst du ohnehin schon eine Stufe höher, wenn du dann auch noch der einzige Deutsche bist, hast du natürlich eine ganz andere Wahrnehmung." Auch, wenn er nicht nachtragend sein wolle, gab Kroos im Deutschlandfunk zu, dass es ihm gefallen habe, dass er in den beiden Jahren nach seinem Wechsel mit Real gegen Bayern München in der Champions League gewonnen habe. Einen Seitenhieb auf seinen alten Arbeitgeber konnte er sich nicht verkneifen: "Es war sicher nicht die klügste Entscheidung der Bayern, mich ziehen zu lassen".

Toni Kroos (li.) zusammen mit seinem Bruder Felix. (imago images / Ulmer / Cremer)Toni Kroos (li.) zusammen mit seinem Bruder Felix. (imago images / Ulmer / Cremer)

Der Verkauf von Kroos nach Madrid wird von vielen Experten kritisch gesehen. Unter anderem hatte sich der damalige Bayer-Trainer Pep Guardiola massiv gegen den Transfer seines Schützlings gewehrt. Der Wechsel von Kroos gegen den Willen Guardiolas gilt mit als Auslöser für den Weggang des spanischen Erfolgstrainers 2016 vom Rekordmeister zu Manchester City. 

"Haben jetzt wieder Spieler, die unangenehm für den Gegner sind"

Kroos kommentierte auch die Ausbootung von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller aus der Nationalmannschaft: "Das ist eine sportliche Entscheidung vom Bundestrainer. Der Trainer ist dafür verantwortlich, nach der schlechten WM wieder eine Mannschaft für die EM 2020 zu stellen, die wieder um den Titel mitspielt. Wenn er davon überzeugt ist, dass die drei dabei nicht helfen können, dann ist es konsequent zu sagen, dass andere Spieler entwicklungsfähiger sind."

Früher sei es für jüngere Spieler zudem viel schwieriger gewesen, Spielzeiten und Einsätze zu bekommen, sagte Kroos im Vergleich zu seiner Anfangszeit. "Früher musste man viel mehr arbeiten, um überhaupt eingewechselt zu werden, um überhaupt eine Chance zu bekommen."

Toni Kroos schießt in der Nachspielzeit das 2:1 für Deutschland und wendet damit das Vorrundenaus ab. (picture alliance / dpa)Toni Kroos bejubelt seinen Treffer in der Nachspielzeit beim WM-Gruppenspiel gegen Schweden (picture alliance / dpa)

Die aktuelle, runderneuerte Nationalmannschaft sei "sehr jung, aber auch extrem entwicklungsfähig", sagte der dreifache Familienvater. Die Mannschaft könne bei der EM 2020 eine gute Rolle spielen. Er habe momentan ein besseres Gefühl, als noch vor der WM 2018. "Die damals noch schwankenden Spieler haben einen extrem großen Schritt nach vorne gemacht. Wir haben jetzt wieder Spieler, die andere Attribute mit reinbringen, die wirklich unangenehm für den Gegner sein können." Kroos erwähnte hier besonders die Entwicklung der Nationalspieler Leroy Sané, Serge Gnabry und Joshua Kimmich. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk